Fährt man aus Richtung Herzogenrath mit dem Zug in Aachen ein, ist das Gebäude ein Eyecatcher. „Society is Unity in Diversity“ prangt auf der knallig gestalteten Fassade, die von den Künstlern Philip Wallisfurth und Lazy65 gestaltet wurde. Den Grundsatz kann man getreu als Motto des KingzCorner bezeichnen, das Sebastian Walter und Emilene Wopana Mudimu auf dem Gelände einer alten Brauerei geschaffen haben. In ihrer Einrichtung sind alle willkommen, eine bunte Gemeinschaft wird hier gelebt.

Von Hobbyraumverbund zu Vorzeigeprojekt
Zuletzt habe ich die Einrichtung vor Corona besucht, das ist ja nun ein Weilchen her, und ich komme aus dem Staunen nicht heraus, als Emilene und Sebastian mich durch die Räume führen. Ehrlich gesagt erkenne ich das Gebäude kaum wieder.
Vor 15 Jahren haben die beiden hier Räumlichkeiten gepachtet, damals noch für einen Künstlerverbund, wo jeder seinen Hobbys nachgehen konnte. Nach 2015 engagierte sich das Team in der Flüchtlingsarbeit, organisierte Workshops und Partys. Inzwischen ist das KingzCorner Träger der freien Jugendhilfe und hat sich zum Vorzeigeprojekt gemausert.
Im Jahr 2019 sah es dagegen gar nicht gut aus für die Einrichtung. Wer sich erinnert: Damals gab es viel Stress um Lärm in Aachen. Der Musikbunker und die Stadt Aachen hatten gerade im Streit mit Anwohnern eine Schlappe erlitten, woraufhin auch das KingzCorner schließen musste. Eine Location, wo viel gefeiert wurde, war so nicht mehr gewünscht. Umbaupläne waren ins Stocken geraten, es herrschte Ratlosigkeit. Einige Gespräche mit dem Jugendamt, Corona, große Fördertöpfe für Kultureinrichtungen und viel Arbeit später traue ich meinen Augen kaum. „Ja, wir haben richtig Gas gegeben für den Umbau“, sagt Sebastian. Von den Fördersummen, die Kultureinrichtungen während Corona vom Land bekommen konnten, wurden mehr Platz und funktionellere Räume geschaffen und der Traum vom ausgebauten Keller konnte endlich verwirklicht werden.
Roomtour: Bühne, Atelier, Bibliothek, Proberäume und Studio
Aus einem mit bunten Graffitis verzierten Innenhof tritt man in einen Flur mit Garderobe, der einen unmittelbar in einen Veranstaltungsraum mit richtiger Bühne führt. Von hier gelangt man über einen weiteren kleinen Flur zu einem Versammlungszimmer und einer gemütlichen Bibliothek in der ehemaligen Pförtnerstube. Ein wunderschöner alter Holzboden und alte Schränke sind erhalten. Emilene möchte hier ihre antirassistische Bibliothek erweitern und bietet Workshops in kreativem Schreiben an. Auf der anderen Seite des großen Veranstaltungsraums wird ein Raum als Atelier genutzt. In der Mitte ist ein Tisch, in Regalen warten Sprühdosen und anderes Material auf ihren nächsten Einsatz, wenn Lazy65 oder andere Graffiti-Künstler einen Workshop geben.

Richtig spannend wird es im Keller, den man über eine recht steile Treppe erreicht. Die Räume sind Sebastians Reich. Es gibt ein Musikzimmer, wo man Vinyl auflegen kann, ein Tonstudio und einen Proberaum zum Jammen und es sieht richtig cool aus. Veredelter Estrich, dunkle Wände, dezent grauer Schallschutz und schwarze Ledersofas geben ein stimmiges Gesamtbild ab. Ein zweiter Ausgang als Fluchtweg unter dem Gebäude hindurch ist selbstverständlich auch da. Hier unten gibt Sebastian seine Musik- und Bandworkshops und zeigt, wie ein Aufnahmestudio funktioniert.
Als Träger der freien Jugendhilfe bietet das KingzCorner inzwischen unter dem Label „School of Hip Hop“ an jedem Nachmittag von 16:00 bis 19:00 Uhr außerhalb der Ferien offene Workshops von Tanz über Streetart bis Musikproduktion an. 60 bis 100 Jugendliche ab zwölf Jahren nutzen das kostenlose Angebot pro Woche.
Zudem richten hier immer mehr Schulen hier ihre Projektwochen aus. „Die Schülerinnen und Schüler lernen ganz neue Seiten von sich kennen. Es ist superschön, sie zu begleiten“, erzählt Emilene. „Wir werden als selbstwirksamer Ort wahrgenommen.“ Schüler, die sich als unkreativ beschrieben haben, schreiben plötzlich Texte, nehmen ihre Lieder auf oder gestalten Graffitis. Es kommt auch vor, dass sich Schulen nach einem rassistischen Vorfall beim KingzCorner melden. Mithilfe kreativer Mittel lasse sich so etwas oft besser bearbeiten und auflösen, als wenn man nur in der Schule darüber spricht, ist sich Emilene sicher.

Geburtstagsfeiern im Tonstudio
Über die Schülerinnen und Schüler ist zuletzt ein ganz neues Angebot hinzugekommen. „Wir wurden gefragt, ob es die coolen Angebote nicht auch für private Feiern gibt“, freut sich Sebastian über die Bestätigung. Jetzt werden auch Geburtstage im Tonstudio oder im Atelier angeboten. Besonders toll ist das für Jugendliche ab zwölf Jahren, die aus dem klassischen „Kindergeburtstag“ herausgewachsen sind. Junggesellen- und Junggesellinnenabschiede wurden ebenfalls schon im Kingz-Corner gebucht. „Da wird dann zum Beispiel ein Lied für die Hochzeitsfeier eingespielt“, erklärt Sebastian. „Mit Samples lässt sich das genrespezifisch recht schnell umsetzen.“
Den Betreibern des KingzCorner kommen die neuen Einnahmequellen gelegen. Die Städte sind klamm, es ist zu erwarten, dass Fördermittel reduziert werden. Da ist es nicht verkehrt, mit kommerziellen Angeboten aufzustocken.
Was hat sich sonst verändert? Was ist wichtig? Früher habe man mehr sein eigenes Süppchen gekocht, jetzt sind Sebastian und Emilene mit anderen Jugendzentren und Initiativen wie „Wir alle Aachen“ vernetzt und in verschiedenen Gremien aktiv. „Da kann man gemeinsam etwas schaffen. Das gibt Mut und Kraft“, so Emilene.

KingzCorner
Königstraße 46, 52064 Aachen
kingzcorner.de
Die Angebote der Reihe „School of Hip Hop“ (außerhalb der Ferien, kostenlos, Anmeldung nicht nötig, ab 12 Jahren und immer von 16:00-19:00 Uhr):
Mo: Tanz mit Olga (Hip-Hop, Afro oder Dancehall)
Di: Graffiti, Streetart & Illustration mit Matthes (Lazy65)
Mi/Do: Musikproduktion mit Sebastian
Fr: Bandprojekt mit Sebastian
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