Wer schon einmal ein Making-of zu einem Stop-Motion-Animationsfilm gesehen hat, weiß, dass der Aufwand hinter einer solchen Produktion beträchtlich ist: Die Figuren und Hintergründe werden aus echten Materialien kreiert, Schritt für Schritt bewegt und gefilmt, der PC ergänzt dann, wenn überhaupt, nur noch einige Spezialeffekte wie Feuer, Blitze oder Wasser – eine unglaubliche Geduldsprobe für die leidenschaftlichen Macher! Leider sind ihre Meisterwerke an den Kinokassen nie ansatzweise so erfolgreich wie die großen, massenkompatiblen Computeranimationsfilme von Disney, Dreamworks und Konsorten. Vor allem zwei Studios haben sich diesem ganz besonderen Animationsstil mit viel Hingabe verschrieben: Aardman Animations aus dem englischen Bristol und die Laika-Studios aus dem US-amerikanischen Portland. Mehr als nur einen Blick wert sind aber auch die Filme „Frankenweenie“, „Mein Leben als Zucchini“, „Der fantastische Mr. Fox“ und „Louis & Luca – Das große Käserennen“: Bühne frei für die besten Stop-Motion-Animationsfilme für Kinder und Jugendliche der vergangenen zwei Jahrzehnte, zu entdecken auf Blu-ray, DVD, Video-on-Demand und manchem Streamingdienst.
Chicken Run – Hennen rennen
GB 2000 | Regie: Nick Park, Peter Lord | 81 Min. | FSK: ab 6 Jahren
Henne Ginger will mit ihren „Kolleginnen“ aus einer Hühnerfarm flüchten, wo sie zum Dauereierlegen oder Schlimmerem verdammt sind. Als der Hahn Rocky auftaucht, glaubt Ginger, er könne ihre Rettung sein. Mut, Fleiß und Teamwork sind es jedoch am Ende, die das Federvieh vor der Gier der Farmbesitzer bewahren. Der allererste Kinofilm von Aardman Animations war vor rund zwanzig Jahren ein weltweiter Sommer-kinohit. Neben einer actionreichen Story und augenzwinkerndem, generationsübergreifendem Humor wartet er für die etwas älteren Zuschauer zudem mit zahllosen Anspielungen auf Filmklassiker sowie einem gehörigen Schuss Fleischkonsumkritik auf.
Wallace & Gromit auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen
GB 2005 | Regie: Steve Box, Nick Park | 85 Min. | FSK: ab 6 Jahren
Mit vier Aardman-Kurzfilmen haben sich der biedere Erfinder Wallace und sein Hund Gromit seit 1989 eine treue Fangemeinde erschlossen. In ihrem ersten und bisher einzigen Kinofilm arbeiten die beiden kultigen Titelhelden als Kaninchenfänger, nicht zuletzt, weil der traditionelle Gemüsewettbewerb von Lady Tottington vor der Tür steht. Für die ist Wallace’ Herz entflammt, sehr zum Missfallen seines Nebenbuhlers Lord Quartermaine, und die Situation spitzt sich zu, als ein gefräßiges Riesenkaninchen auftaucht. Während Kinder die liebevoll gestalteten Figuren in ihr Herz schließen, können Erwachsene zusätzlich über vielfältige Filmzitate schmunzeln.
Die Piraten! – Ein Haufen merkwürdiger Typen
GB/USA 2012 | Regie: Peter Lord, Jeff Newitt | 88 Min. | FSK: ab 0 Jahren
Er ist zwar namenlos und ziemlich ungeschickt, aber Ruhm, Ehre und vor allem Reichtum sind dem Piratenkapitän dennoch wichtig. In einem Wettstreit um den Titel „Pirat des Jahres“ bekommen er und seine Crew es nicht nur mit manch verbissenem Berufskollegen, sondern auch mit der englischen Königin Victoria zu tun, die Piraten abgrundtief hasst. Wichtige Rollen spielen bei alledem aber auch das Bordmaskottchen der Crew und der berühmte Naturforscher Charles Darwin. Auch dieser Aardman-Film ist detailverliebt animiert, witzig und verschroben. Als Vorlagen dienten die ersten beiden der fünf „Piraten!“-Bücher des britischen Autors Gideon Defoe.
Shaun das Schaf – Der Film
GB 2015 | Regie: Mark Burton, Richard Starzak | 85 Min. | FSK: ab 0 Jahren
Basierend auf der populären TV-Serie brachten Aardman Animations 2015 einen ersten von bisher zwei Langfilmen um den wolligen Titelhelden in die Kinos. Durch ein Missgeschick wird Shauns Bauer darin vom Hof in die große Stadt befördert und verliert währenddessen das Gedächtnis. Seine Scherkünste lassen ihn fern der Heimat jedoch bald zum Starfriseur avancieren. Shaun, seine Freunde und Hütehund Bitzer wollen ihn zurückholen, werden dabei jedoch von einem bösen Tierfänger verfolgt. Der Quasi-Stummfilm zündet ein Feuerwerk britischen Humors, das wie die besten Episoden der Serie auch erwachsene Zuschauer in seinen Bann zu ziehen versteht.
Early Man – Steinzeit bereit
GB 2018 | Regie: Nick Park | 89 Min. | FSK: ab 0 Jahren
Einige tausend Jahre vor unserer Zeit jagt und sammelt ein Höhlenmenschenstamm friedlich in seinem Wald herum, bis eines Tages die Bronzemenschen – die nächste Entwicklungsstufe der Menschheit – mit mächtigen Maschinen einfallen und alles für sich beanspruchen. Um dagegen vorzugehen, begibt sich der junge Dug in die Bronzestadt, deren Bewohner fußballsüchtig sind, was Dug für seine Zwecke zu nutzen versteht. Mit gewohnter Liebe zum Detail und viel Charme macht auch dieser Film von Aardman Animations Spaß und unterhält kurzweilig. Die Qualität der vier Vorgängerproduktionen erreicht er mit Fokus auf das Fußballthema allerdings nur bedingt.
Shaun das Schaf: Ufo-Alarm
GB 2019 | Regie: Will Becher | 87 Min. | FSK: ab 0 Jahren
In seinem zweiten Kinofilm entdeckt Schaf Shaun in seiner Scheune ein merkwürdiges Weltraumwesen, das auf der Erde eine Bruchlandung hingelegt hat. Die freundliche Außerirdische namens Lu-La stellt mit ihm bald allerlei Unsinn an, verfügt aber auch über ungewöhnliche Kräfte, an denen eine ominöse Organisation interessiert ist, die das Ufo der Aliendame gefunden hat. Als Lu-La irgendwann das Heimweh plagt, lassen Shaun und seine Freunde nichts unversucht, sie zurück nach Hause zu bringen. Mit einer schönen Geschichte und cleveren Bildgags haben die Aardman-Animations-Künstler der Filmografie ihres Studios einen vorerst letzten gelungenen Eintrag hinzugefügt.
Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche
USA 2005 | Regie: Tim Burton, Mike Johnson | 76 Min. | FSK: ab 6 Jahren
Um seine geplante Hochzeit fehlerfrei zu bewältigen, probt Victor die Zeremonie vorab im Wald. Ein vermeintlicher Zweig, auf den er den Ehering steckt, stellt sich jedoch als Finger einer Toten heraus, die ihn in ihr Reich zerrt. Dort geht es allerdings alles andere als traurig zu und die Geisterbraut entpuppt sich als liebenswerte Frau mit tragischer Vergangenheit. Victors Herz schlägt jedoch weiter für seine lebendige Versprochene. Kinder unter zehn Jahren dürften mit den Themen und der düsteren Stimmung der Koproduktion von Regisseur Tim Burton und den Laika-Studios ihre Probleme haben, allen anderen wird ein Stop-Motion-Meilenstein serviert.
Coraline
USA 2009 | Regie: Henry Selick | 101 Min. | FSK: ab 6 Jahren
Coraline langweilt sich in ihrem neuen Zuhause auf dem Land, das sie mit ihren permanent gestressten Eltern bezogen hat. Eines Tages entdeckt die Elfjährige eine magische Tür in eine Parallelwelt, in der alles viel interessanter erscheint und in der die „anderen“ Versionen ihrer Eltern viel mehr Zeit für sie haben. Bald vermisst sie ihr altes Zuhause gar nicht mehr, doch die Anderswelt-Bewohner hüten ein gefährliches Geheimnis. „Nightmare Before Christmas“-Regisseur Henry Selick hat für die Laika-Studios mit dieser Adaption eines Kinderbuchs von Neil Gaiman ein schaurig-schönes Kindergruselmärchen voller erinnerungswürdiger Bilder erschaffen.
ParaNorman
USA 2012 | Regie: Chris Butler, Sam Fell | 92 Min. | FSK: ab 12 Jahren
Norman kann mit Geistern sprechen und hat Visionen aus der Vergangenheit, was ihm jedoch niemand glaubt und ihn bei seinen Mitschülern zum gehänselten Außenseiter macht. Das ändert sich, als sein US-Heimatstädtchen vom Fluch einer Hexe getroffen wird und mehrere Zombies auferstehen. Norman wird zum Retter in der Not und stellt sich gemeinsam mit neu gewonnenen Freunden den dunklen Mächten. Die schwarzhumorige Horrorkomödie ist mit ihrem gruseligen Treiben für kleinere und zartbesaitete Kinder ungeeignet, Menschen ab circa zehn Jahren, idealerweise mit Sinn für morbiden Humor, kommen aber auch in diesem Film der Laika-Studios auf ihre Kosten.
Die Boxtrolls
USA 2014 | Regie: Graham Annable, Anthony Stacchi | 96 Min. | FSK: ab 6 Jahren
Anfang des 19. Jahrhunderts setzt der fiese Snatcher ein Gerücht um Unterwelttrolle in die Welt, die angeblich Kinder verschleppen. Indem er die Wesen einfängt und eliminiert, will er einen Ratssitz im Städtchen Cheesebridge erlangen. Die sogenannten Boxtrolls existieren tatsächlich, in Wahrheit sind sie aber herzensgut und ihr menschlicher Schützling Egg und dessen Freundin Winnie müssen sie vor der Vernichtung durch den bösen Kammerjäger bewahren. Der Film der Laika-Studios ist ein Fest für Fans verschrobener und leicht gruseliger Fantasiegeschichten im Stile des englischen Autors Roald Dahl und basiert auf Alan Snows Romantrilogie „Die Monster von Rattingen“.
Kubo – Der tapfere Samurai
USA 2016 | Regie: Travis Knight | 102 Min. | FSK: ab 6 Jahren
Woher seine begrenzten magischen Fähigkeiten kommen, weiß der einäugige Straßenjunge Kubo nicht. Auf jeden Fall erweckt er damit aber Origami-Figuren zum Leben und verdient so Geld für sich und seine kranke Mutter. Als er versehentlich einen zornigen Geist heraufbeschwört, muss er fliehen. Auf seiner beschwerlichen Reise begegnet er neuen Freunden, die ihm gegen übernatürliche Feinde beistehen und dabei helfen, das Rätsel seiner Familie zu lösen. Diese Geschichte aus den Laika-Studios ist besonders episch und abenteuerlich, gleichzeitig aber auch meditativ fernöstlich und humorvoll ausgefallen und nimmt Anleihen bei den Werken des berühmten japanischen Studio Ghibli.
Mister Link – Ein fellig verrücktes Abenteuer
USA/CDN 2019 | Regie: Chris Butler | 95 Min. | FSK: ab 6 Jahren
Der Forscher Sir Lionel Frost erhält ein Schreiben, das ihn auf die Spur einer Kreatur bringt, die das fehlende Bindeglied zwischen Tier und Mensch ist. Bald wird klar, dass das friedfertige und sprachbegabte Wesen den Brief selbst verfasst hat: Weil „Mister Link“ einsam ist, bittet er den Weltenbummler darum, ihn zu seinen fernen Yeti-Verwandten zu bringen. Zusätzliche Unterstützung erhalten sie von der Abenteurerin Adelina Fortnight, es gibt aber auch Schurken, die eigene Pläne verfolgen. Laikas bisher jüngster Streich macht unglaublich viel Spaß und ist ein technisches Meisterwerk, wegen einiger schweißtreibender Actioneinlagen aber nichts für schwache Nerven.
Der fantastische Mr. Fox
USA 2009 | Regie: Wes Anderson 78 Min. | FSK: ab 6 Jahren
Hühnerdieb Mr. Fox schwört dem verwegenen Leben ab, als seine Frau ein Kind von ihm erwartet, und arbeitet fortan als Journalist. Eines Tages erwacht seine kriminelle Leidenschaft aber erneut und er beschließt, die Fabriken dreier Farmer zu plündern. Gleichzeitig gibt es Familienprobleme, als der beliebte Neffe seiner Frau vorübergehend bei ihnen einzieht und Sohn Ash sich zurückgesetzt fühlt. Der Film erweitert die Klassenkampfhandlung des Kinderbuchs von Roald Dahl und ergänzt sie um den spleenigen Stil von „Grand Budapest Hotel“-Regisseur Wes Anderson. Am Endergebnis dürften Kinder und ihre Eltern auf unterschiedliche Weise Spaß haben.
Frankenweenie
USA 2012 | Regie: Tim Burton | 87 Min. | FSK: ab 12 Jahren
Als sein Hund Sparky bei einem Unfall das Zeitliche segnet, belebt der hochbegabte Victor Frankenstein ihn mit Hilfe von Elektrizität wieder. Dabei wird er allerdings von einem Mitschüler beobachtet, der ihn dazu zwingt, weitere Tiere wiederzuerwecken. Im Gegensatz zum treuen Sparky verhalten die Biester sich jedoch bösartig und Victor muss eingreifen, um die Stadt zu retten. Regisseur Tim Burton zitiert in der Langversion seines von Disney 1984 noch in den Giftschrank verbannten Frühwerks genüsslich und in stilvollem Schwarz-Weiß die Klassiker des Horrorfilms und sorgt für einen ungewöhnlichen Gruselspaß für Kinder ab etwa zehn Jahren.
Louis & Luca – Das große Käserennen
NOR 2015 | Regie: Rasmus A. Sivertsen | 78 Min. | FSK: ab 0 Jahren
In Norwegen kennen Jung und Alt den Erfinder Alfie und seine tierischen Assistenten, Elster Louis und Igel Luca, aus den Büchern von Kjell Aukrust, wenn auch unter anderen Namen. Mehrere Animationsfilme haben schon Geschichten aus ihrem skurrilen Bergstädtchen Flåklypa erzählt, unter anderem „Louis & Luca und die Schneemaschine“. In dessen Fortsetzung hat Louis großmäulig gewettet, das traditionelle Käserennen zu gewinnen. Sollte er verlieren, muss Alfie seine Werkstatt an den Molkereibesitzer Clifford abgeben. Vor der großen Konkurrenz aus den USA und aus Großbritannien muss der Film sich nicht verstecken und überzeugt mit trockenem, skandinavischem Humor.
Mein Leben als Zucchini
CH/F 2016 | Regie: Claude Barras 66 Min. | FSK: ab 0 Jahren
Icares Vater verließ die Familie, als der Neunjährige noch ein Baby war, seine alkoholkranke Mutter stirbt gleich zu Filmbeginn durch einen Unfall. „Zucchini“, so Icares Spitzname, kommt daraufhin ins Kinderheim, wo er trotz Startschwierigkeiten gute Freunde findet und sich in die gleichaltrige Camille verliebt. Als die zu ihrer bösen Tante ziehen soll, setzen Zucchini und die anderen alles daran, sie zu retten. Der mehrfach preisgekrönte Film hat einen Roman von Gilles Paris so zurechtgestutzt, dass die Handlung trotz ernster Themen auch für Kinder ab zehn Jahren (!) geeignet ist, und bricht eine Lanze für das Kinderheim als Stätte der Zuflucht.
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