Wie oft haben wir es von unseren Eltern gehört und wie oft hören es unsere Kinder von uns: „Kind, geh doch ein bisschen raus an die frische Luft.“ Draußen, das ist noch viel mehr als nur frische Luft. Das ist verstecken und rennen, träumen und Wolkenschafe zählen, Arm in Arm gehen und Staudämme bauen, matschen und dre-ckeln, Ball spielen und rumschreien und so viel anderes mehr, das in den vier Wänden des Kinderzimmers einfach so nicht möglich ist. Deshalb: nicht müde werden, die Kinder nach draußen zu schicken, egal in welcher Jahreszeit! Hier kommen die passenden Buchtipps von Eva Unterburg!
IM-WALD-SEIN
Was für unsere Großeltern eine völlige Selbstverständlichkeit war, wird heute wiederentdeckt: das IM-WALD-SEIN und damit der eigenen Gesundheit etwas Gutes tun. Melanie Adamek hat darüber ein sehr lesenswertes Buch geschrieben, das locker geschrieben untersucht, wie der Wald auf unser Immunsystem und unsere Stimmungslage wirkt. Sie hat dabei den Wald auch als Experimentierfeld eingesetzt, indem zwölf Menschen sich fünf Tage lang in kroatischen Wäldern dem sogenannten Waldbaden hingaben und danach ihre ganz persönlichen emotionalen Eindrücke äußerten. Im Mutterland des Shinrin Yoku, wie das Waldbaden auf Japanisch heißt, konnte sie durch Fachleute ihr Experiment in Kroatien wissenschaftlich untermauern lassen. Ihre an der japanischen Forest Medicine erworbenen Kenntnisse fließen ein in dieses großartige Buch, das uns den Wald vor unserer Haustüre als ein wertvolles Heilmittel vorstellt. Vitamin-grün-Tanken ist eine der unkompliziertesten Möglichkeiten zur Gesunderhaltung, die noch dazu richtig viel Spaß macht.
Dr. Melanie H. Adamek: IM-WALD-SEIN. Die natürliche Antwort auf Psychostress und Zivilisationskrankheiten.
328 Seiten, gebunden, 17,5 x 24,5 cm, Optimum 2018, 34,90 Euro, für Erwachsene und Familien
Eine Insel zwischen Himmel und Meer
Was für ein Buch! Wer so begnadet schreiben kann und eine Übersetzerin findet wie Birgitt Kollmann, kann sich glücklich schätzen. Und wir deutschsprachigen Leser können uns wirklich an diesem Buch erfreuen, das mit zarten und gleichzeitig sehr bestimmten Worten aus dem Leben der zwölfjährigen Crow erzählt, die als neugeborenes Baby in einem altersschwachen Kahn auf einer einsamen Insel landet. Osh, ein kauziger Künstler und einziger Inselbewohner, nimmt sich ihrer liebevoll an, und auch Miss Maggie von der Nachbarinsel kümmert sich um das Kind. Crow und Osh leben von dem, was das Meer und ihr kleiner Garten ihnen bieten. Crow kann fischen und schwimmen wie keine andere und weiß, wie man den Sandboden so bearbeitet, dass er reichen Ertrag bringt. Was sonst benötigt wird, verdient Osh durch den Verkauf seiner Bilder an Touristen. Die Inselwelt vor der Küste von Cape Cod ist beliebt als Ausflugsziel, nur eine der sogenannten Elisabeth-Inseln ist schon lange menschenleer und wird selbst von den Einheimischen gemieden. Crow entdeckt eines Nachts aus der Ferne dort ein Feuer. Dies ist der Anfang einer Suche nach ihren Wurzeln, die sie dorthin bringt, wo ihre leiblichen Eltern sie schweren Herzens direkt nach der Geburt in ein Tuch gewickelt und mit kleinen Andenken versehen dem Meer übergaben. In der Hoffnung, dass sie ein besseres Leben haben möge … Dieses Buch gehört zu den wenigen Rezensionsexemplaren, die ich nicht verschenken werde.
Lauren Wolk: Eine Insel zwischen Himmel und Meer. 288 Seiten, gebunden, 14 x 21,5 cm, dtv Reihe Hanser 2018, 14,95 Euro, ab 12 Jahren
Alwina und Nelli
Kaum ein Buchcover passt besser zum Draußen-Thema als dieses. Eine vergnügt dreinschauende mollige Frau im rosafarbenen Punktekleid und mit gelbem Sonnenhütchen fährt mit dem Fahrrad am Meer entlang. Über ihr der sommerblaue Himmel und auf dem Gepäckträger ein vor Vergnügen quietschendes blondes Mädchen. Die Stimmung der beiden war nicht immer so gut, das erfahren wir auf den weiteren Seiten dieses stillen Bilderbuchs. Alwina hatte eigentlich ein Zimmer mit Meerblick bestellt und wechselt kurzerhand die Unterkunft, wo sie auf die enttäuschte kleine Nelli trifft, die dem Urlaub bei der Tante so gar nichts Gutes abgewinnen kann. Und so freunden sich die beiden an, entde-cken zusammen Lieblingsplätze, essen Eis und vergnügen sich am Strand. Es finden sich in den kurzen Bildbeschreibungen herrliche Sätze wie dieser: „Dafür war Alwina gut im Wasser.“ „Das kommt vom Fett“, sagte sie. Nebendran sieht man Alwinas beherzten Sprung vom Sprungturm direkt ins Meer. Doch irgendwann haben diese wundervollen Ferien ein Ende und Alwina muss zurück in die Stadt … Heribert Schulmeyer hat diesem poetischen Bilderbuch den Untertitel „Eine Sommergeschichte aus dem Skizzenbuch“ gegeben und lässt uns auf den ersten und letzten Seiten in seine Skizzen hineinschauen. Einfach schön!
Heribert Schulmeyer: Alwina und Nelli. 48 Seiten, gebunden, 22,5 x 30 cm, Atlantis 2019, 16,95 Euro, ab 4 Jahren
Willkommen in der Waldschule.
Beste Freunde – Pfote drauf Mino ist ein kleiner Wolf und heilfroh, wieder in der Waldschule zu sein. Denn dort beginnt das neue Schuljahr und er sieht seinen Freund Lenni, den starken Bären, wieder. Doch etwas ist komisch: Mino kann die Neue nicht riechen! Dabei hat er doch die beste Nase von allen, kann sogar riechen, wie viele Pommes er heute auf seinem Teller haben wird beim Mittagessen. Nur bei Lola, der Wildkatze riecht er rein gar nichts. Ob das etwas mit ihrer unglaublichen Schnelligkeit zu tun hat? Eigentlich will Mino ihr am liebsten komplett aus dem Weg gehen wie den fiesen Eisfüchsen Bruce und Willis auch. Aber dann kommt alles ganz anders, als die große Schnitzeljagd im Wuselwald beginnt … Eine liebevoll erzählte Geschichte über das Tierleben im Wuselwald und den Wert wahrer Freundschaft. Da wird man wieder gern zum Kind beim Zuhören.
Ann-Katrin Heger: Willkommen in der Waldschule. Beste Freunde – Pfote drauf. 2 Audio CDs, ungekürzte, inszenierte Lesung mit Musik, gelesen von Andreas Fröhlich, Gesamtspielzeit ca. 2 Stunden, cbj audio 2019, ca. 14,45 Euro, ab 5 Jahren
Omas freche Ziegen
Oma wohnt in einem wunderschönen Garten, wo Salatköpfe und Zwiebeln nebeneinander in ordentlichen Beetreihen wachsen. Wo die Schubkarre voller Gartengeräte liegt und ständig was zu gießen ist. Nin, die kleine Enkelin, hilft gerne mit und sitzt aber ebenso gerne mit ihrer Oma am Kaffeetisch, um ihr die neusten Geschichten zu erzählen. Doch ständig kommen Frida und Fritzi dazwischen. Die beiden Ziegen haben nur Unfug im Kopf, jagen die armen Hühner in ihrem Stall, stoßen Nins Leiter beim Kirschenpflücken um und bauen sogar eine Räuberleiter, um über den Zaun zu kommen. Was natürlich wegen des Verkehrs auf der Straße total gefährlich ist. Nun hat Oma genug und leint die beiden an. Was nicht lange gut geht, denn eine Katastrophe reiht sich an die nächste. Bis Fride und Fritzi merken, was man mit solch einer Schnur alles machen kann, zum Beispiel mit den kleinen Küken Seil hüpfen oder den Hasen beim Hasenbau helfen. Und bei so vielen neuen Freunden haben die Ziegen gar keine Lust mehr auf Unsinn. Absolut niedlich erzählt und gezeichnet. Landleben pur!
Nathalie Daout, Vincent Hardy (Illustr.): Omas freche Ziegen. 32 Seiten, gebunden, 32 x 28 cm, Orell Füssli 2019, 14,95 Euro, ab 4 Jahren
Ein Jahr auf dem Land
Dieses entzückende Bilderbuch ist ein klassisches Wimmelbuch. Es zeigt immer die gleichen Gebäude eines Bauernhofs auf dem Land mit den Nachbarn nebenan. Das Schöne daran sind nicht nur die vielen Kleinigkeiten, die es überall zu entdecken gibt, sondern auch die einleitende Doppelseite vorneweg. Hier werden alle Bewohner, ob menschlicher oder tierischer Natur, vorgestellt. Man erfährt zum Beispiel, dass Maja Bauer für den Hühnerstall zuständig ist, aber genug Zeit hat, um mit ihrem Zwillingsbruder zu spielen. Hund Bello liebt es, in Maulwurfshügeln zu graben und sich ab und an eine Wurst zu stibitzen. Rudi arbeitet schon lange für die Bauers, er hat keine Angst vor harter Arbeit. Und Rosi liebt die biologischen Produkte, die sie bei den Bauers für ihr Restaurant in der Stadt einkauft. Ihre Tochter Luise kommt gerne mit aufs Land, um die Tiere zu streicheln. Nun weiß man, wer hinter den vielen Menschen steckt, die einmal dick in Daunenwesten gepackt Schneeballschlachten ausfechten oder in Shorts hoch oben im Kirschbaum sitzen. Die zwölf Monate haben auf je einer Doppelseite viel zu bieten an kleinen Geschichten, die man dank der Erklärung vorneweg wunderbar mit den anschauenden Kindern erzählen kann. Ein sehr gelungenes Format!
Magdalena Koziet-Nowak: Ein Jahr auf dem Land. 32 Seiten, gebunden, 24 x 31,5 cm, ars Edition 2018, 15 Euro, ab 3 Jahren
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