Eltern erzählen von ihrer Zeit im Lockdown (2/3)

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Der Lockdown hat Familien hart erwischt. Kindergärten und Schulen wurden geschlossen – Familien, die nicht in systemrelevanten Berufen arbeiten, mussten und müssen ihre Kinder selber betreuen und beschulen, egal ob sie dabei gleichzeitig im Homeoffice arbeiten. Das Abitur wurde verlegt, Schüler, die keine der relevanten Jahrgangsstufen besuchen, werden ihre Schule vor den Sommerferien wenn überhaupt lediglich an einzelnen Tagen und unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen von innen sehen. Familien sind in diesen Wochen näher zusammengerückt. Was bedeutet das im Einzelfall? Wie geht es Familien, die gerade besondere Herausforderungen wie eine schwere Krankheit gemeistert haben und dann mitten in der Corona-Krise landen? Wir haben nachgefragt und lassen einige Familien zu Wort kommen.

Eigentlich sollte gerade ein wenig Alltag einkehren – Corona nach überstandener Krebserkrankung

Die Corona-Krise erwischte uns zu einem relativ ungünstigen Zeitpunkt. Nach gerade überstandener Krebserkrankung mit monatelanger Chemotherapie und damit verbundenem Ausnahmezustand und psychischer Belastung der gesamten Familie sollte jetzt so langsam wieder ein wenig Alltag einkehren.
Zugegeben, wäre das Virus ein paar Monate früher ausgebrochen, wäre es noch ungünstiger gewesen. Eine Chemotherapie unter verschärften hygienischen Bedingungen in den Kliniken und zusätzlicher psychischer Belastung ohne die wichtige Begleitung eines Angehörigen möchte ich mir gar nicht vorstellen. Wir drücken all denen, die sich aktuell in solch einer Situation befinden, die Daumen.

Die Maßnahmen der Regierung haben wir begrüßt, dafür sind wir dankbar. Unsere Situation hat das etwas entschärft. Aufgrund des noch angeschlagenen Immunsystems hätten wir in der Corona-Zeit ohnehin mit Abstandsregeln, Kontakteinschränkungen etc. leben wollen. Wenn alle danach handeln, fällt es doch um einiges leichter. In der bisherigen Hochphase der Pandemie wurden wir von lieben Nachbarn und Freunden sehr unterstützt, die Einkäufe wurden am Gartentor abgegeben. Wir haben uns strikt an die Regeln gehalten. Unsere neunjährige Tochter hat abseits von Skype praktisch keine persönlichen sozialen Kontakte mit Gleichaltrigen mehr. Das hat uns besonders traurig gemacht, zumal sie schon während der Krebsphase sehr vorsichtig im Umgang mit Freunden sein musste.
Das verantwortungslose Handeln einiger weniger Menschen hat uns sehr verärgert und auch ein Stück weit wütend gemacht. Auf unserer Spielstraße mussten wir beobachten, wie die Kinder ungeachtet des Kontaktverbotes zum Spielen nach draußen geschickt wurden. Es herrschte zunehmend Trubel auf der Straße, während unsere Tochter und die Kinder der Nachbarn, die verantwortungsbewusst handelten, vom Fenster aus zuschauen mussten.
Den Alltag während des Lockdowns haben wir versucht zu strukturieren, indem wir morgens im Homeoffice und beim Homeschooling unsere Grenzen ausgetestet haben. Zum einen galt es, nach der Krebserkrankung in der Wiedereingliederung wieder in den beruflichen Alltag – zumindest virtuell – stundenweise zurückzufinden, und zum anderen durften wir unsere Tochter durch die Wochenpläne der Grundschule begleiten. Hier haben wir sehr engagierte Lehrerinnen erlebt, die sich große Mühe mit persönlichen Videos und bereitgestellten Materialien gegeben haben. Auf der anderen Seite trugen wir natürlich auch einige Konflikte mit unserer Tochter aus. Durch gemeinsame Familienprojekte, wie den Aufbau eines riesen Legoschlosses, gelang es uns jedoch immer ganz gut, Anreize zu schaffen und die zeitlich begrenzte Schulzeit gut zu erledigen. Die Nachmittage haben wir mit langen Spaziergängen mit unserem Hund in der Aachener Umgebung gefüllt. Wir haben viele tolle Gegenden kennengelernt. Die Situation hat uns erheblich entschleunigt und wir sind als Familie sicher mehr zusammengewachsen.

Wir wünschen uns, dass wir auch nach der Pandemie die richtigen Schwerpunkte setzen und etwas bewusster leben.
Wir empfinden die Lockerungen als zu früh und sind besorgt, dass das bisher Erreichte wieder verspielt wird.
Frauke und Tom

Corona-Krise: Zeitgewinn ist Luxus

Wir haben vier Kinder zwischen zwei und neun Jahren und arbeiten beide im Homeoffice. Wir haben für uns festgestellt, dass jetzt alles entspannter ist – schon dadurch, dass der „Freizeitstress“ der Kinder wegfällt und ich nicht den halben Tag Mamataxi spielen muss. Natürlich ist es stressig, wieder dreimal am Tag für Essen zu sorgen, dennoch hat sich unser Stress eher reduziert und wir genießen das Familiendasein und den Zeitgewinn als Luxus.

Den Tag haben wir strikt strukturiert. Die Kinder sitzen ab 8 Uhr an ihren Wochenplänen. Der Große geht in die Gesamtschule, die sechsjährigen Zwillinge sind in der ersten Klasse – die beiden können sich zum Glück sehr gut zusammen beschäftigen. Einmal die Woche unterstützt uns eine Studentin der Coronaschool über Skype bei schwierigerem Schulstoff.

Mein Mann hat als angestellter Informatiker feste Arbeitszeiten, zu denen er tagsüber im Homeoffice in unserem gemeinsamen Arbeitszimmer sitzt. Ich kann mir meine Zeit als virtuelle Assistentin selbst einteilen und sitze jetzt morgens von 5 bis 8 Uhr und ab 19 Uhr am Schreibtisch. Das ist anstrengend, aber nicht anders möglich.

Eltern als verlängerter Arm der Lehrer

Wir empfinden unsere Situation als privilegiert, denn wir haben einen großen Garten und können dadurch immer rausgehen, zudem spielt derzeit auch das Wetter mit. Mein Mann sagte zu Beginn der Krise, so könne es einfach bleiben. Der Ansicht sind wir noch immer bezüglich der schulischen Situation – allerdings vermisse ich staatliche (finanzielle) Förderung für Eltern als verlängerten Arm der Lehrer und eine erhöhte Anzahl der Urlaubstage, wie ihn jetzt pflegende Angehörige erhalten sollen.
Die Kinder vermissen kaum etwas, da sie ja zu viert sind und immer jemanden zum Spielen haben. Ihrem Musikunterricht gehen sie jetzt online nach, zudem machen sie gerne Hausmusik. Der Große vermisst die Schule sehr, aber nachdem es jetzt einen Termin gab und alles so anders ablief, vermisst er sie weniger.
Katarina

Vorsicht und Panik – Nicht das Gleichgewicht verlieren

„Sollen wir heute in den Tierpark gehen?“, schlug ich an einem sonnigen Freitagnachmittag vor. „Lass uns auf den Papa warten. Der kommt gleich von der Arbeit und dann gehen wir los.“ „Hat der Tierpark denn auf?“, kam aus dem klugen Kopf gegenüber heraus. Dass eine Dreijährige das Thema, das uns alle nahezu gefesselt hat, so gut verstehen würde, hätte ich zu Beginn der radikal beschlossen Maßnahmen nicht gedacht.
„Wann kann ich denn wieder in den Kindergarten?“
„Wann kann ich denn wieder mit Melissa spielen?“
„Warum hat die Schwimmhalle zu?“
„Warum muss Mama einen Mundschutz tragen und ich nicht?“

Zugegeben, irgendwann war das Tragen des Mundschutzes sehr cool, auch wenn Kindergartenkinder diesen gar nicht tragen sollten, mussten, durften. Nach ein wenig Training war es irgendwann normal, ständig Hände zu waschen, in die Arme zu husten, nicht mehr jeden Mittwoch zum Kinderturnen zu gehen, nicht mit den Freunden auf dem Spielplatz zu toben und die Oma nicht zu drücken – auch wenn es nicht normal werden sollte. Die Antwort auf alle Fragen war eigentlich immer die gleiche: „Es ist ja noch Corona, und das darf uns nicht fangen, sonst werden wir krank.“ „Wann geht dieser Corona weg?“, kam immer wieder als Gegenfrage, und nie war eine Antwort darauf so schwer zu finden wie auf diese Frage.

Das wochenlange Stayhome, abgesehen von der Arbeit und den nötigen Einkäufen, haben uns geprägt: zu Hause bleiben, malen, basteln, im Garten spielen, häufig mal eine Stunde zu lange vor dem Fernseher gesessen und immer wieder an die Leute gedacht, die wir so schrecklich vermissen. Für Kinder das vertraute Umfeld, die gewohnten Gesichter und die sicheren Abläufe wiederzubekommen, haben sich wohl viele Eltern gewünscht. Beschwerden der Eltern zählen nicht – für unsere Kinder war und ist das mindestens eine genauso harte Zeit. Vor allem nicht das Gleichgewicht zwischen Vorsicht und Panik zu verlieren, war für alle eine harte Probe, welche aber von Dankbarkeit übertrumpft wurde, einfach seine Gesundheit zu schätzen.

Also, auf in den Alsdorfer Tierpark, der heute zum ersten Mal nach den Beschlüssen wieder geöffnet war. Hier konnte man immer toben, springen und laufen, wann und wie man wollte. Wir gehen unsere vertraute Runde und wurden sehr freundlich darauf hingewiesen, dass wir nun bitte nur den oberen Eingang nehmen dürfen und dieser Weg nur als Ausgang fungiert. Es war kurz nach 18 Uhr und damit eigentlich kein Einlass mehr, aber der freundliche Mann hatte doch noch seinem Kollegen am Eingang durchgefunkt, uns noch hereinzulassen. Der Mann am Eingang erklärte uns kurz ein paar Regeln: Bitte nicht zu lange an einem Ort aufhalten, den Tierpark nur in eine Richtung ablaufen, Abstand halten, Tierfutter am Stand hier oben kaufen, da alle Futterstationen geschlossen waren, sowie den Mundschutz tragen, sollten wir die WC-Räume aufsuchen müssen. Die Schilder im Park haben alles Gesagte noch einmal schwarz auf weiß dargestellt. Am Spielplatz gestartet, hatten wir erwartet, unser Kind springt vor Freude in die Luft. Doch das tat es nicht. Von der Rutsche eigentlich nie zu trennen, wollte sie nach zweimal zum Waschbären weitergehen. Diesen hat sie dann kurz angeschaut und wollte dann wieder weitergehen. Ein für uns doch so vertrauter Platz war nunmehr mit einigen Umstellungen verbunden. Zu allem Überfluss war die Eisbude schon geschlossen, die sonst auch immer viel länger geöffnet war. Ja, alles war anders an einem sehr familiären Ort, den wir in und auswendig kannten.

Einfach über jeden Schritt, der ein wenig in Normalität lenkt, froh zu sein – mit ein wenig Umdenken und Training der eigenen Verantwortung wird auch das normal und zu meistern sein. Je besser die Großen dieses Prozedere vorleben, desto besser kommen auch die Kleinen damit klar. Haltet zusammen.
Janine

Teil 1 findet ihr hier:

https://kingkalli.de/eltern-erzaehlen-von-ihrer-zeit-im-lockdown-1-3/

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