Mein Auslandsaufenthalt in Polen: Cześć und hallo!

Mein dritter Bericht für KingKalli und somit Halbzeit. In den letzten Wochen ist natürlich wieder so einiges passiert. Mittlerweile lebe ich alleine in der Freiwilligen-WG (die eigentlich für vier Leute bestimmt ist), da meine italienische Mitbewohnerin Aurora ihr Freiwilligenjahr beendet hat. Nun warte ich gespannt auf meine zwei neuen Mitbewohner aus Russland.

Gemeinsam haben wir aber noch so einiges erlebt. Die Caritas hat uns zum Beispiel Eintrittskarten für die Stettiner Philharmonie geschenkt, und somit sind wir beide mit weiteren Caritas-Mitarbeitern dorthin gegangen. Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten, aber ich kann definitiv sagen, dass man sich ein traditionelles Sinfonieorchester in der Stettiner Philharmonie auf jeden Fall mal angucken sollte.

Stettin in Regenbogenfarben

Einige Tage später fand in Stettin eine LGBTQ+ Pride Parade statt und wir nahmen uns vor, gemeinsam mit unserer Koordinatorin Ewa dorthin zu gehen. Weil der Großteil Polens aufgrund seiner christlichen Werte dafür bekannt ist, gegen die LGBTQ+-Community zu sein, plagte uns die Unsicherheit, ob wir tatsächlich dort hingehen sollten.

Nach kurzer Überlegung haben wir uns dann entschlossen, mitzumachen, aber erstmal die Lage abzuchecken. Als uns alles ziemlich sicher erschien, haben wir entschieden, uns der Parade als Teilnehmer anzuschließen, und machten uns auf den Weg in die Innenstadt. Hinter einem Dutzend Polizei-Bullis und gefühlt tausend Polizisten konnten wir endlich das Ende der Parade sehen und haben uns dem bunten Treiben angeschlossen. Mit bewaffneten Polizisten links, rechts und hinter uns ging es los und ganz Stettin leuchtete an diesem Nachmittag in Regenbogenfarben, sodass die Antiplakate der LGBTQ+-Gegner am Straßenrand kaum Beachtung fanden. Es kamen sogar extra Leute aus Berlin und Umgebung angereist, um die polnische Community zu unterstützen.

Mein persönliches Highlight des Ganzen war, als ein junger Mann inmitten der Parade (die übrigens rund 3.000 Teilnehmer hatte) mit seiner Gitarre „Born this way“ von Lady Gaga spielte und sofort alle Menschen drumherum anfingen mitzusingen.

Die polnische Küste erkunden

Ganz spontan haben wir uns entschieden, Stettin zu verlassen und saßen an einem Samstagmorgen auch schon im Zug Richtung Danzig. Verglichen mit den polnischen Zügen kann die Deutsche Bahn sich tatsächlich in Sachen Pünktlichkeit, Sauberkeit und Kosten eine Scheibe abschneiden, denn Zug fahren ist hierzulande supergünstig und angenehm. Nach etwa sechs Stunden Fahrt sind wir endlich in Danzig angekommen und haben direkt an einer dreistündigen Free-Walking-Tour teilgenommen, bei der uns gefühlt die ganze Stadt gezeigt und alles Wissenswerte erzählt wurde. Am Sonntagmorgen ging es zwar schon in Richtung Stettin weiter, wir wollten aber noch einen Zwischenstopp in einer anderen bekannten Stadt in Polen anlegen. Unser Ziel war diesmal Gdynia (auf Deutsch Gdingen). Bevor es dann also endgültig „nach Hause“ ging, verbrachten wir noch den ganzen Sonntag gemütlich am Strand in Gdynia und um Mitternacht endete unsere kleine, aber feine Ostseetour wieder in Stettin.

 

Allerheiligen in Polen – ein richtiges Erlebnis

Der 1. November (und somit auch mein erster Tag alleine in der WG), Allerheiligen, wird in Polen sehr groß gefeiert. Die Vorbereitungen dafür finden schon Wochen vorher statt. Am 31. Oktober fand in Stettin eine Allerheiligen-Prozession statt, an der ich mit den Kindern und Mitarbeitern meiner Arbeitsstelle teilgenommen habe. Die Atmosphäre glich der eines Sankt-Martin-Zugs bei uns in Deutschland. Der entscheidende Unterschied war aber, dass Grabkerzen statt Laternen von Jung und Alt getragen wurden.

Dass Allerheiligen hier in Polen ein sehr wichtiger Feiertag ist, merkt man daran, dass die Stadt und wahrscheinlich das ganze Land im Ausnahmezustand sind. Wochen vorher findet man schon in jedem Supermarkt unendlich viele Grabkerzen und Dekorationen für die Gräber. In Stettin befindet sich der größte Friedhof Polens, den ich dann auch am 1. November besucht habe. Ich finde, die Atmosphäre an dem Tag muss man einfach erleben, wenn man schon in Polen ist. Auf dem Hinweg konnte ich mich glücklich schätzen, in der völlig überfüllten Tram noch einen Stehplatz zu ergattern, und konzentrierte mich voll darauf, nicht zerquetscht zu werden. Ob ich wusste, wo der Friedhof ist? Natürlich nicht, aber einfach den Menschenmassen folgen, lautete die Devise.


Vor dem Friedhof angekommen, nahm der ganze Trubel seinen Lauf. Die Menschenmassen strömten aus der Tram, sodass das Ordnungsamt den ganzen Verkehr leiten musste. Kilometer bevor der Friedhof überhaupt zu sehen war, wurden Straßen abgesperrt. Der Friedhofseingang glich einem Trödelmarkt mit unzähligen Ständen, an denen Blumen, Kerzen und weitere Dekoration für die Gräber verkauft wurden. Auf dem Friedhof standen schon ein Polizei- und ein Rettungswagen bereit. Nur für den Fall der Fälle. Weiter entlang des Hauptweges sammelten sich endlose Menschenschlangen vor den Dixi-Klos. Auch Musiker nutzten den Tag und musizierten mit ihren Gitarren und Trompeten einfach mal auf dem Friedhof. Und als ob das nicht schon genug wäre, durfte zu guter Letzt der polnische Fernsehsender TVP nicht fehlen. Ich bin schon gespannt was die nächsten Monate im neuen Jahr mit sich bringen!

Pozdrawiam und liebe Grüße
Elisa

In diesem Jahr berichtet Elisa Runchina für uns von ihrem FSJ aus Polen. Außerdem möchten wir gerne bei Freiwilligendiensten in der Region vorbeischauen.
Wer möchte unseren Jugendredakteurinnen und -redakteuren etwas davon erzählen?

Wer das nächste Jahr ein FSJ oder einen BFD plant, kann sich gerne bei uns bewerben.
Es gibt ein Ministipendium von 250 Euro und im Gegenzug berichtest du ein Jahr lang von deinen Erfahrungen. Bitte meldet euch bei:
Birgit Franchy, info@verlag-umdieecke.de, Stichwort „FSJ/BFD“

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