Corona und Kinder: Wenn wichtige Kontakte fehlen – Gespräch mit dem Kinderschutzbund Aachen

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Besonders im Umgang mit Gleichaltrigen erlernen Kinder ihre sozialen Kompetenzen. Im Zuge der Corona-Einschränkungen mussten und müssen die Heranwachsenden jedoch auf gewohnte Kontakte verzichten, sodass Experten mit einschneidenden Folgen rechnen. Umso wichtiger ist es für Familien daher, auch in der Krise eine Tagesstruktur aufrechtzuerhalten.

Szenarien, die es so noch nicht gegeben hat: rot-weißes Flatterband an den Spielplatzzugängen, Schulunterricht samt Mundschutz und Kitas im Notbetreuungsmodus. Kein Bereich des Lebens, der im Zuge der Corona-Krise nicht von Einschränkungen betroffen war oder immer noch ist. Und ausgerechnet die Kleinsten scheinen mitunter die größten Verlierer dieser Maßnahmen zu sein. So mussten Kinder nicht nur wochenlang weitgehend auf den Kontakt zu Gleichaltrigen verzichten, der Besuch bei den zur Risikogruppe zählenden Großeltern war ebenfalls nicht drin. Auch wenn Experten entsprechende Vergleichswerte fehlen, warnen sie seit Beginn der Maßnahmen vor den negativen Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung. „Man kann sich durchaus ausmalen, was diese Einschränkungen mit den Kleinsten machen können“, verdeutlicht etwa Andrea Weyer, Geschäftsführerin des Aachener Kinderschutzbundes. „Umso ärgerlicher ist es, dass gerade Kinder und Familien bei den Entscheidungen von Bund und Ländern so wenig berücksichtigt wurden.“ Durch den fehlenden Kontakt zu Gleichaltrigen und wichtigen Bezugspersonen wie Erziehern und Lehrern seien große Unsicherheiten entstanden, die selbst von noch so bemühten Eltern nicht gänzlich abgefedert werden könnten.

In der Entwicklung weit zurückgeworfen

Die Tatsache, dass sich Kinder und Jugendliche über viele Wochen nicht auf Spielplätzen, im Sportunterricht oder -verein austoben konnten, rückt auch den gesundheitlichen Aspekt in den Fokus: Fehlende Bewegung belastet auf Dauer Physis und Psyche. Kinderärzte berichten zudem seit Beginn der Krise von deutlich leereren Praxen, da besorgte Eltern aus Angst vor einer Infektion wichtige Untersuchungen oder Impfungen ihrer Kinder meiden. Regelmäßige Termine beim Logopäden oder Ergotherapeuten konnten zudem nicht wahrgenommen werden. Andrea Weyer ergänzt: „Auch die Frühförderung von Kindern mit Behinderung fand und findet nicht im gewohnten Maße statt, sodass die Betroffenen in ihrer Entwicklung weit zurückgeworfen werden.“ Auch hier sei mit entsprechenden Langzeitfolgen zu rechnen.

Dass die Zeit ohne Kita und Schule auch positive Effekte mit sich gebracht hat, etwa für den familiären Zusammenhalt, möchte Andrea Weyer nicht bestreiten – Stichwort „Entschleunigung“. Dies gilt allerdings in erster Linie für finanziell und sozial gut gestellte Familien, denn mit Haus, Garten und Geschwistern lässt sich eine Quarantänesituation schließlich besser bewältigen. Seitens des Kinderschutzbundes schaut man aber genauer hin: „Kinder, die in einem schwierigen Umfeld aufwachsen und dann ausschließlich auf die eigene Familie begrenzt sind, erleben mitunter ein höheres Maß an Wut und Gewalt. Wenn dann noch aufmerksame Vertrauenspersonen wie etwa Lehrer fehlen, kann es problematisch werden.“ Doch auch in harmonischen Familien stellten die Corona-Beschränkungen eine Belastungsprobe dar. Plötzlich waren Eltern noch stärker in die Lern- und Hausaufgabenbetreuung eingespannt, während sie selbst mitunter im Homeoffice saßen oder sich gar mit beruflichen Existenzängsten plagten. Da lauerten zum einen Konflikte und dicke Luft. Andrea Weyer macht aber auf ein noch viel differenzierteres Problem aufmerksam: „Eltern erlebten und erleben diese Krise emotional anders als ihr Nachwuchs. Ängste übertragen sich bisweilen auf die Kinder, sodass diese sich wiederum sorgen, das Virus aus der Schule mitzubringen und die Krankheit so an die eigenen Eltern weiterzugeben.“ Kinder, so die Expertin, seien hervorragende Seismographen für die Gefühle ihrer Eltern.

Kinder benötigen eine Struktur

Mit emotionalen Herausforderungen hatten nach den ersten Lockerungen auch die ganz Kleinen zu kämpfen, kam der Kita-Start nach unzähligen Wochen der Abwesenheit für viele Kinder doch einer Neueingewöhnung gleich. Auch während der Kontaktsperre stand der Aachener Kinderschutzbund daher Familien (per Telefon) beratend zur Seite. Da ging es nicht selten um die Frage, wie in der Ausnahmesituation gewisse Abläufe aufrechterhalten werden könnten. „Für Kinder ist es wichtig, dass sie eine Struktur haben“, so Andrea Weyer. „Wir haben Familien geraten, eine Art Stundenplan für zu Hause zu erstellen, zusammen zu kochen oder – bei Aussicht auf Öffnung – wieder den gewohnten Weg zur Kita einzuüben.“ Hilfreiche Tipps, um Frust und Langeweile zu vermeiden und gleichzeitig nach vorn schauen zu können. Denn so ungewiss sich die Zukunft mit Blick auf die COVID19-Pandemie weiterhin gestaltet, so wichtig ist es, über die Zeit „nach Corona“ zu sprechen und sich gemeinsam auf den nächsten ausgelassenen Spielplatzbesuch zu freuen.
kinderschutzbund-aachen.de


Familien in der Corona-Krise:

Familienberatung über Telefon und Internet

Krisen-Hotline für Alleinerziehende
Generell können sich Betroffene mit ihren Fragen und Sorgen an den Landesverband alleinerziehender Mütter und Väter NRW (vamv-nrw.de) wenden. Seit dem 30. März hat der Verband eine Krisen-Hotline eingerichtet, die vom NRW-Familienministerium gefördert wird. „Alle Familie stehen gerade vor großen Herausforderungen“, sagt Nicola Stroop, Vorstand des VAMV NRW. „Aber Alleinerziehende können die Doppelbelastung aus Existenzsicherung und Kinderbetreuung mit niemandem teilen. Sie müssen viele familiäre Entscheidungen alleine treffen und meist auch das alleinige Familieneinkommen stellen. Sie brauchen jetzt eine zentrale Anlaufstelle für ihre Fragen und Sorgen.“ Unter der Telefonnummer 0201 82774-799 erhalten Alleinerziehende eine psychosoziale Beratung durch qualifizierte Ansprechpartnerinnen. Sie hören zu, nehmen Sorgen und Anliegen auf und loten Handlungsoptionen aus.

Beratung des Kinderschutzbundes
Das Elterntelefon des Kinderschutzbundes (nummergegenkummer.de) erreichen Mütter und Väter unter der Nummer 0800 1110550. Die Beratung findet hier von Montag bis Freitag zwischen 9 und 17 Uhr, Dienstag und Donnerstag zusätzlich bis 19 Uhr statt.
Für Kinder und Jugendliche gibt es eine gesonderte Hotline des Kinderschutzbundes – die Nummer gegen Kummer. Die 116111 ist von Montag bis Samstag von 14 bis 20 Uhr sowie Montag, Mittwoch und Donnerstag darüber hinaus von 10 bis 12 Uhr erreichbar.

Kinderschutzbund Aachen
Die telefonische Sprechstunde der Erziehungsberatungsstelle ist weiterhin von Montag bis Freitag zwischen 12 und 13 Uhr unter der Nummer 0241 94994-16 zu erreichen, ebenso die Telefonsprechstunde der Anlaufstelle Frühe Hilfen unter 0241 94994-30.

Onlineberatung für Jugendliche und Eltern
Die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke) bietet professionelle Beratungsangebote über das Internet an. Die Onlineberatung ist wie die Beratung in den Erziehungs- und Familienberatungsstellen kostenfrei. Auf bke-jugendberatung.de können sich Jugendliche mit ihren Sorgen und Nöten einloggen. Für Eltern mit Fragen und Problemen zur Erziehung ist die Website bke-elternberatung.de die richtige Adresse im Netz.

Onlineberatung der Caritas
Die neue Online-Beratungsplattform der Caritas (caritas.de/onlineberatung) ist erst im Oktober 2019 gestartet und hat in der Corona-Krise ihre erste große Bewährungsprobe. 27 Caritas-Diözesanverbände haben sich hier zusammengeschlossen und bieten zu verschiedenen Themenbereichen Hilfe und Beratung.

Frauenberatung
Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ berät unter 08000 116016 rund um die Uhr, auch an Wochenenden und Feiertagen – an 365 Tagen im Jahr. Auch eine Onlineberatung (hilfetelefon.de) wird angeboten sowie täglich zwischen 12 und 20 Uhr ein Sofort-Chat.

Frauen helfen Frauen Aachen
Derzeit keine offene Sprechstunde.
Auskunft und Beratung unter 0241 902416 oder per E-Mail montags, donnerstags und freitags von 9 bis 14 Uhr und dienstags von 12 bis 17 Uhr

Hilfetelefon „Schwangere in Not“
Das Hilfetelefon unter 0800 4040020 für schwangere Frauen in Konfliktlagen ist rund um die Uhr besetzt.

Beratungsstellen für Eltern, Kinder und Jugendliche der StädteRegion Aachen

Hier kann man sich anmelden, es gibt aber inzwischen auch wieder eine Beratung vor Ort.

Herzogenrath-Kohlscheid
02407 5591800, erziehungsberatung-herzogenrath@staedteregion-aachen.de

Stolberg
02402 22545, erziehungsberatung-stolberg@staedteregion-aachen.de

Eschweiler
0241 5198-5111, erziehungsberatung-eschweiler@staedteregion-aachen.de

Schulpsychologische Beratungsstelle der StädteRegion Aachen
Steinstraße 87, 52249 Eschweiler, 0241 5198-5144

Verein zur Förderung der Caritasarbeit im Bistum Aachen e. V.

Alsdorf
02404 599930, BAlsdorf@mercur.caritas-ac.de

Monschau
02472 804515, eb-monschau@mercur.caritas-ac.de    

Beratungsstellen für Eltern, Kinder und Jugendliche der StädteRegion Aachen: Seit Mitte Mai können wieder individuelle Termine vereinbart werden.

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