200 Jahre Theater Aachen: Entwicklung des Kinder- und Familienprogramms

Foto: Annemone Taake

Vom Weihnachtsmärchen, das nichts kosten durfte, zur aufwendigen Bühnenfassung aktueller Klassiker. Von der Knoblauchpizza, die mit ins Theater wollte, und Scherenschnitten, die rauchen können.
Ein Gespräch über prägende Erinnerungen mit Dramaturgie-Urgestein Lukas Popovic, Theaterpädagogin Katrin Eickholt und Pressesprecherin Ursula Schelhaas. Und im Anschluss: Das Programm der Spielzeit 2024/25

Zunächst habe ich ChatGPT gefragt. Seit wann gibt es Theater und im Speziellen Theater für Kinder? Nach einer kurzen Abhandlung über Antike und Mittelalter kamen wir zum Punkt. Theater speziell für Kinder entwickelte sich seit dem 19. Jahrhundert. Ausgehend von Puppentheater und Weihnachtsmärchen gelangte man schließlich zur Präsentation moderner Stoffe.
Und im Theater Aachen? Wie verlief da die Entwicklung? Schließlich feiert das Haus in dieser Spielzeit seinen 200. Geburtstag, der im Mai 2025 ansteht.
ChatGPT wird plötzlich schwammig. Weihnachtsmärchen würden am Theater Aachen circa seit 1950 zum Repertoire gehören. Auf den Einwand, inzwischen spiele man doch eher moderne Stücke, rät ChatGPT einen Blick auf die Website zu werfen oder „eine direkte Kontaktaufnahme mit dem Theater“ einzuleiten. Gute Idee!
Ich treffe also Lukas Popovic, der quasi im Theater aufwuchs und seit 1981 am Hause ist (zunächst als Dramaturg, inzwischen gibt er Führungen), Theatersprecherin Ursula Schelhaas, am Haus seit 2007, und Katrin Eickholt, seit 2002 Theaterpädagogin vor Ort, zum lockeren Gespräch im Theaterfoyer.

Herr Popovic, wie kamen Sie ans Theater? Was haben Sie für Erinnerungen an das Kindertheater?

Lukas Popovic: Meine Eltern waren beide am Theater. Mein Vater war Sänger und meine Mutter Dramaturgin. Mein Vater nahm mich schon sehr früh mit ins Theater – ich wuchs da quasi auf. Es war nicht zu verhindern, dass ich später ebenfalls zum Theater ging, auch wenn mein Vater das zu verhindern versuchte, weil es nur Zeitverträge gibt.
Früher gab es die sogenannten Weihnachtsmärchen am Theater. Sie sollten unterhalten, aber möglichst wenig kosten – so hieß es immer. Und sie sollten die Kinder und Schulklassen ins Theater bringen.

Was haben Sie/was habt ihr für Erinnerungen an das Kindertheater aus eurer Kindheit und Jugend?

Ursula Schelhaas: Aus dem Kreis Heinsberg fuhren wir früher zum Weihnachtsmärchen ins Stadttheater Aachen. Eins der ersten Stücke, an die ich mich erinnere, war „Der gestiefelte Kater“ (1982/83).
Katrin Eickholt: Mit meinen Eltern ging ich oft ins Theater und ebenso oft in Konzerte.
In der vierten oder fünften Klasse sah ich „Momo“. Die grauen Männer waren nur Scherenschnitte, aber man sah die rote Glut der Zigarren. Das hat mich sehr beeindruckt.
In der weiterführenden Schule sahen wir „Das Tagebuch der Anne Frank“. Die Vorstellung wurde abgebrochen, weil die Schülerinnen und Schüler so unruhig waren. Das war mir unglaublich peinlich und hat mich bis heute geprägt oder verfolgt. Theater ist live und lebt natürlich, ob bewusst oder unbewusst, immer von der Verbindung zwischen den Darstellenden und dem Publikum.

Katrin, du bist seit 2002 als Theaterpädagogin am Haus, was hat sich verändert?

Katrin Eickholt: Theaterpädagogik bezieht sich zunehmend auf alle Altersgruppen, ich biete auch Programm für Senioren an. Es geht jetzt um die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.
Dazu kann man sagen, die Vermittlungsarbeit wurde immer umfangreicher und bedeutsamer und hat sich durch die Musikvermittlung weiter vergrößert. Intendantin Elena Tzavara kommt selber aus dem Musikvermittlungsbereich und dementsprechend ist ihr wichtig, Kinder und Jugendliche schon sehr früh ans Theater heranzuführen.
Wir möchten zur kulturellen Bildung beitragen, mit Schulen arbeiten und Schüler begleiten. Bei den Stücken, egal ob Puppentheater in der Kammer oder Familienstücken im Großen Haus, geht es ums Geschichtenerzählen und Zuhören: Was sagt mir das?
Für mich ist „das Klassenziel erreicht“, wenn Schülerinnen und Schüler ganz von alleine ins Theater kommen.
Toll finde ich, dass die Schultheatertage alle zwei Jahre bei uns in der Kammer stattfinden. Das ganze Team, bis zu den Technikern, behandelt die Kinder wie Profis. Das prägt. Erst letztens hatte ein 16-Jähriger ein Déjà-vu in der Kammer: „Hier stand ich mit sechs mal auf der Bühne!“
Lukas Popovic: Ja, es ist wichtig, Kinder ernst zu nehmen. Das Schlimmste, was man machen kann, ist, in Kindersprache auf der Bühne zu agieren.

Welche Veränderungen habt ihr im Laufe der Jahre bemerkt?

Ursula Schelhaas: Die Kinder und Jugendlichen haben eine andere Aufmerksamkeitsspanne, andere Sehgewohnheiten. Es wird nicht mehr so viel vorgelesen, es sind andere Geschichten, die man kennt.
Bei Konzerten kommen sie mit Kopfhörern, falls es nicht gefällt.
Manche sind nicht gewohnt, dass man nicht wegswitchen kann, dass man im Theater keine Chips und Gummibärchen isst.
Katrin Eickholt: Moment mal, schon vor 30 Jahren wollte mein damaliger Freund mit einer Pizza mit dick Knoblauch ins Theater und ich musste ihn davon abhalten! (alle lachen)
Aber ja, es stimmt. Kinder und Jugendliche müssen intensiver auf einen Theaterbesuch vorbereitet werden als früher. Ich versuche den Kindern und Jugendlichen die vielen Facetten des Theaters zu zeigen. Ermutige sie, zu beobachten und zu differenzieren. Bei mir lernen sie, genau hinzuschauen und zu beschreiben.
Lukas Popovic: Für mich ist neu, dass im Theater auch gepfiffen wird, und da ist es – anders als im Fußball – positiv gemeint!
Katrin Eickholt: Ja, im Theater kommen Emotionen hoch. Gerade Kinder rufen hinein und beteiligen sich, wollen den Schurken überführen, nehmen vielleicht auch Handlung vorweg, wenn sie die Geschichte kennen.
Kinder sind das ehrlichste Publikum. Sie machen einem nichts vor und äußern sofort und ungefiltert ihre Begeisterung, aber auch ihren Unmut.
Lukas Popovic: Bei meinen Führungen sage ich immer: „Seid euch gewiss, das wird nur für euch gemacht! Das ist live!“

 

Historie der Kinderstücke am Theater Aachen ab 1950

Immer tolle Bühnenbilder! Hier ein Probenfoto von „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ 2017 | Foto: Carl Brunn

Zwischen 1950 (Aschenputtel) und 1975 (Die verzauberten Brüder) wurden zur Weihnachtszeit ausnahmslos Märchen aufgeführt.
„Schule mit Clowns“ brach 1976 mit dieser Tradition. „Pinocchio“ (1981) oder „Der Zauberer von Oz“ (1986) waren schon modernerer Stoff. „Pippi Langstrumpf“ (1992) und „Lisa und die Frösche“ (1993) waren die ersten Musicals für Kinder auf der Bühne des Theater Aachen.

Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck startete fulminant mit „Die rote Zora“ (2005) im Theaterzelt am Chio – das Theater wurde gerade umgebaut. In seiner Zeit konzentrierte man sich auf beliebte Romanvorlagen der letzten Jahrzehnte wie „Tintenherz“ (2007) von Cornelia Funke, „Räuber Hotzenplotz“ (2008) und „Die kleine Hexe“ (2013) von Preußler, „Rico, Oskar und die Tieferschatten“(2017) von Andreas Steinhöfel oder zuletzt „Die unendliche Geschichte“ (2022) von Michael Ende.
Die neue Intendantin Elena Tzavara war von 2009 bis 2013 Leiterin der Kinderoper Köln. In ihrem ers-ten Jahr am Theater Aachen war ihre Inszenierung „Der Schauspieldirektor“ als Kinderoper im Großen Haus zu sehen, und das Familienstück „Vom Fischer und seiner Frau“ begeisterte als musikalisches Märchen viele kleine und große Zuschauerinnen und Zuschauer. Das Stück wird im Februar wieder aufgenommen.

Im Dezember feiert „Die Zauberflöte“ Premiere. Auch wenn die Stückwahl klassisch ausfällt, sollte man sich von der Inszenierung überraschen lassen. Schließlich ist der Aachener Künstler Tim Berresheim mit an Bord .

 

Angebote für die ganze Familie am Theater Aachen in der Spielzeit 2024/25

Die Zauberflöte
Oper in zwei Aufzügen von Wolfgang Amadeus Mozart
Text von Emanuel Schikaneder
ab So 08.12.2024, 17:00 Uhr

Vom Fischer und seiner Frau
Musikalisches Märchen von Katharina Grosch und Malcolm Kemp
Wiederaufnahme ab Do 13.02.2025, 18:00 Uhr

Der gestiefelte Kater
Oper in zwei Akten von Xavier Montsalvatge
Text von Néstor Luján
ab Sa 10.05.2025, 19:00 Uhr

Krabbelkonzerte

Krabbelkonzert | Foto: Sandra Borchers

Für 0- bis 3-Jährige und Begleitung
Spiegelfoyer, ca. 30 Minuten
Die Krabbelkonzerte mit Lisa Klingenburg gehören zu den beliebtesten Vermittlungsformaten des Theater Aachen. Die Kleinen erhalten hier die Möglichkeit, sich zu klassischer Musik unterschiedlicher Stilrichtungen zu bewegen oder einfach nur zu lauschen! Auf diese Weise ergeben sich vielfältige Zugänge zu den Klängen der Instrumente und den Geschichten, die die Musik erzählt.

1. Krabbelkonzert: Konfettiregen
Mo 11.11.2024, 09:30 Uhr
Mo 11.11.2024, 10:30 Uhr

2. Krabbelkonzert: Kling Glöckchen
Mo 02.12.2024, 09:30 Uhr
Mo 02.12.2024, 10:30 Uhr

3. Krabbelkonzert: Sonne, Mond und Sterne
Mo 24.03.2025, 09:30 Uhr
Mo 24.03.2025, 10:30 Uhr

4. Krabbelkonzert: Summ, summ, summ …
Mo 30.06.2025, 09:30 Uhr
Mo 30.06.2025, 10:30 Uhr

Sitzkissenkonzerte

Für Kinder ab 3 Jahren
Spiegelfoyer, ca. 30 Minuten, weitere 30 Minuten vor dem Konzert zum Malen und Basteln

Musikerinnen und Musiker des Sinfonieorchester Aachen erwecken Bilderbuchgeschichten zum Leben.
Nach der Vorstellung können die Kinder gemeinsam mit den Musikerinnen und Musikern die Instrumente ausprobieren, die sie während der Vorstellung bei den Ensemblemitgliedern des Sinfonieorchester Aachen gesehen und vor allem gehört haben.

1. Sitzkissenkonzert: Heute bin ich Pferd
Fr 04.10.2024, 10:00 Uhr
Sa 12.10.2024, 14:00 Uhr
Sa 12.10.2024, 15:30 Uhr
Fr 08.11.2024, 10:00 Uhr
Fr 08.11.2024, 11:30 Uhr
Sa 16.11.2024, 14:00 Uhr
Sa 16.11.2024, 15:30 Uhr

2. Sitzkissenkonzert: Das Lamm, das zum Essen kam
ab Do 23.01.2025, 11:30 Uhr

3. Sitzkissenkonzert: Die drei Räuber
ab Mo 19.05.2025, 11:00 Uhr

Familienkonzerte

Musikalische Entdeckungsreisen für die ganze Familie und für alle ab 6 Jahren

2. Familienkonzert: Ghostbusters
Musik aus „Ghostbusters“ und weiteren Gruselfilmen
So 03.11.2024, 11:00 Uhr

3. Familienkonzert: Händel in den heißen Quellen Aachens
#mitmachen | Mitsingkonzert
So 23.02.2025, 11:00 Uhr

4. Familienkonzert: Tschaikowski in Aachen
Uraufführung von André Parfenov
So 11.05.2025, 11:00 Uhr

Theater Aachen
Theaterplatz, 52062 Aachen
Theaterkasse: 0241 4784-244
theateraachen.de

Alle Aufführungen & mehr Theater?

Alle Termine des Theater Aachen für Familien aktualisieren wir immer hier.
Ihr wollt noch mehr Spielorte oder Theaterreihen erkunden? Dann guckt in unsere Theateradressrubrik. Dort sind auch die Spieltermine verlinkt (erkennt man an dem Zahlensymbol rechts oben in der Ecke).
Wenn ihr euch für mehr aktuelle Neuigkeiten aus dem Bereich Kinder- und Jugendtheater, wie beispielsweise Premierenberichte interessiert, bitte hier entlang.

Und: holt euch unbedingt die Printausgabe Oktober/November! Dort findet ihr das 14-seitige Bühnen-Spezial und ein lustiges Rätsel zum Thema, um euer Theaterwissen zu prüfen.

Hinterlasse einen Kommentar