Eltern erzählen von ihrer Zeit im Lockdown (3/3)

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Der Lockdown hat Familien hart erwischt. Kindergärten und Schulen wurden geschlossen – Familien, die nicht in systemrelevanten Berufen arbeiten, mussten und müssen ihre Kinder selber betreuen und beschulen, egal ob sie dabei gleichzeitig im Homeoffice arbeiten. Das Abitur wurde verlegt, Schüler, die keine der relevanten Jahrgangsstufen besuchen, werden ihre Schule vor den Sommerferien wenn überhaupt lediglich an einzelnen Tagen und unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen von innen sehen. Familien sind in diesen Wochen näher zusammengerückt. Was bedeutet das im Einzelfall? Wie geht es Familien, die gerade besondere Herausforderungen wie eine schwere Krankheit gemeistert haben und dann mitten in der Corona-Krise landen? Wir haben nachgefragt und lassen einige Familien zu Wort kommen.

Wir haben hier nicht „the time of our lives“

Seit Mitte März hält „Carola“, wie unser 5-Jähriger sagt, uns auf Trab und mit „ihr“ sind viele alte und neue, verschüttete, vergessene und (wieder)entdeckte Gefühle, Emotionen, Launen und Empfindungen bei uns eingezogen.
Mein Mann und ich sind beide Lehrer, eine Berufswahl, die uns momentan alles einbringt zwischen Anerkennung, Neid und Häme. Eine Freundin schrie mich kürzlich bei einem Telefonat förmlich an: „Ist ja schön, dass diese Zeit für Euch Lehrer Entschleunigung bedeutet! Bei mir ist nur Beschleunigung!“
Aber von Anfang an: Unsere Jungs sind 2 und 5 Jahre alt; wir leben im Frankenberger Viertel und haben das riesige Glück, einen ebenso riesigen Garten zu haben. Die ersten Wochen des Shutdowns bedeuteten also für uns, den Garten in Schuss zu bekommen, wir haben ein Hochbeet und einen sehr kitschigen Rosenbogen gebaut, viel geackert und mit dem Ausreißen des Efeus auch irgendwie Dampf abgelassen über diese sonderbare Situation.
Das Homeschooling, zwar nicht für unsere eigenen Kids, aber für meine Klasse lief zunächst holprig an; dachte man ja immer noch an einen kurzen Ausnahmezustand. Für meine Kollegin und mich stand und steht die emotionale Arbeit mit den Kindern im Fokus. Videokonferenzen mit der Klasse, Telefonate bei den Familien, eine liebe Postkarte nach Hause, vielleicht mal ein Besuch am Fenster: es sind diese Dinge, die gerade wichtig sind. Aber es sind auch diese Dinge, die mich emotional fordern. Die Eltern haben sich uns anvertraut, viel mehr als sie das sicher sonst tun würden; haben ihre wirtschaftlichen und familiären Sorgen mit uns geteilt.

Meine Jungs sind nicht in der Vorpubertät wie meine Schülerinnen und Schüler; sie leben im Hier und Jetzt. Sie schwelgen noch nicht in Erinnerungen an die Zeit vor „Carola“, sie fragen sich auch nicht, wie lange das noch so weitergehen wird, noch, ob die Welt dann wieder so tickt, wie sie es einmal tat. Der Große schon mal eher, aber zum Glück nicht in dem Ausmaß, wie wir Erwachsenen uns diese Fragen stellen. Dass unser Großer nicht in die KiTa geht, scheint ihn eher glücklich zu stimmen, was mich wiederum nachdenklich stimmt. Seine Freunde fehlen ihm zwar, und alle seine Freunde kommen dieses Jahr in die Schule, er aber erst nächstes. Das finde ich sehr traurig für ihn und hoffe, dass es sich hiermit so verhält, wie es wohl oft ist: wir Eltern machen uns viel mehr Gedanken, als die Kinder.
Meine Kinder haben einander als Spielgefährten entdeckt (ist ja niemand anderes da 😉) und ich freue mich über diese „gewonnene“ Zeit, die die beiden füreinander haben. Normalerweise ginge der eine in die KiTa, der andere zur Tagesmutter und ihre Wege würden sich erst am Nachmittag wieder kreuzen. Darüber bin ich dankbar. Bis dann wieder die Fetzen fliegen und ich versuche, zwei streitende Kinder, fliegende Schleich Tiere und meine gerade eben begonnene Putzaction unter einen Hut zu bekommen. Wenn nix mehr geht, oder mein Mann und ich einfach mal ein paar Minuten für uns brauchen, läuft eben der Fernseher, und ja, er läuft auch öfter als sonst bei uns. Der Slogan „Paw Patrol, Paw Patrol, Helfer auf vier Pfoten!“ trifft es in diesen Momenten und meine Dankbarkeit gilt dann nicht mehr meinen friedlich spielenden Jungs, sondern diesen bekloppten Hunden und ihrem Anführer Rider.

Wir haben hier nicht „the time of our lives“
Dankbarkeit ist ganz sicher eine Empfindung, die in meinem Leben wieder in neuen Dimensionen Einzug erhalten hat. Dankbarkeit für unsere Wohn-, Arbeits- und Familiensituation! Dankbarkeit für unsere wunderschöne Umgebung, die wir neu entdeckt haben. Seit 12 Jahren wohnen wir in Aachen; im Wurmtal waren wir vorher noch nie. Es hat uns an den Wochenenden meistens „weggezogen“. „Carola“ hat uns nochmal mit der Nase auf die Schönheit hier im Umland gestuppst.

„Warum in die Ferne schweifen…?“.
Versteht mich nicht falsch. Wir haben hier nicht „the time of our lives“. Mich überkommen oft die ganz großen Fragen darüber, was werden wird. Ich bin emotional an manchen Tagen sehr angespannt. Als die Lockerungen kamen, saß ich abends heulend auf der Couch. Warum haben wir uns 9 Wochen akribisch an alle Auflagen gehalten? Warum hocken jetzt wieder alle eng an eng im Sandkasten an der Frankenburg und tun so, als sei Mai 2019? Und wie erkläre ich meinen Kindern, dass wir uns trotzdem jetzt nicht so verhalten können, wie vorher? Oder doch? Oder wie oder was?!
Um nochmal auf den Rüffel meiner Freundin zurückzukommen. Ja, bei uns ist Entschleunigung eingetreten. Keine Musikschule, kein Schwimmkurs, kein Fußball, kein Kinderturnen. Wie habe ich das eigentlich „vorher“ geschafft?
Wir erwarten im September unser drittes Kind. Ein Kollege sagte kürzlich zu mir: „Ach, wie schön, dann bist du ja in guter Hoffnung!“ Und ja, das bin ich!
Julia

„Die Corona-Krise hat uns nach dem Umzug eiskalt erwischt“

„Unsere Kids vermissen den McDonald’s in Deutschland. Da hab ich McDonald’s zu Hause gemacht (Fritten und Burger) nach einem anstrengenden Tag. Das fanden sie total toll. War auch alles weg.“

Kurz vor der Corona-Krise sind wir Anfang März in Belgien umgezogen. Wir haben drei Jungs im Alter von acht, sechs (gerade geworden) und drei Jahren, die alle unterschiedliche Einrichtungen besuchen.
Mein Mann ist Busfahrer und ich bin Verkäuferin (Grenzpendler, in Deutschland tätig). Ich bin umgemeldet, mein Kleiner und mein Mann noch nicht, da die Gemeinde zu ist und uns ein Papier fehlte.

Anfangs hatten wir noch nicht alles in unserem neuen Haus fertig, sodass wir die erste Zeit kein warmes Wasser und keine Heizung hatten und auch keinen Internetanschluss. Das heißt, wir haben auch nicht alles in den Medien mitbekommen.
So hat es uns eiskalt erwischt, als es hieß, die Kinder dürften nicht mehr in die Schule und in den Kindergarten gehen.
Bei unserem Kleinsten hätten wir das noch irgendwie hinbekommen, eine Betreuung zu bekommen. Bei den zwei Großen war das eine Tortur, der Direktor wollte meine Arbeitsbescheinigung nicht akzeptieren etc., wir mussten es dann über den Minister in Ostbelgien regeln.
Das war uns dann irgendwann zu blöd, aber ich habe zum Glück einen relativ kulanten Arbeitgeber, so hab ich die Arbeitszeiten geändert und mache nun immer die Gegenschicht, sodass immer einer von uns zu Hause ist, da ja Oma und Opa auch nicht in Frage kommen. Das war anfangs eine große Umstellung.

Das nächste Problem kam dann auch schnell auf uns zu – wir hatten kein gutes Internet, so konnten wir keine großen Dateien, die wir für unseren Sohn von der Schule bekamen, runterladen oder ausdrucken. Die wurden uns dann irgendwann zugeschickt. Mein Sohn ist in einer Förderung, denn er braucht Hilfestellung in der Schule.
Wir hatten jedoch so dermaßen viele Aufgaben zu tun, dass mein Mann und ich uns ständig in den Haaren hatten, da wir nicht jeden Tag die Zeit dazu haben, unser Kind zu beschulen – der Direktor verlangte dies aber sechs Stunden am Tag, so wie die Schule auch normal ist. Das ging bei uns auf keinen Fall, und wir haben dann alles sein lassen, da wir ja auch noch zwei kleinere Kids haben und beide arbeiten.
Irgendwann gab es dann wieder was Neues von der Schule, es sollte eine App her, fürs Tablet, PC etc. – zum Glück haben wir Tablets, aber was würden wir nur ohne machen bzw. wenn wir mehr Schulkinder hätten? Da hatten wir allerdings immer noch das Internetproblem. Mittlerweile haben wir es aufgegeben und ich überlasse es meinem Sohn, was er machen will.

Vom Kindergarten des Mittleren haben wir nicht viel bekommen, was zum Basteln für Muttertag, und das war es dann auch schon bzw. einen Tag nach dem Geburtstag von unserem Mittleren haben wir einen Umschlag im Briefkasten gehabt mit Arbeitsblättern, aber noch nicht einmal Glückwünsche – das finde ich sehr schlecht organisiert.
Mein Kleinster bekommt seit Anfang Mai jeden zweiten Tag eine E-Mail mit Spielideen und Videos, und es sind tolle Sachen dabei.

Zwei unserer Kinder sind sehr aktiv und wollen ständig beschäftigt werden. Da ich selber als ausgebildete Sportlehrerin sehr fit bin, habe ich mir Sachen ausgedacht. Unser Garten war eine reine Hügellandschaft, da haben wir uns zwei Leitern genommen, eine von Berg zu Berg ausgelegt und eine den Berg hoch, so hatten wir einen eigenen Spielplatz.
Unsere Kinder sind jeden Tag draußen, da ich sie definitiv nicht einsperren kann.
Wir machen jeden Tag was anderes, meistens sind wir mit dem Fahrrad unterwegs, machen weitere Touren durch Wälder und Dörfer, um mal was anderes zu sehen. Die Kinder treffen draußen auch die zwei Kinder der Nachbarin. Anfangs waren wir nicht so dafür wegen strenger Kontrollen. Aber mittlerweile ist es uns egal, da die Kinder auch Kontakte brauchen und sie sonst vereinsamen, wie man bei anderen Nachbarn sieht, die nur drinnen bleiben.
Wir haben ein neues Hobby: Steine sammeln, bemalen, verstecken und weiterreisen lassen. Die Kids machen das bis jetzt alle gerne, daher müssen wir jeden Tag raus Steine suchen und weiterreisen lassen. (FB-Gruppen: DG-Stone und PL-Pierres)

Das nächste Problem, was wir anfangs hatten, war, dass wir nur in Belgien einkaufen gehen durften, ich immer mit dem Kleinen im Schlepptau. Dann war nicht immer alles im Supermarkt, was wir haben wollten, die Regale meistens leer. Da kam noch die finanzielle Sache dazu, hier in Belgien ist das alles relativ teuer. Fritten etc. waren wir auch öfters vor Corona essen, ich war einmal in einer Fritüre, die hatten die Preise so dermaßen angehoben in der Corona-Krise, dass wir nur einmal dort waren und seitdem nicht mehr (so unterstützen wir leider auch keine Restaurants).
Da ich zum Glück selber in einem Supermarkt in Deutschland arbeite, konnte ich alles hierhin mitnehmen und ich habe so gut wie immer alles bekommen. Auch wenn manche Dinge nicht immer zu haben waren/sind, ich bringe mittlerweile auch schon mal Nachbarn, Freunden und Familie was mit, wenn sie es brauchen, da es sehr viele Leute gibt, die nicht rüberfahren dürfen.
Wir selber leben immer noch provisorisch ohne Kleiderschränke und aus Kartons, da diese weder im Internet bestellt werden können oder wir einfach nicht über die Grenze kommen.

Wir sind total enttäuscht von der Regierung hier in Belgien, sie unterstützt uns in keinster Weise, weder finanziell noch wird an die Kinder gedacht, und es fühlt sich durch die Grenzkon-trollen auch nicht mehr so an, als würde man in Europa leben.
Die Logik der Belgier in den Schulen muss man auch nicht verstehen. Bei denen, die Abitur machen, ist klar dass die Vorrang haben und die Abschlussklassen/Wechselklassen, aber danach das 1. Schuljahr, was das soll, weiß ich auch nicht. Den Stoff, den mein Schulkind lernen sollte, bekommen wir persönlich sowieso nicht mehr aufgeholt und bald sind dann Ferien …

Eigentlich sollte dieses Jahr ein schönes Jahr werden, unser Großer sollte auf Klassenfahrt gehen und auch die Kommunion hätte er gehabt und über Ostern fahren wir eigentlich immer in meine alte Heimat, Familie und Cousinen und Freunde besuchen – fiel alles ins Wasser.

Wie das Ganze hier noch weitergeht, weiß ich nicht, aber irgendwann haben die Leute keine Lust mehr und es wird definitiv was passieren. Wir merken das beide auf der Arbeit, die Leute werden irgendwie auch aggressiver und sind auch nicht immer so freundlich.
Nicole

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