Aus den Lautsprechern tönt Rock ’n‘ Roll. Es ist der erste Akt nach der Pause und David Jones wirbelt seine Frau Blaze Birge durch die Luft. Sie führen ihre atemberaubende Trapeznummer auf, die den Zuschauern öfter den Atem stocken lässt. Gesichert sind sie nicht. Eine Matte gibt es auf dem Boden auch nicht.
Ob sie nicht nervös sind oder überlegen, wie sie fallen sollen, werde ich später im Artisten-Wohnwagen, der der Familie als Umkleide dient, die typische Frage stellen. Er sei nicht nervös, dafür gebe es keine Zeit, habe sich aber durchaus Gedanken gemacht, wie man „richtig“ falle, so David Jones. „Es geht darum, nicht zu fallen, und alles soll klappen“, ergänzt Blaze Birge.
Das Artistenpaar ist weit über zehn Jahre im Geschäft und hat schon einige internationale Preise gewonnen. Ihre Geschichte ist eher ungewöhnlich, denn beide kommen nicht aus Artistenfamilien. Blaze hat Kunst und Philosophie studiert und kam als Aktionskünstlerin zu einer rumänischen Artistenfamilie nach England. Dort verliebte sie sich in die Trapezkunst und wechselte ins Artistenfach. Ihr späterer Mann lernte mit ihr zusammen das Fach. Er kam als gelernter Koch, der auch chinesische Medizin studiert hatte, ebenfalls als Quereinsteiger zur Trapezkunst.
Beide waren mit ihren Nummern so erfolgreich, dass sie sich 2006 entschieden, diesen Weg zu gehen.
2002 hatte Blaze Birge in Kalifornien bereits ihren eigenen kleinen Zirkus „Flynn Creek Circus“ gegründet, der verschiedene Kunstformen verbindet und auch eine Zirkusschule für Kinder und Erwachsene beinhaltet.
Als Jacy geboren wurde, pausierte das Paar kurz und arbeitete in einer Bar, danach ging es mit Jacy gemeinsam wieder auf Tour.
„Nur wenn wir kürzer als zwei Wochen unterwegs sind, bleibt sie bei meinen Eltern“, erzählt David Jones. Das bedeutet aber auch, dass Jacy acht bis zehn Monate unterwegs und damit nicht an ihrer Heimatschule ist. Mit der Schule gibt es einen Deal, wonach Jacy im „Homeschooling“ auf Reisen von ihren Eltern unterrichtet werden kann. In Kalifornien sei es nicht schwierig, Homeschooling genehmigt zu bekommen, erklärt Blaze das Procedere. So geben die Lehrer Jacy Aufgaben, die sie unterwegs erledigen soll. Diesmal steht auf der Agenda, während des Aachen-Aufenthalts den letzten Harry Potter Band zu Ende zu lesen und eine Zusammenfassung zu schreiben. Zudem soll sie über die Stadt Aachen referieren – keine leichte Aufgabe, da die Familie kaum Gelegenheit hat, sich umzuschauen.
Nicht immer glücklich findet David den Umgang mit den Arbeiten seiner Tochter. „Manche Lehrer wollen ihr Programm nicht unterbrechen. Aber wenn Jacy dann ein tolles Plakat und einen Vortrag über die Reise nach Monaco vorbereitet hat und das nicht vortragen darf, ist das einfach schade und enttäuschend“, so der Vater. Und was hat Jacy für Erfahrungen mit ihrer langen Abwesenheit von der Schule in den USA? „Die Kinder vermissen mich“, sagt sie. „Und ich sie auch.“
Weihnachten im Hotel, Silvester in der Manege
Feste wie Weihnachten und Silvester feiert die Familie in der Stadt, wo sie für den Weihnachtscircus gebucht sind. „Wir waren auf dem Wintermarkt“, lacht Blaze und gibt zu merkt an, dass Deutschland es mit Weihnachten einfach draufhabe. Es gebe hier die besten Plätzchen. Mit denen habe man sich eingedeckt – auch für das Weihnachtsfest, das die drei „ganz entspannt“ im Hotel gefeiert hätten.
Übernachten tun sie als zugebuchtes Paar diesmal nicht im Zirkuswagen, sondern im Hotel. Dort wird auch gefrühstückt, dann geht es zum Zirkus zur Nachmittagsvorstellung und direkt im Anschluss in die Abendvorstellung. Da der Cirkus Aquatico keine eigene Kantine hat und der Wohnwagen der Familie keine Küche, kaufen sie sich für zwischendurch etwas zu essen. Abendgegessen wird dann erst nach der Vorstellung und damit nach 22 Uhr.
Jacy ist diesen Rhythmus gewohnt. Schwieriger für sie ist die reguläre Schulzeit mit dem Frühaufstehen, denn sie ist es zeitlebens gewohnt, sehr spät ins Bett zu kommen.
„Sie soll die Wahl haben“
Die Neunjährige beschäftigt sich tagsüber im Zirkus mit anderen Artistenkindern, die meisten sprechen jedoch kein Englisch. Zudem liest sie sehr viel, besucht die Vögel eines anderen Artistenpaares, schaut ihren Eltern bei den Shows zu, tut etwas für die Schule oder trainiert an ihren eigenen Nummern mit Reifen oder Seil oder übt Handstand und Radschlagen in der Manege. Derzeitiger Berufswunsch: Artistin.
David und Blaze wollen die Tochter nicht lenken, ihr persönliches Glück sei ihnen das Wichtigste, egal was sie später für einen Weg wähle. Dennoch setzen beide auf eine breite Ausbildung.
„Mathe ist sehr wichtig!“, betont Blaze gleich zweifach. Kritisch merkt sie an, dass nicht alle Artistenfamilien Wert auf Bildung legen. Sie selbst möchte, dass ihre Tochter gebildet ist und vielleicht ein College besucht. „Sie soll die Wahl haben, alles zu machen, was sie möchte.“
Und wie wird es mit dem Duo Daring Jones in Zukunft weitergehen? „Als Artist oder Trapezkünstler arbeiten kann man vielleicht, bis man 50 ist“, erläutert Blaze, dann werde es schwieriger, schmerzhafter und dadurch auch gefährlicher. Mit Zirkus aufhören möchten die beiden nach Möglichkeit nicht. Dann wollen sie sich auf ihren eigenen kleinen Zirkus in den USA konzentrieren und diesen managen, sind sich beide einig.
Hinterlasse einen Kommentar