Buchtipp: Wir waren die Bunkerkinder

in Medien

Walter Sohns‘ Erinnerungen setzen im Frühjahr 1937 an. Gerade drei Jahre alt ist er da geworden. In seinem Buch, das er 1995 nach seiner Pensionierung geschrieben hat, lässt er aus kindlicher Sicht die Jahre 1937 bis 1948 Revue passieren.
Sehr detailreich erzählt er aus seinem Leben im schönen Aachen, seiner Leidenschaft für Kino- und Theaterbesuche und dem Alltagsleben der Familie. Nach und nach nimmt das Unheil seinen Lauf, die netten jüdischen Nachbarn mit ihrem Baby werden abgeholt, man empört sich und Mutter weint. Dennoch versuchen die Erwachsenen sich immer unauffällig zu verhalten, um die Familie nicht in Gefahr zu bringen.
Die Sohns wohnen zunächst über dem Bavariakino in der Innenstadt, später in einem Haus an der Franzstraße. Trotz des Kriegsgeschehens versucht man einen geregelten Alltag aufrechtzuerhalten, was immer schwieriger wird.

Walter Sohns schildert die kleineren und vor allem die großen Angriffe auf Aachen, die immer mehr Verwüstung anrichten, bald sind auch seine geliebten Kinos und das Stadttheater zerbombt. Einzig das Capitol, damals das größte Kino mit 1200 Plätzen und beheimatet im Verwaltungsgebäude am Bahnhof, steht noch. Dort versucht der inzwischen 8-Jährige im Frühjahr 1942, dem Krieg für kurze Zeit zu entfliehen. 24 Mal schaut er sich für je 40 Pfennige „Quax der Bruchpilot“ an. Walter Sohns verbringt mit seiner Mutter und seiner kleinen Schwester inzwischen jede Nacht im Bunker Reumont-straße. An Schlaf ist da kaum zu denken, trotzdem geht der Schulbetrieb für die Kinder weiter. Die Lehrer sind besorgt, ob sie den Schülern zwischen Bombenalarm und Übermüdung genug Schulstoff eintrichtern können.
Im Verlauf des Krieges wird Walter Sohns jedes Jahr in einer anderen Schule verbringen, denn nach und nach wird alles zerbombt. Bei einem der großen Angriffe auf Aachen am 11. April 1944 verliert die Familie schließlich auch ihr Haus. Wie durch ein Wunder überleben alle Familienmitglieder und begeben sich auf die Flucht aus Aachen. Auf dem Weg sieht Werner Sohns noch, dass auch sein geliebtes Capitol diesen Angriff nicht überstanden hat.
Die letzten Kriegsjahre sind geprägt von großer Armut und der Abhängigkeit von Verwandten und netten Menschen, die die Flüchtlinge aufnehmen und ihnen über die Runden helfen. Nach dem Krieg und einigen Schicksalsschlägen werden sie in ein völlig zerstörtes Aachen zurückkehren und von vorne anfangen.

Die autobiografischen Erinnerungen von Walter Sohns werden ergänzt durch Passagen mit einer historischen Ein-ordnung, so dass der Leser den fatalen Verlauf des Krieges noch einmal Revue passieren lassen kann. Zudem gibt es einige Bilder und alte Zeitungsausschnitte, die leider nicht alle sehr gut lesbar reproduziert sind.

Walter Sohns, der heute noch lebt, hat das Buch seinen Kindern und Enkeln gewidmet. Er wünscht sich, einen Beitrag dazu zu leisten, die Schrecken dieser Zeit nicht verblassen zu lassen, in der Hoffnung, dass sich so etwas nicht wiederholen möge.

Wer sich für das Leben eines Kindes zur Zeit des Zweiten Weltkrieges interessiert, wird das Buch gerade als Aachener kaum aus der Hand legen können. Die Alltäglichkeit des Krieges zwischen Schauplätzen, die einem heute vertraut sind, lässt einen erschaudern. Die Familie weiß, dass das Überleben trotz vieler Vorsichtsmaßnahmen reine Glückssache ist. Man fiebert beim Lesen mit, teilt die Sorgen der Eltern um ihre Kinder, besonders um Walter Sohns‘ älteren Bruder, der als Jugendlicher immer wieder in gefährliche Situationen gerät und schließlich eingezogen wird. Dabei muss man sich immer vor Augen führen, dass dies keine fiktiven Romanfiguren sind, sondern eine reale Familiengeschichte, die noch gar nicht so lange zurückliegt.

Wir waren die Bunkerkinder
2., überarbeitete Auflage
Meyer und Meyer Verlag
18,50 Euro

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