Einmal hinter die Türen schauen, wenn sie für das Publikum eigentlich noch geschlossen sind. Einmal das mit verfolgen, was man normalerweise nur für einen Abend auf der Bühne sieht. Dies wurde der Publikumsjury, den „Zwölf Geschworenen“, am Theater Aachen ermöglicht. Zusammen mit dem Regisseur und Schauspieler Johannes von Matuschka und dem Generalmusikdirektor Christopher Ward konnten wir die Produktion der Oper „Hagen – die Ring-Trilogie Teil 1“ von der Konzeptionsprobe bis zur Aufführung mitverfolgen. Dabei beobachteten wir ihre Wandlung und den Einfluss der Schauspieler auf das Stück und durften die eine oder andere Kritik äußern.
Begonnen hat alles nach einer Bewerbung im Mörgens. Dort wird jedes Stück zuerst auf einer der Probebühnen inszeniert. Auch die ersten Kostümentwürfe werden dort an die Wand gepinnt und der Entwurf des Bühnenbilds entsteht. Geprobt wird zunächst mit einem groben Skript. Während des Spiels werden Szenen umgeändert und Abläufe anders strukturiert. Alles ergibt sich aus den Handlungen und Intuitionen der Schauspieler und des Regisseurs. Bei der Konzeptionsprobe war sehr auffällig, dass die Schauspieler einen immensen Einfluss auf die Umsetzung des Stücks haben. Mit ihren eigenen Ideen und Interpretationen stoßen sie die Denkansätze noch einmal um und kurbeln an den Vorstellungen des Regisseurs. Doch schließlich muss jeder Schritt und jeder Ton perfekt sitzen. Und wenn man seine Rolle einmal bis ins kleinste Detail einstudiert hat, wird man sie immer wieder unterbewusst ausführen können. Bei einem anderen Treffen durften wir das erleben, was ebenso wichtig ist wie die Schauspielerei: die Musik des Orchesters. Sie stellt die Harmonie zwischen dem Gesang, dem Schauspiel und der Gefühlsebene her. Und ich muss ganz ehrlich sagen: Es war einer der schönsten Einblicke, die mir als Publikumsjurymitglied ermöglicht wurden. Dies fand nochmal in einem anderen Gebäude des Theaters statt, und zwar im Orchesterproberaum, wo die riesigen Instrumente ihren Platz finden und alles perfekt angeordnet steht. Schon alleine das Einspielen der einzelnen Instrumente war ein großartiges Hörerlebnis. Die Orchestermusik ohne den Gesang eröffneten einem völlig neue Dimensionen und Verständnisansätze für das Stück. Und da man die prunkvolle goldene Harfe, die vielen Geigen, die sonstigen Instrumente und die Menschen, die sie spielen, vom Zuschauerplatz aus nicht sieht, lohnt sich ein Blick in den Orchestergraben vor oder nach der Vorstellung auf jeden Fall. Bei den Endproben kam das Schwierige, alles zusammenzubringen. Mit viel Taktgefühl und einem genauen Gespür mussten Orchester, Gesang und Szenenabläufe in Einklang gebracht werden. Die Kostüme und das aufwendige Bühnenbild, das mehrmals im Stück eine neue Wendung bekommt, verliehen den letzten Schliff. Nach acht Wochen Schauspiel- und zehn Wochen Orchesterproben ist diese Produktion zu einem Kunstwerk geworden, das die Zuschauer auf vielseitige Art verzaubert und mit viel Geschmack und neuen Interpretationen, die auch auf die heutige Zeit bezogen sind, die Geschichte des ersten Teils der Ring-Trilogie nacherzählt.
Trotz eigener Bühnenerfahrung war es für mich etwas völlig Neues, den Profis beim Werk zuzuschauen. Obwohl ihre Probenabläufe denen meiner Jugendclub-Stücke sehr ähnelten, konnte ich sehr viel daraus mitnehmen. Wenn ein solches Projekt, das Christopher Ward zum allerersten Mal ausprobiert hat, noch einmal stattfindet, kann ich jedem von euch nur raten: Nehmt daran teil! Es verändert in einem den Blick auf das Theater und den Begriff der Kunst. Man lernt das Gute, das Schöne und vielleicht auch das Geheimnisvolle in jedem Theaterstück und in jeder Oper zu erkennen, denn man weiß: Der Prozess und die Machart an sich sind schon das Stück. Und jede Aufführung erzählt auf unterschiedliche Art und Weise dieselbe Geschichte.
Beim Theater geht es um eine gute Balance, die man erst erkennt, wenn man sich einem Stück so angenähert hat, dass es seine Kunst offenbart.
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