Zollmuseum Friedrichs bangt um Kernstück der Sammlung

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Ein Kinderwagen und eine Milchkanne mit Kaffeeschmuggelfach, ausgestopfte Tiere, die als Trophäen eingeschmuggelt werden sollten und eine Metallschürze, in der man als „unbefleckte Schwangere“ 10 Liter Schnaps transportieren konnte. Das Zollmuseum Friedrichs ist eine Kuriositätensammlung voller Geschichten und Geschichte. Derzeit muss es um einen Teil seiner Sammlung bangen, der Verkauf vieler Exponate droht, denn es fehlen 30.000 Euro, um die Erben des Gründers Christian Friedrichs auszuzahlen.

Kurt Cremer, Jahrgang 1940 und Zolloberamtsrat a. D., ist vollkommen in seinem Element, wenn er durch das Zollmuseum Friedrichs führt. Er kennt jeden der 25 Räume und jedes der rund 3.000 Exponate und weiß zu jedem Bild, zu jeder Schautafel und jedem Gegenstand etwas zu berichten. Viele Fotos, zum Beispiel von Grenzsteinen oder Zollhäusern, hat er selber geschossen, viele Exponate selber zusammengetragen, hat sich dafür eingesetzt, dass das Haus unter Denkmalschutz gestellt wird und sogar die Busstation vor der Tür in „Zollmuseum“ umbenannt wurde. Das alles natürlich ehrenamtlich. Derzeit kämpft er um den Erhalt der Sammlung.

Leidenschaftliche Sammler

Mit dem Sammelvirus infiziert hat ihn sein Kollege Christian Friedrichs, ehemals Vorsteher des Hauptzollamtes Aachen-Nord.
1984 begann Friedrichs, alles zusammenzutragen, was zum Thema Zoll aufzutreiben war.
Das sind Schautafeln, Fotos, eine alte Mautnerrüstung (Maut = Zoll), Modelle von einigen Aachener Stadttoren, ein Raum beherbergt die gute Stube eines Zollbeamten mit allem Drum und Dran bis zum Waffeleisen.
verschiedene GewichteVerschiedene Schautafeln beschäftigen sich mit Warenkunde und Gewichte können betrachtet werden, die dazu da waren, die zu verzollenden Waren auszuwiegen. „Bis 1834 der Deutsche Zollverein gegründet wurde, gab es keine einheitlichen Gewichte“, berichtet Kurt Cremer. Der Deutsche Zollverein führte damals als einheitliches Gewicht, das „Zollpfund“ (1 ZPF = 500 Gramm) ein.
Und: „Um von Hamburg bis München zu kommen, musste man 10 Mal durch den Zoll und auch Geld wechseln: von Heller in Taler in Gulden und so weiter … Das hat sich erst 1834 mit der Einführung des Zollvereins geändert“, erklärt Kurt Cremer.

Es gibt eine alte Schusterei zu bewundern („Zöllner mussten viel laufen, sie hatten alle handgefertigte Schuhe“), außerdem zwei beschlagnahmte illegale Schnapsbrennöfen („Der Betreiber des einen Ofens sagte, er wollte nur die Nebenprodukte des Schnapses als Medizin für seine Schwiegermutter herstellen“) und jede Menge Schmuggelwaren, von ausgestopften Tieren bis hin zu Behältnissen, um Alkohol und Drogen zu transportieren, wie etwa eine Schmuggelschürze aus Metall, in der 10 Liter hochprozentiger Schnaps transportiert werden konnten. Der oder die Verkleidete musste sich wahlweise als schwangere Frau oder als dicker Mann ausgeben.
Immer wieder melden sich Zeitzeugen und überlassen Kurt Cremer, der sich nach dem Tod von Christian Friedrichs um die Sammlung kümmert, Gegenstände, wie zum Beispiel einen Kinderwagen mit eingebautem Kaffeefach im doppelten Boden.
Mutter und Oma von Klein Fritzchen gingen einmal die Woche in Holland einkaufen. Alles wurde brav versteuert. Nicht aber der Kaffee oder Zigaretten. Diese Artikel lagen sicher im Fach unter Fritzchens Matratze, und niemand schöpfte Verdacht. Auch eine große Milchkanne gehört dazu. Oben ist in einem Einfüllstutzen ein Viertel Liter Milch eingefüllt, darunter konnten Kaffeebohnen geschmuggelt werden.

Anekdoten: Zöllner gegen Schmuggler

Der „Besenporsche“Die vielen Exponate, die den Kampf gegen Schmuggler bezeugen, untermalt Kurt Cremer mit besonders haarsträubenden Anekdoten.
Flüchtenden Fahrzeugen wurde eine Igelkette über die Straße gespannt, um sie an der Weiterfahrt zu hindern. Prompt reagierten die Schmuggler und entwickelten Krähenfüße, die sie vor die Reifen der verfolgenden Zöllnerwagen warfen, um diese abzuhängen. Da musste eine Lösung her. Diese folgte in Form zweier umgebauter Porsche. Weil sie besonders niedrig waren, konnte man an der Stoßstange hydraulisch absenkbare Stahlbesen anbringen, die die Krähefüße fortfegten.
Kurt Cremer: „Der Porsche wurde daraufhin auch Besenporsche genannt.“
Die wildesten Geschichten spielten sich an den Grenzen rund um Aachen ab.
Zeitzeugen berichteten, so Kurt Cremer, in Herzogenrath-Straß habe es unter der Straße einen Tunnel von Holland nach Deutschland gegeben, in dem man in einer Wanne an einem Seil Kaffee, Tee oder Zigaretten nach Herzogenrath schmuggeln konnte.
Wenn die Straßenbahn auf deutscher Seite parallel zum Grenzzaun auf der ungeteerten Straße Staub aufwirbelte und gerade kein Zöllner in Sicht war, flogen Kaffee und Zigaretten über den Zaun, den die deutschen Nachbarn schnell in Sicherheit brachten.
Und 1978 wollte ein Terrorist nach Holland fliehen und erschoss zwei Zöllner auf der deutschen Seite.

30.000 Euro für Erhalt der Sammlung benötigt

Ca. 1,5 bis 2 Stunden dauern reguläre Führungen im Zollmusem an der Horbacher Straße.
Momentan werden sie nur von Kurt Cremer angeboten, der jedoch ein Heft zu allen 25 Räumen und allen Exponaten angelegt hat und gerade zwei weitere Kollegen vom Verein Heimatfreunde des Heydener Ländchens einarbeitet, um den Fortbestand des Angebotes zumindest personell zu sichern.
Bedauerlicherweise ist das Fortbestehen des  Kernstücks der Sammlung – die Exponate – derzeit in Gefahr.
Nach dem Tod von Christian Friedrichs ging die ganze Sammlung an eine Weg- und Sammelgefährtin über, um sicherzustellen, dass die Sammlung fortbestehen kann.

Jedoch fordern die Kinder Friedrichs den Pflichtteil ein, den es 2014 auszuzahlen gilt.
Es geht um 30.000 Euro.
Ob 30.000 Euro nun viel oder wenig Geld sind, darüber lässt sich streiten.
Jedoch wäre es zu schade, die Sammlung und das Lebenswerk Friedrichs wegen dieser Summe zu zerstören.

Kurt Cremer hatte gehofft und hofft es immer noch ein bisschen, dass die Stadt Aachen – seit 1998 Eigentümerin des Hauses – diese Summe aus dem Kulturetat bezahlen könnte. Nach einigem Hin und Her, vagen Zusagen, Absagen und verschobenen Terminen konnte Kurt Cremer immer noch keine Zusage bekommen.
Wirklich nachvollziehbar ist das für ihn nicht, wenn er sich vor Augen führt, dass beispielsweise der neue Eingangsbereich des Ludwig Forums mit der 10-fachen Summe, nämlich mindestens 300.000 Euro bei der Stadt zu Buche schlagen wird.

Derweil ist Kurt Cremer auf der Suche nach möglichen anderen Unterstützern und Sponsoren, die mit einer sachgebundenen Spende an den Verein Heimatfreunde des Heydener Ländchens dazu beitragen würden, dass nicht ein Teil der Sammlung (über 350 von 3000 Exponaten) verkauft werden muss, um die Erben auszuzahlen.

Besucher willkommen

Wer das Museum an der Horbacher Straße 497 besuchen möchte, hat dazu jeden ersten und dritten Sonntag im Monat um 11 und um 14:30 Uhr die Gelegenheit.
Schulklassen/Schülergruppen können individuelle Termine bekommen, der Besuch für Schulklassen ist kostenlos. Geeignet ist der Besuch für interessierte Kinder/Jugendliche ab ca. 10 Jahren.

Kontakt: www.zollmuseum-friedrichs.de
Kurt Cremer, 0241 9970615



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3 responses to “Zollmuseum Friedrichs bangt um Kernstück der Sammlung

    1. Hallo Jana,
      die Neuigkeiten sehen wie folgt aus: Die Heimatfreunde des Heydener Ländchens 1989 e. V. aus Aachen-Richterich haben mit der Stadt Aachen für das Zollmuseum Friedrichs einen Betreibervertrag abgeschlossen, in dem sie sich u. a. verpflichten, die Führungen durch das
      Zollmuseum Friedrichs zu veranstalten. Die Heimatfreunde haben zwei Spendenkonten „Zollmuseum“ eingerichtet und zwar bei der Aachener Bank unter IBAN DE8601801321280028 und bei der Sparkasse Aachen unter IBAN DE983905000010172195207. Die Spenden sollen zunächst zur Erfüllung der Forderungen der erbberechtigten Kinder von Herrn Friedrichs in Höhe von rund 31.500 € verwendet werden. Jeder Spender erhält eine Spendenquittung zwecks steuerlicher Absetzbarkeit bei seinem zuständigen Finanzamt.