Die Reaktionen reichen von „Ist ja gerade nochmal gutgegangen“ über „Gar nicht so übel“ bis „Uiuiui“. Was derart unterschiedliche Resonanz hervorruft, sind nicht die Ergebnisse einer Kommunalwahl oder die neuesten Studien zum Klimawandel, sondern die Halbjahreszeugnisse. In vielen Familien löst es nervöse Anspannung aus, schwarz auf weiß zu sehen, was man schon dunkel ahnte: Das Kind erbringt nicht die gewünschten Schulleistungen.
Die Lösung: Nachhilfe. Eltern geben nach vorsichtigen Schätzungen jährlich ca. 1 Milliarde Euro für die Privatstunden ihrer Kinder aus, Tendenz steigend. Deutsche Eltern wohlgemerkt, denn in kaum einem anderen Land ist Nachhilfe so gefragt wie bei uns. Es verwundert nicht, dass Nachhilfezentren und Lernkreise wie Pilze aus dem Boden schießen. Galt es früher noch als Stigma, wenn ein Kind außerschulische Fördermaßnahmen in Anspruch nehmen musste, sind es heute längst nicht mehr nur die Begriffsstutzigen, Faulen oder Spätzünder, die nach Unterrichtsschluss Privatstunden nehmen. Eine Auswertung der PISA- und IGLU-Testdaten zeigt, dass nur ungefähr ein Viertel der Nachhilfeschüler tatsächlich schlechte Zensuren hat.
51 % der privat unterrichteten Kinder und Jugendlichen bewegen sich im mittleren Leistungsbereich, und ein knappes Viertel zeigt sogar überdurchschnittlich gute Leistungen. Es ist offensichtlich, dass viele Eltern den Schulen nicht zutrauen, ihre Kinder für das Bestehen in einer Leistungsgesellschaft fit zu machen. Ob private Dienstleister allerdings höhere Qualitätsstandards halten können, sei dahingestellt; aussagekräftige Untersuchungen gibt es hierzu nämlich kaum.
Was von Eltern wohlmeinend als individuelle Optimierung der Berufschancen ihres Kindes gedacht ist, hat, kollektiv betrachtet, aber zweifelhafte Auswirkungen. Das flächendeckende private Engagement – je nach Schätzung bekommen 20 bis 40 % aller Schüler zeitweilig oder dauerhaft Nachhilfe – bringt jedoch das Gesamtsystem unbemerkt in Schieflage. Zum einen ist die außerschulische Förderung eines Kindes oft vom Geldbeutel der Eltern abhängig und trägt indirekt dazu bei, dass die Kluft zwischen Bildungsgewinnern und Bildungsverlierern immer größer wird, zum anderen verdeckt die private Kompensation von Defiziten grundsätzliche Missstände im Bildungssystem.
Auch Jochen Niehoff, Lehrer für Latein, Spanisch und Französisch am Inda-Gymnasium, hat gemischte Gefühle, wenn es um Nachhilfe geht: „Wir haben den Auftrag, unsere Schüler zu erziehen, zu bilden und individuell zu fördern. Die individuelle Förderung kommt aber manchmal zu kurz. Wir haben Klassen mit über 30 Schülern, und durch G8 wird zusätzlich Druck aufgebaut. Nachhilfe ist eine Möglichkeit, hier einen Ausgleich zu schaffen. Allerdings beurteilen die Eltern den Bedarf oft anders als wir Fachlehrer und die Schüler selbst. Ein Kind, das sicher 3 steht, braucht aus meiner Sicht keine Nachhilfe. Es sei denn, es äußert selbst den Wunsch nach Unterstützung. Darauf sollte man immer eingehen.“
Initiiert werden die Privatstunden laut einer Befragung aus dem Jahr 2007 aber fast ausschließlich von den Eltern. Die Wahl fällt immer öfter auf einen der kommerziellen Anbieter – eine Entwicklung, die Jochen Niehoff mit Skepsis betrachtet: „Es gibt sicher auch sehr gute Nachhilfeschulen. Aber meiner Erfahrung nach arbeiten die Anbieter oft nur auf die schnelle Verbesserung der Noten hin, damit die Kunden Resultate für ihr Geld sehen. Viele arbeiten deshalb mit den Kindern vor, anstatt die Grundlagen aufzuholen. Ich hatte schon Fünferkandidaten, die in einer Arbeit plötzlich eine perfekte Übersetzung hingelegt haben. Es hat sich herausgestellt, dass sie den Text in der Nachhilfeschule auswendig gelernt hatten.“
Jochen Niehoff versucht deshalb, eng mit Schülern und Eltern zu kooperieren und die Nachhilfe schulintern zu organisieren: „Nach Möglichkeit vermittele ich den Kontakt zu guten Schülern aus höheren Klassen. Das ist eine Win-win-Konstellation: Der Nachhilfeschüler hat eine 1:1-Betreuung durch eine Person, die die Arbeitsweise an der spezifischen Schule genau kennt und ihm vom Alter her nahesteht. Da entsteht leicht ein Vertrauensverhältnis. Der ältere Schüler profitiert sowohl persönlich als auch fachlich. Er übernimmt Verantwortung und lernt, Lerninhalte unter neuen Gesichtspunkten aufzubereiten. Auch für die Eltern ist diese Lösung meistens angenehm. Sie haben keinen logistischen Aufwand, weil die Nachhilfe in Freistunden direkt in der Schule stattfinden kann. Außerdem bekommen sie Einzelbetreuung zu einem Preis, für den es in der Nachhilfeschule meistens nur Gruppenunterricht gibt.“
Doch auch, wenn der Unterricht außerschulisch organisiert wird, ist es aus Jochen Niehoffs Sicht sinnvoll, den entsprechenden Lehrer einzubeziehen: „Ich bespreche mit dem Nachhilfelehrer gerne den individuellen Bedarf. Dazu müssen die Eltern mich aber von meiner Schweigepflicht entbinden.“ Wunder erwarten sollte man von Nachhilfe aber nicht, und sie ist auch kein Ersatz für selbstständiges Lernen. „Der Nachhilfelehrer kann nicht garantieren, dass das Kind zu Hause Vokabeln übt“, meint Jochen Niehoff, „und oft ist ein langer Atem gefragt. Grundlegende Defizite lassen sich nicht in ein paar Wochen aufholen.“
Doch egal, wie sie organisiert ist: Nachhilfe soll den Schülern den Schulalltag auf Dauer erleichtern und darf nicht zu einer zusätzlichen Belastung werden. Das kann im Einzelfall auch bedeuten, dass keine Nachhilfe die bessere Lösung ist.
Text: Bianca Sukrow für KingKalli 2017
Hallo liebes Team von Kingkalli,
das Thema Nachhilfe und wie gehe ich damit um, ist auch in unserer Familie ein großes und belastendes. Schule, Noten, Leistung nehmen immer mehr Raum im Familienalltag ein und belasten enorm. Unser ältester Sohn hat seit der Grundschule keine Lust auf Schule und verweigert das Lernen, obwohl er überdurchschnittlich intelligent ist. Inzwischen ist er auf dem Gymnasium und seit diesem Halbjahr rutschen die Noten dann leider auch in Richtung „Keller“. Wir Eltern haben keine Kraft mehr und finden beim Kind inzwischen auch kein Gehör mehr, das Kind zum Lernen zu motivieren. Die Lösung wäre nach Expertenmeinung eine externe Hausaufgaben- und Lernbetreuung. Leider finde ich zu diesem Thema nur „Nachhilfe“-Angebote. Doch das ist nicht das, was wir suchen. Hinzukommt, dass es sicherlich auch mit enormen Kosten verbunden ist, die wir nicht bezahlen könnten. In meinem direkten Umfeld stelle ich immer mehr fest, dass nur die Kinder auf dem Gynmasium bestehen, deren Eltern genug Geld haben, Nachhilfe zu organisieren, oder selbst Lehrer sind und damit einfach besser wissen, wie man Kinder unterrichtet. Als Mutter sehe ich meine Aufgabe eigentlich nicht darin, meinen Kindern am Nachmittag den Unterrichtsstoff zu vermitteln. Dennoch tue ich es, weil ich sehe, welche Defizite z.B. in der Rechtschreibung bereits in der Grundschule aufgebaut werden. Damit arbeitet man jedoch konsequent gegen die Schule und später auch das Kind, das sich dann irgendwann verabschiedet und gar nichts mehr leisten möchte. Es ist sehr schwer bis fast unmöglich aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Ich hoffe, es wird uns bald gelingen.
Ich weiß nicht genau, was Sie mit diesem Kommentar machen werden. Es war eine spontane Reaktion während meiner Recherche im Internet zum Thema „Nachilfe / Lernkreise“. Sollten Sie den Text oder Teile davon veröffentlichen, wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie meinen Namen mit Rücksicht auf die Kinder nicht nennen würden. Vielen Dank für Ihr Verständnis.
Viele Grüße,
Gisela Nolte