Das Glück in der Krise: Postpartale Depression

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Kaum ein Ereignis wird so sehr mit Lebensglück, Euphorie und Erfüllung verbunden wie die Geburt eines Babys. Perfekt, so sind sich viele sicher, wird das Leben erst mit Kind. Unterstützt wird diese Assoziation von (Werbe-)Medien: Strahlende Mütter halten Neugeborene in Kameras, sich verliebt anlächelnde Paare streicheln zärtlich über Babybäuche, Elternteile mit verklärtem Blick schmiegen ihre Stirn an die eines Säuglings. Die Hoffnung vieler werdender Eltern ist ebenso groß wie die Erwartungen von Freunden und Verwandten. Was aber, wenn sich nach der Geburt des eigenen Kindes nicht automatisch das große Glücksgefühl einstellt? Wenn statt der strahlenden Mutter das heulende Elend im Wöchnerinnenbett liegt? Wenn nicht die alles übertreffende Mutterliebe zur vorherrschenden Empfindung wird, sondern Gleichgültigkeit, Verzweiflung, Angst oder sogar Ablehnung?

Für etwa jede sechste bis neunte Frau – je nachdem, welchen Kriterien die jeweilige Statistik folgt – ist das Realität. Postpartale Depression, postnatale Depression, Wochenbettdepression, alle Begriffe beschreiben dasselbe Phänomen; eine schwerwiegende, aber in fast allen Fällen vorübergehende psychische Erkrankung, die sich im ersten Jahr (am häufigsten in den ersten drei Monaten) nach der Entbindung manifestiert.
Obwohl die postpartale Depression (PPD) schon 1868 von dem Pariser Arzt Louis-Victor Marcé beschrieben wurde und zu den häufigsten psychischen Störungen nach einer Entbindung gehört, ist sie vergleichsweise schlecht erforscht. Hinzu kommt, dass viele Frauen mit Symptomen von PPD sich niemandem anvertrauen – aus Scham über ihre zwiespältigen Gefühle dem Kind gegenüber und aus Angst, als schlechte Mutter abgestempelt zu werden. Tatsächlich begegnet das Umfeld Frauen mit PPD häufig mit Unverständnis. Für frischgebackene Väter ist es nur schwer nachvollziehbar, wenn ihre Partnerin nicht die gleiche Nähe zum gemeinsamen Kind aufbauen kann wie er selbst; Familienmitglieder und Freunde unterschätzen das Problem, weil sie die Situation der Betroffenen mit den gewöhnlichen Belastungen nach der Geburt eines Kindes gleichsetzen; und selbst Fachleute in Geburtskliniken verkennen oft den Ernst der Lage, weil die Frauen in der Phase, in der sich die PPD vom harmlosen Babyblues (siehe Kurzinfo) unterscheiden lässt, meistens schon nach Hause entlassen worden sind. Kein Wunder, dass bei etlichen Betroffenen die Diagnose erst spät oder überhaupt nicht gestellt wird. Umso wichtiger zu wissen, welche Signale für eine PPD sprechen. Viele der Anzeichen sind mit denen „normaler“ depressiver Störungen identisch. Das können neben den klassischen Symptomen (Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, das Gefühl innerer Leere, Schlafstörungen, Erschöpfung, Grübelzwang, Ängstlichkeit) auch Panikattacken, Hyperaktivität, Reizbarkeit oder Aggressionen sein. Und wie bei allen depressiven Erkrankungen ist das Suizidrisiko der Betroffenen erhöht. Bei PPD-Patientinnen kommt vielfach das Gefühl hinzu, das Kind nicht lieben zu können oder sogar abzulehnen – selbst, wenn sich die Frau das Kind sehnlichst gewünscht hat. Betroffenen Müttern fällt es oft schwerer als nichterkrankten Frauen, eine Bindung zu ihrem Kind aufzubauen, dessen Bedürfnisse zu erkennen und intuitiv mit ihm zu kommunizieren. Auch das Stillen macht vielen Frauen mit PPD Probleme. Nagende Schuldgefühle stellen sich fast zwangsläufig ein.

Die Gründe, warum Frauen eine PPD entwickeln, können verschieden sein. Meistens treffen mehrere Ursachen zusammen. Zum einen kann, wie bei vielen anderen psychischen Erkrankungen, eine körperliche Disposition vorliegen (genetisch, hormonell, hirnstoffwechselbedingt), zum anderen spielen aber auch psychosoziale Faktoren eine Rolle. Bei Frauen, die wenig Unterstützung im Umfeld erfahren, ist das Risiko für eine PPD erhöht, ebenso bei Frauen mit geringem Selbstwertgefühl. Und auch belastende Lebensereignisse wie Todesfälle, Trennungen, der Verlust des Arbeitsplatzes oder Umzüge begünstigen die Entstehung einer PPD Spezielle Fragebögen wie die EPDS (Edinburgh-Postnatal-Depressions-Skala) oder die DASS-P (Depression-Angst-Stress-Skala für die Peripartalzeit) können sowohl Fachleuten als auch potentiell Betroffenen dabei helfen einzuschätzen, ob eine PPD vorliegen könnte. Die Diagnose ist bereits die halbe Miete, es gibt nämlich einige Möglichkeiten, die Not der Frauen zu lindern und die Krankheitsdauer zu verkürzen. Die Bandbreite reicht von praktischem Beistand im Alltag über Aufklärung, Beratung und psychotherapeutische Maßnahmen bis hin zu medikamentös unterstützten Therapien. In manchen Fällen kann auch ein stationärer Klinikaufenthalt sinnvoll sein, damit die Mutter den Weg aus der Sackgasse findet und sich abseits belastender Lebensumstände erholen kann – möglichst gemeinsam mit ihrem Baby. Oftmals ist allein schon die Erkenntnis eine Erleichterung, dass die Symptome kein Ausdruck persönlicher Unfähigkeit, mangelnder Liebesfähigkeit oder charakterlicher Schwäche sind, sondern Zeichen einer handfesten Erkrankung. Die gute Nachricht: Die Prognosen bei PPD sind viel besser als bei anderen psychischen Erkrankungen. Fast immer verschwinden die Symptome innerhalb der ersten 12 Monate nach der Entbindung vollständig. Sowohl psychotherapeutische Unterstützung als auch die enge Begleitung durch Hebammen fördern die Heilung erheblich, und auch die Entlastung durch den Partner und andere Familienangehörige ist nicht zu unterschätzen. Die schlechte Nachricht: Statistisch betrachtet haben Kinder betroffener Mütter noch bis ins Jugendlichenalter hinein ein erhöhtes Risiko, selbst an affektiven Störungen zu erkranken. Je früher die PPD erkannt und behandelt wird, desto besser also – und zwar nicht nur für die Mutter, sondern auch für das Kind.

Kurzinfo über weitere Formen postpartaler Stimmungskrisen

1. Babyblues, „Heultage“, postnatale Verstimmung

Der Babyblues – tatsächlich ist dies der Fachausdruck für das Phänomen – ist die häufigste Form postpartaler Stimmungstiefs. Er wird unter anderem durch die Hormon-umstellung verursacht und befällt sage und schreibe 50 bis 80 Prozent aller Mütter in den ersten Tagen nach der Entbindung. Der Babyblues ist unangenehm, aber harmlos und verschwindet fast immer von alleine wieder. Sollte die Verstimmung nach ca. 10 Tagen noch nicht abgeklungen sein, sollten weitere diagnostische Maßnahmen ergriffen werden, um eine ernste depressive Erkrankung auszuschließen.

2. Postnatale Psychose, Wochenbettpsychose

Die postpartale Psychose ist eine schwere und akute psychische Erkrankung, die unbedingt behandlungsbedürftig ist. Sie tritt in den ersten beiden Wochen nach der Entbindung auf und äußert sich in psychotischen Symptomen wie Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Verwirrtheit, Panikzuständen, manischem oder stark depressivem Verhalten. Bei einer postpartalen Psychose ist nicht nur das Suizidrisiko der Betroffenen deutlich erhöht, auch Kindstötungen kommen vergleichsweise häufig vor. Im Gegensatz zur postpartalen Depression und dem Babyblues ist die Krankheit aber sehr selten. Betroffen sind ein bis zwei von 1.000 Frauen. Schwangere, die zuvor bereits unter schweren psychischen Störungen (z. B. Schizophrenie oder schwere affektive Störungen) gelitten haben, neigen auch nach der Entbindung eher dazu, eine Psychose zu entwickeln.

3. Postnatale posttraumatische Belastungsstörung

Die posttraumatische Belastungsstörung ist von Opfern und Zeugen schwerer Gewalttaten sowie von Überlebenden von Katastrophen und Kriegen bekannt. Meist zeigt sie sich innerhalb eines halben Jahres nach der traumatischen Erfahrung. Symptome können Flashbacks sein, in denen das Ereignis immer wieder neu durchlebt werden muss, aber auch Angstzustände, Erinnerungslücken, Schlafstörungen und Alpträume, Reizbarkeit oder Konzentrationsstörungen. Auch eine Entbindung wird manchmal als traumatisches Ereignis erlebt und kann eine posttraumatische Belastungsstörung nach sich ziehen. Am häufigsten betroffen sind Gebärende, bei denen ein Notkaiserschnitt erforderlich wird. Zwar entwickeln nur ca. 2 Prozent aller Frauen, deren Entbindung in die Kategorie „traumatische Erfahrung“ fällt, auch eine posttraumatische Belastungsstörung, dennoch sollten junge Mütter und ihre Angehörigen bei entsprechenden Symptomen aufmerksam werden und professionellen Rat suchen.

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