Babyklappe: „Entscheidung für das Leben“

in Aktuelles um die Ecke

Im Jahr 2001 richtete das Marienhospital in Aachen ein Babyfenster ein. KingKalli sprach jetzt mit Geschäftsführer Rolf-Leonhard Haugrund über die Bedeutung der Einrichtung.
Kurz nachdem der Hamburger Verein SterniPark e. V. 2000 die erste Babyklappe eingeweiht hatte, entschied sich das Marienhospital 2001 als einzige Einrichtung in Aachen dafür, ebenfalls ein Babyfenster zu eröffnen.
Im Winter 2007 wurde das bisher erste Baby in Aachen in das Babyfenster gelegt. „Entscheidung für das Leben“, nennt Rolf-Leonard Haugrund das Handeln der Mutter, die sich dafür entschieden hat, dem Kind das Leben zu schenken und es einer besseren Zukunft übergeben möchte. Das Babyfenster möchte Rolf-Leonard Haugrund jedoch nur als einen kleinen Baustein in einer Kette von Hilfsangeboten verstanden wissen.

Brief an die Mutter

„Sie haben sich entschlossen, Ihr Baby in unsere Pflege und Obhut zu geben. … Uns liegt es fern und wir haben kein Recht dazu, Ihre Entscheidung zu bewerten. Im Gegenteil, Sie handeln sehr verantwortlich, wenn Sie Ihrem Kind das Leben und eine Zunkunft in Sicherheit und Geborgenheit ermöglichen möchten. …“
Diese Worte stehen in einem Brief, den sich die Mutter aus dem Babyfenster nimmt, wenn sie ihr Kind hineinlegt. In Deutsch, Englisch und Französisch ist der Text verfasst. Die Mütter werden darüber aufgeklärt, dass Sie – ohne Nachteile oder Strafe – acht Wochen lang das Recht haben, ihr Kind wieder an zu nehmen, bevor es zur Adoption freigegeben wird. Außerdem bietet sich das Krankenhaus an, der Mutter helfend zur Seite zu stehen, sofern sie nach der Geburt versorgt werden muss. Der Brief wird ergänzt durch eine Liste mit den wichtigsten Anlaufstellen für Frauen in Notsituationen.
Und er ermutigt die Mütter, einen Brief, vielleicht mit Namensgebung für ihr Kind zu hinterlassen, der diesem später ermöglicht mit seiner Geschichte um zu gehen.

Ankopplung an Intensivstation

Während sich die Mutter anonym von dem Babyfenster zurückzieht, geht im Inneren des Krankenhauses die Versorgung des Kindes los, erläutern Sven Würzberg, Stationsleiter der Intensivstation und Schwester Katja das, was sie im Winter 2007 erlebt haben. Der kleine Raum, der direkt hinter dem Babyfenster eingerichtet ist, verfügt über ein Wärmebettchen, über dem eine Überwachungskamera angebracht ist. Sobald sich das Fenster von außen schließt, filmt die Kamera das Bettchen und auf dem Monitor der Intensivstation wird direkt sichtbar, was im Bettchen vor sich geht. Gleichzeitiig ertönt ein akustisches Signal und das Personal läuft zum Bettchen. Neben dem Wickeltisch steht ein Notfallkoffer und ein Beatmungsgerät ständig bereit, damit das Baby sofort optimal versorgt werden kann.
Wenn das Kind versorgt ist, wird das Jugendamt eingeschaltet, das sich um alles weitere kümmert. Acht Wochen später wird das Kind zur Adoption freigegeben.

Babyfenster – Ja oder Nein?

Rolf-Leonard Haugrund erinnert sich an seine Beweggründe sich sofort für ein Babyfenster am Marienhospital einzusetzen, nachdem diese 2000 erstmals in Hamburg installiert wurden. In Würselen hatte es im selben Jahr einen Babyleichenfund gegeben und Haugrund wollte auch für Aachen eine sichere Möglichkeit schaffen, ein Neugeborenes anonym abzugeben, ohne dessen Gesundheit zu gefährden.
Eine Babyklappe soll die Zahl der ausgesetzten Kinder verringern. Lauf Auskunft des Deutschen Ärzteblattes März.08 werden pro Jahr 40 bis 50 Neugeborene ausgesetzt. Die Hälfte der Kinder wird tot aufgefunden. In Deutschland gibt es inzwischen laut SternPark e.V. über 80 Babyklappen, die helfen sollen, einige dieser Babys zu retten.
Kritiker bemängeln dabei immer wieder die anonyme Abgabe stehe dem Recht des Kindes auf das Wissen um seine Herkunft gegenüber.

Für jeden eine Lösung.

Rolf-Leonard Haugrund erachtet es als besonders wichtig, nicht nur den Neugeborenen zu helfen – wenn diese auch ohne ein Wissen über ihre Herkunft leben müssen – sondern auch den Müttern.
Er möchte auch den Frauen helfen, die ja die Kinder nicht abgetrieben haben, sondern das Kind die ganzen neun Monate austragen und es nun aus irgendeinem Grund nicht behalten können und auch nicht offiziell zur Adoption freigeben können.
Ob sie nun die Schwangerschaft zu spät bemerkten, um noch abzutreiben, die Schwangerschaft verdrängten oder verheimlichten, ob aus religiösen oder familiären Gründen, ist nebensächlich. Letztlich haben sie sich bewußt oder unterbewußt für das Kind entschieden.
Nun gilt es den bestmöglichen Weg zu finden. Und dieser Weg läßt sich für jeden finden, der Hilfe sucht, betont Haugrund. So arbeitet das Marienhospital mit verschiedenen Hilfseinrichtungen und dem Jugendamt zusammen und es hat sich in jedem Fall „irgendeine Lösung gefunden, die auch nicht an wirtschaftlichen Dingen festgemacht wird“.
Haugrund erinnert sich auch an einen Fall, der sich vor ein paar Jahren im Marienhospital zugetragen hat. Nachdem eine junge Frau ihr Baby anonym zur Welt brachte, sah sie sich aufgrund der guten Betreuung doch in der Lage dazu, das Kind selbst groß zu ziehen.
Aber letztlich ist jeder Fall eine Geschichte mit Happy End, denn jedes lebende Neugeborene ist eine „Entscheidung für das Leben“.

Weitere Artikel zum Thema:

Heimliche Entbindung: Fragen zur anonymen und vertraulichen Geburt

Hinterlasse einen Kommentar