Entwicklung: Dem Kind Zeit und Vertrauen schenken

in Familienleben

Wann beginnt mein Baby mit dem Krabbeln? Wieso sitzt es noch nicht aufrecht? Und warum sind gleichaltrige Kinder vielleicht schon einen Schritt weiter? Fragen, die sich Eltern stellen – mal bewusst, mal unbewusst. Dass sie sich und ihr Kind damit unter Druck setzen können, ist vielen allerdings nicht klar. Ruhe und Gelassenheit sind förderlicher als Stress und Konkurrenzdenken. Denn jedes Kind ist einzigartig – und ganz bestimmt kein Statussymbol.

Ein mancher mag sich an ein Quartettspiel erinnert fühlen, lauscht er Berichten junger Eltern auf dem Spielplatz: Da werden mit Blick auf den Nachwuchs allerlei Fortschritte abgeglichen, was etwa die Anzahl bereits vorhandener Zähne, gesprochener Worte oder die ersten Schritte durchs Wohnzimmer betrifft. „Unserer läuft schon seit drei Monaten, ein echter Frühstarter“ – ohne Frage schwingt bei Aussagen dieser Art in erster Linie eine ordentliche Portion (berechtigter) Stolz mit. Doch begünstigen sie nicht auch hin und wieder Missgunst, Neid und vor allem Druck? Die Pädagogin Dr. Heidemarie Arnhold ist Vorstandsvorsitzende des Berliner „Arbeitskreis Neue Erziehung e. V.“ (ANE) und unterstreicht: „Die Tatsache, dass ein Kind in einer Disziplin besonders weit ist, hat nichts damit zu tun, ob man nun weltbeste Mutter oder weltbester Vater ist. Da steckt vielmehr der wachsende Druck dahinter, alles perfekt machen zu müssen. Von diesen Gedanken sollten sich frischgebackene Eltern schnellstens verabschieden.“

Ungeahnte Folgen

Tatsächlich besteht bei solchen Gegenüberstellungen die nicht zu unterschätzende Gefahr, dass Eltern sich unterlegen fühlen könnten, sie sogar glauben, mit ihrem Kind stimme etwas nicht. Schnell geraten dann temporäre Solidargemeinschaften wie Babyschwimmen, Kinderturnen oder der Spielplatz zum Ort für Sorgen und Konkurrenzdenken. Dass wir Menschen vergleichen, ist per se nicht verkehrt, schließlich sind wir stets auf der Suche nach Orientierung. Die Frage ist jedoch, was wir aus diesem Vergleich machen: Schlägt man etwa die Hände über den Kopf zusammen, wenn das Kind mit zehn Monaten noch nicht die Mission „Laufen“ angeht? Oder lässt man ihm nicht doch eher Zeit, wenn ein Altersgenosse in einem bestimmten Punkt weiter ist? „Dann braucht das Kind zum Sprechen oder Laufen halt etwas länger“, so Dr. Heidemarie Arnhold. „Hat der Kinderarzt bei den U-Untersuchungen keine Störungen festgestellt, werden sich diese Dinge schon noch einstellen.“

Vertrauen ist hierbei also höchstes Gebot. Haben Eltern es nicht, kann das weitreichende Folgen haben: Unsicherheiten werden schon in frühen Jahren auf die Kinder übertragen; sie werden nicht gestärkt und können mitunter kein ausreichendes Selbstvertrauen entwickeln. Dr. Heidemarie Arnhold weiß: „Kinder sind bereits im Mutterleib für Druck empfänglich. Hat die Mutter Stress, hat auch das Ungeborene Stress, dafür sorgt die Körpersprache. Generell ist es Eltern meist nicht bewusst, wie gut ihre Kleinen nonverbale Signale identifizieren können.“ Letztlich ist es die alte Geschichte vom halbvollen oder halbleeren Glas, denn wenn etwa mit zehn Monaten noch nicht die ersten zaghaften Schritte getan wurden, sind Gedanken wie „Mein Kind lässt sich halt ein wenig mehr Zeit“ zielführender als Zweifel an der Entwicklung. Interpretationssache eben.

Ratschläge statt Regeln

Vergleiche, Sorgen und Fragen zum Heranwachsen gab es schon immer – der ANE steht seit über 70 Jahren vielen Generationen von Eltern mit Rat und Tat zur Seite. Ein beliebtes Angebot ist dabei der gedruckte Elternbrief, der Müttern und Vätern möglichst passgenau exakt die Informationen vermittelt, die sie benötigen. Dabei handelt es sich nicht um pädagogische Theorien, sondern vielmehr um eine Orientierungshilfe für den Alltag: Ratschläge statt Regeln. Über acht Jahre hinweg werden die Elternbriefe per Post an die Abonnenten verschickt; jede Ausgabe hält genau das bereit, was dem Alter des Kindes entsprechend aktuell ist. Dr. Heidemarie Arnhold freut sich: „Eine typische Rückmeldung von Eltern lautet: Woher wisst ihr, dass dieses oder jenes Thema gerade bei uns aktuell ist? Wir erhalten auch Fotos von Familien – eine richtige Fangemeinde.“ Zusätzlich zu der beliebten Printversion befindet sich momentan auch eine App in Vorbereitung. Mit Blick auf das Internet als Informationsquelle rät Dr. Arnhold aber auch zur Vorsicht. Aus Sicht des ANE ist dies eines der bislang wenig thematisierten, großen Probleme, denn auch im Bereich der Erziehung darf von digitalen Filterblasen gesprochen werden. „Wer bestimmte Fragen im Netz googelt, erhält personalisierte Suchergebnisse. Ein sich selbst bestätigendes System“, so die Pädagogin.

Ratsamer ist es also, mit Geduld und Vertrauen die spannende Zeit der kleinen und großen Fortschritte zu begleiten und bei Unsicherheiten lieber den Kinderarzt zu konsultieren. Jagen Eltern ihr Kind von einer Entwicklungsstufe zur nächsten, versäumen sie möglicherweise das eigentliche Aufwachsen – etwas, was sie später sicher bedauern würden.

Informationen: www.ane.de



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