#bisansmittelmeer – Die Balkanroute rückwärts

in Aktuelles um die Ecke, yang52 (14+)

Heimat ist das, wonach du dich sehnst, wenn du rastlos bist, dir niemand eine Herberge bietet.

Nach Heimat und einem Zuhause sehnen sich noch immer Millionen von Menschen, die derzeit auf der Flucht sind, um Krieg, Terror und Verfolgung zu entkommen und sich und ihrer Familie eine bessere Zukunft zu sichern. Diese Menschen machen sich auf den Weg und treten eine beschwerliche Reise durch mehrere Länder an. Viele versuchen, über die Balkanroute in ein europäisches Land zu gelangen, um dort neu anzufangen. Seit mehreren Jahren gehen nun immer wieder Bilder und Nachrichten in den Medien umher, die vom Weg der Flüchtlinge berichten und die schlimmen Zustände zeigen, in denen sie vorher gelebt haben und in denen noch so viele mehr weiterhin gefangen sind. Nichtsdestotrotz gibt es sehr viele Menschen, die Hass, Misstrauen und Diskriminierung schüren, statt Flüchtlinge mit Offenheit zu empfangen, das haben gerade die kürzlichen Ausschreitungen in Chemnitz gezeigt. Immer wieder fragen Politiker, Soziologen und engagierte Menschen nach dem Warum. Doch um dem Hass etwas entgegenzuhalten und all diese komplexen Zusammenhänge zu verstehen, muss man hinter die Fassade blicken.

Aus diesem Grund – um ansatzweise nachempfinden zu können, was Flüchtlinge auf ihrem Weg erleben und was sie bewegt und antreibt – haben sich 20 Jugendliche bzw. junge Erwachsene aufgemacht. Vom 5. bis 19. August sind sie die Balkanroute rückwärts in vierzehn Tagen abgereist, begleitet von professionellen Journalisten und dem Jugendreferenten Axel Büker sowie Sozialarbeitern. Ihre Reise #bisansmittelmeer haben sie für sich und die „Nachwelt“ auf ihrem Blog (bisansmittelmeer.de) und sozialen Netzwerken dokumentiert. „Es geht uns dabei nicht darum, schreckliche Schicksale zu zeigen, sondern darum, um wahrzunehmen und zu verstehen“, schildert Axel Büker.
Über die Erfahrungen, Begegnungen und Erkenntnisse während und jetzt kurz nach der Fahrt hat mir Linus, der selbst mit 16 Jahren der Jüngste der Gruppe war, berichtet. Da er sich für die Flüchtlingsproblematik und aktuelle Geschehnisse interessiert, schlug seine Mutter ihm die Reise vor, und er war sofort von der Idee begeistert, denn „so eine Chance bekommt man nicht oft“, sagt er.

Die Reiseroute: München – Wien – Budapest – Röszke (Serbien) – Belgrad – Skopje (Mazedonien) – Thessaloniki – über das Mittelmeer und Italien zurück nach Aachen

Vor dem richtigen Reiseantritt gab es noch ein Vorbereitungswochenende in Monschau, um sich als Gruppe kennenzulernen und auf die Thematik einzustimmen. Am 5. August ging es dann los. Linus erzählt, dass er mit einigen Erwartungen und Vorstellungen die Reise angetreten hat, und mit dem Ziel, andere Perspektiven wahrzunehmen und sich selbst persönlich weiterzuentwickeln. Auch habe er gehofft, im Bereich Medien und Journalismus Neues zu lernen, da er damit vorher kaum in Berührung gekommen war. Vor allem aber wollte er viel über die Politik der einzelnen Länder und den unterschiedlichen Umgang mit Flüchtlingen vor Ort erfahren und selbst in Kontakt mit Betroffenen kommen.

Schon auf den langen Busfahrten von einem Land ins nächste wurde gearbeitet. Mit Laptops, Mikrofonen und professionellen Kameras ausgestattet, konnten die Teilnehmer ihre Sicht auf die Dinge festhalten, was es auch Menschen von zu Hause aus ermöglicht hat, die Reise mitzuverfolgen. Videos, Fotostrecken, Zeichnungen, Gedichte, Berichte, Making-ofs – auf all diese gesammelten Ergebnisse kann jeder auf dem Blog zugreifen. Tatsächlich ergaben sich auf der Reise einige interessante Begegnungen, die die jungen Erwachsenen zum Nachdenken angeregt haben. Teils waren das neue Denkanstöße, aber auch Meinungen, die nicht alle teilen konnten. In mehreren Ländern besuchte die Gruppe von #bisansmittelmeer Hilfsorganisationen, Flüchtlingsunterkünfte und Grenzgebiete und sprach mit den Verantwortlichen vor Ort. In München ließen sie die Geflüchtete Iranerin Tayabe Heydary in einem persönlichen Interview zu Wort kommen und in Wien fingen sie die Stimmen der Bewohner und Touristen zum Thema Heimat ein. Durch all die Erfahrungen und das Arbeiten im Team sei die Gruppe auch untereinander immer mehr zusammengewachsen. Immer wieder wurde jedoch der Kontrast zwischen Urlaubsgefühl in schönen Städten wie Wien und Budapest und den schockierenden Zuständen und angeheizten politischen Situationen deutlich. Linus selbst war besonders in Ungarn schockiert: „Dort betreibt die Regierung selbst richtige Propaganda, ja fast schon Hetze gegen Flüchtlinge.“ Das hätte er sich vorher nicht vorstellen können.

Nach und nach habe sich sein Blick weiter geschärft. Und jetzt könne er das Leiden und Hoffen der Flüchtlinge noch viel mehr nachvollziehen als vor der Reise, auch wenn er sich genauso wenig wie die anderen aus der Reisegruppe selbst anmaßen würde, sich wirklich in die Situation der Betroffenen hineinversetzen zu können. Allerdings sei ihm jetzt klar: „Es mangelt immer noch sehr an Unterstützung“, denn einige Schwierigkeiten und Hürden wie die, als Flüchtling nicht arbeiten gehen zu dürfen oder von Anfang an abgestempelt und diskriminiert zu werden, seien Linus vorher gar nicht so sehr bewusst gewesen. Doch er hat sich vorgenommen, nun auch selbst aktiver zu helfen, vielleicht sogar nach der Schule ein Projekt (im Ausland) zu unterstützen.

Die Reise bis ans Mittelmeer scheint also auch nachhaltige Abdrücke hinterlassen zu haben, auf ganz unterschiedliche Weise. Das haben die jungen Erwachsenen auch beim Nachtreffen, acht Tage nach der Rückkehr nach Aachen, gemerkt. Dort haben sie gemeinsam ihre Eindrücke und Erkenntnisse verarbeitet, Projekte für den Blog fertiggestellt. Was auch immer jede/n Einzelne/n individuell bewegt und verändert hat – in jedem Fall werden sie alle, wie Linus sagt, „ein Stück von jedem der bereisten Länder mitnehmen“.



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