Skaten gilt als männerdominierter Sport. Aber Mädchen und junge Frauen erobern sich einen Platz in dieser Domäne, denn skaten bedeutet jede Menge Spaß und vermittelt ein großes Freiheitsgefühl. Die junge Designerin und Skaterin María Voth Velasco möchte eine Girlsskateszene in Aachen aufbauen – die große Resonanz auf ihren ersten Kurs gibt ihr recht.
Halloween in Aachen. In der Unterführung „Unti“ am Audimax in Aachen treffen sich um 14 Uhr 15 Mädchen und junge Frauen, alle ausgerüstet mit Skateboard, Schutzkleidung und Helm – einige sind heute passend zum Anlass verkleidet, denn es ist „Halloweenskaten“. Lotte (20) kommt als schwarzer Engel, ihre kleine Schwester Amelie (9) ist ein kleiner roter Teufel. Die beiden freuen sich, gemeinsam an einem Kurs teilnehmen zu können. Das Angebot ist kostenlos, sodass jede teilnehmen könne, erzählt Lotte und betont besonders die tolle Gemeinschaft, die hier in den letzten zwei Monaten entstanden sei.
María Voth Velasco (25) leitet den Kurs, sie ist gerade dabei, Rampen aufzubauen, die in einem kleinen Raum in der Unti gelagert werden. Voth Velasco ist derzeit das einzige weibliche Mitglied der Unti-Crew, die sich hier regelmäßig zum Skaten trifft. Seitdem der Streetartkünstler Señor Schnu die Unterführung mit Unterstützung von Stadt und RWTH umgestaltet hat, darf sie offiziell von „Unti.Life“ zum Skaten genutzt werden. Bei ihrem Kurs wird die junge Skaterin von anderen Mitgliedern der Crew unterstützt, alleine wäre es ihr nicht möglich, an einem Nachmittag auf 25 Teilnehmerinnen individuell einzugehen, denn nach dieser Gruppe wird im Anschluss noch eine zweite betreut. Am heutigen Vormittag konnten die Mädels in der Bleiberger Fabrik bereits unter Voth Velascos Anleitung zum Werkzeug greifen und an einer großen Rampe bauen. Nach einer kleinen Mittagspause ging es an den Aufbau in der Unterführung. Jetzt gibt es Aufwärmübungen, und da draußen herrlich die Sonne scheint, steht nach der Lockerung der Fuß- und Beinmuskulatur als nächste Aufwärmübung eine Downhillfahrt zum Super C an. Nach einer Skatesession auf dem Platz geht es dann zurück in die Unti. Teilnehmerin Alina (23) ist begeistert über das abwechslungsreiche Programm: „Jede Woche gibt es etwas Neues und jede Woche sieht man Fortschritte bei seinen Zielen.“
Genau das ist María Voth Velasco wichtig. Sie hat das Konzept zu dem Kurs erarbeitet und konnte bereits auf einige Erfahrung zurückblicken, obwohl sie selbst noch gar nicht so lange skatet. Während ihres Modedesignstudiums auf der Maastricht Academy of Fine Arts and Design entdeckte Voth Velasco vor zwei Jahren ihre Leidenschaft zu dem Sport, den sie durch ein Skatecafé in einer alten Fabrik kennengelernt hatte. Sie nahm an Skatelessons und Mädelsabenden teil, die sie sehr inspirierten.
Während eines Praktikums in Barcelona fand sie schnell Anschluss an die Szene. Bei einem zweiten Praktikum bei einer sozial engagierten Designerin in Mexiko konnte sie ihr erstes eigenes Projekt initiieren. In einer Pizzeria, die im Hof eine Minirampe hatte und zudem Kunstprojekte unterstützte und Konzerte veranstaltete, gründete María Voth Velasco eine Girlsskategruppe.
Anfang 2020 schloss Voth Velasco ihr Studium in Maastricht ab und startete in die Selbstständigkeit. Inzwischen hatte sie von der Organisation WomenWin und dem Roll-Model-Projekt erfahren. Gesucht wurden junge Frauen in Europa, die als „Roll-Model“ Skatekurse für Mädchen initiieren würden. Für María Voth Velasco kam diese Idee wie gerufen, sie bewarb sich und so kam Aachen neben Berlin, Duisburg und Leipzig als deutsche Stadt mit ins Boot. Außer einer finanziellen Unterstützung gab es für die Gewinnerinnen ein professionelles Coaching. Dank Corona leider nicht live wie geplant, sondern per Zoommeeting. Die Gewinnerinnen des Programms lernten, Budgetpläne aufzustellen und mit Kindern aus verschiedenen sozialen Kontexten zu arbeiten. Die Schulungen wurden von WomenWin und Skateistan geleitet, einer NGO, die sich seit vielen Jahren in den Brennpunkten der Welt für Kinder einsetzt und diese mit „Skate and Create“ und „Back to School“ für die Zukunft im eigenen Land fit machen will (wir haben 2016 berichtet).

María Voth Velasco schloss sich in Aachen mit der Bleiberger Fabrik zusammen, denn ihr Kurs besteht aus zwei Teilen. Neben dem Skaten an sich sollten die Teilnehmerinnen ihre eigenen T-Shirts designen, Sticker fertigen und auch Rampen bauen – hier kann Voth Velasco ihre Skills als Designerin einfließen lassen, und in der Bleiberger Fabrik stehen die nötigen Werkstätten zur Verfügung.
Damit alles kostenlos angeboten werden kann, warb María Voth Velasco auch bei der Bürgerstiftung Lebensraum Geld ein. Für Teilnehmerinnen ohne eigenes Equipment konnten Helme und Boards angeschafft werden.
Eingeschlagen hat das neue Kursangebot sofort. Die 25 Plätze waren direkt belegt, es gibt eine Warteliste. Zudem meldeten sich einige Mütter der Mädchen, die gerne direkt mitgemacht hätten. Voth Velasco denkt über ein erweitertes Angebot mit Mütterkursen nach.
Aber was ist nun eigentlich der Reiz am Skateboarding? María Voth Velasco schreibt dem Skaten therapeutische Wirkung zu. „Du denkst an nichts anderes, wenn du skatest. Du bist du selbst und frei“, so die junge Skaterin. Es sei ein tolles Gefühl, immer neue Dinge zu lernen und zu schaffen, und man habe weniger Angst vor Herausforderungen, was sich auch auf den Alltag übertragen lasse.
Wenn der erste Kurs endet, soll es also unbedingt weitergehen. María Voth Velasco hofft, dass sie nicht nur die Girlsskateszene in der Unti ausbauen kann, sondern dass sie mit ihrem Angebot auch dauerhaft bei einer Einrichtung in Aachen andocken kann, um weitere Kurse anbieten zu können. Ein Partner steht schon in Aussicht – wir werden berichten, wenn es spruchreif ist.
Kontakt:
María Voth Velasco
turtlehorn.com/workshops

Text und Bilder: Birgit Franchy
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