150 + 4 Jahre – Viktoriaschule Aachen bringt vier Jahre nach Jubiläum 
umfassende Chronik heraus

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Sie heißen Paula, Charlotte, Emma und Louise – genau wie die Mädchen auf den heutigen Klassenfotos deutscher Gymnasien. Namen wie Meta, Else und Aenne sind hingegen aus der Zeit gefallen. Lange, hochgeschlossene Kleider mit Rüschen und große Schleifen in aufwendigen Hochsteckfrisuren wird man heute, 119 Jahre nachdem das Foto der Abschlussklasse der Viktoriaschule entstand, nicht mehr zu sehen bekommen.
Das Foto ist eins von vielen, die in der 288 Seiten starken Festschrift der Viktoriaschule Aachen zu finden sind, die anlässlich des 150-jährigen Jubiläums im Jahr 2020 jetzt – also mit vier Jahren Verzögerung (wegen Corona und so) – erschienen ist.

Aachen im Jahr 1905: Klassenfoto der Anschiedsklasse der Viktoriaschule mit Direktor Dr. Geschwandtner in der Mitte. | Schularchiv der Viktoriaschule

Wobei „Festschrift“ es eigentlich nur halb trifft. Denn in dem Buch stecken zwei Werke: eine umfassende und mit einem reichen Dokumentationsteil versehene Schulgeschichte über 150 Jahre, die mit vielen Details auch Aufschluss über die Aachener und Burtscheider Stadtgeschichte gibt, und eine übliche Festschrift über die Schulereignisse und Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Während letzterer Teil eher für Schülerinnen und Schüler der Schule sowie ihre Familien von Interesse sein dürfte, beinhaltet der erste Teil unglaublich viele historische Informationen, die jedem Geschichtsinteressierten Spaß machen.

Den Stein ins Rollen gebracht hat Hans-Jürgen Serwe, der Vater einer ehemaligen Viktoriaschülerin. 2014 nahm er die Arbeit als „ehrenamtlicher Archivar“ innerhalb des Vorstands des Fördervereins der Schule auf und schaffte Ordnung im losen Blätterarchiv der Schule. Je tiefer er eintauchte, umso mehr geriet er ins Staunen über den gefundenen Schatz. Da waren ungeahnte historische Dokumente zu Personen der Zeitgeschichte, der Frauenemanzipation im 19. und 20. Jahrhundert, der jüdischen Geschichte, der NS-Zeit, der Zerstörung und dem Wiederaufbau der Schule.
Natürlich galt es auch, viele Lücken zu schließen, und Serwe begab sich dazu – wie er selbst sagt – auf teils abenteuerliche Wege. Immer tiefer tauchte er ein, machte Zeitzeugen ausfindig und interviewte Ehemalige. Weit über 2.000 Stunden hat er nach eigenen Angaben in Recherche und Zusammenstellung investiert.
Im ersten Teil geht es also um die Geschichte. Und die liest sich äußerst spannend. Gerade mal 150 (+ 4) Jahre ist es her, und doch sprechen wir von einer Zeit, als Schulbildung selbst in Deutschland noch ein Privileg war. Ein Privileg, von dem die meisten Mädchen ausgeschlossen waren. Und die evangelischen erst recht.
So trafen sich also 1869 im Burtscheider Casino 14 wohlhabende evangelische Familienväter, die fanden, es sei an der Zeit, dass auch ihre Töchter in den Genuss einer höheren Schulbildung kämen. Ganz pragmatisch ging es zur Sache: Man mietete ein Haus an der Kurbrunnenstraße, in dem Unterricht stattfinden und der Direktor wohnen konnte, und schon im April 1870 ging die „höhere Töchterschule“ mit 34 höheren Töchtern, dem Direktor und einer jungen Lehrerin an den Start.
Je mehr junge Frauen beschult werden sollten, umso mehr Häuser mietete man im Block zwischen Kurbrunnen- und Warmweiherstraße an und baute schließlich selbst. So kam es zu der auch heute noch verwinkelten Lage zwischen den Straßenzügen.

Den historischen Teil kann man geradezu verschlingen. Welche Schulen gab es noch in Aachen? Wo gingen die Mädchen hin und in welchen Fächern wurden sie unterrichtet? Wie kam die Viktoriaschule dazu, den Namen der britischen Kronprinzessin zu tragen? Wie ging die Frauenemanzipation in Aachen voran und was hat das mit der Kleidung zu tun? Die Schule war offen für alle Konfessionen, wie ging man mit jüdischen Schülerinnen um? Was passierte im und nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Schule?
Schließlich gibt es auch Zeitzeugenberichte und Verweise auf berühmte Personen, die die Schule besuchten. Darunter Anne Franks Mutter Edith. So kommt es auch, dass ein Ableger von Anne Franks Kastanie heute im Hof der Schule steht.

Das Ganze ist reich bebildert („Bilderbuch“ nennen es die beteiligten Lehrer Gerd Katthage und Karl-Wilhelm Schmidt bei der Pressekonferenz), sodass man auch Entwicklungen in Mode, Frisurenstil etc. untersuchen kann.

Es gäbe noch viele Details herauszupicken (z. B. was haben Ehemalige wie Julian Bam, Jasmin Schwiers oder Jonas Burgwinkel oder die erste Inklusionsschülerin Lea Heuser für Erinnerungen an die Schule?), indes ist der Platz in diesem Heft begrenzt. Und so kommt man nicht umhin, sich die Festschrift der Schule zu besorgen. Bei der Informationsfülle sei es verziehen, dass die Produktion des Buches sich so in die Länge zog.
Was lange gewährt hat, ist gut geworden.

Das fast 300 Seiten umfassende Buch ist für 20 Euro in der Viktoriaschule und in den Buchhandlungen erhältlich.

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