Kinder- und Jugendeinrichtung D-Hof: „Wir haben unsere Arbeit im letzten Jahr neu erfunden“

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Der D-Hof blickt auf ein Jahr offener Kinder- und Jugendarbeit unter den Bedingungen der Corona-Pandemie zurück.

Ob mit Tanz-Tutorials auf dem eigenen You-Tube-Kanal, Kochtüten zum Abholen und zum Zu-Hause-Kochen oder dem digitalen Mädelsabend – für die Kinder- und Jugendeinrichtung Driescher Hof war es von Beginn der Pandemie an klar, dass sie ihre Arbeit unter den neuen Corona-Bedingungen fortführen wird. Dabei sind viele kreative Angebote entstanden, um das sonst analoge Angebot zu ersetzen, die den Kindern, Jugendlichen und Eltern den Pandemie-Alltag leichter machen. Oberste Priorität bei allen Aktivitäten: den Kontakt zu den Kindern, Jugendlichen und Eltern halten und so weiter Unterstützung und kommunikativen Austausch bieten zu können.

Der D-Hof als zweites Zuhause

Der D-Hof ist eine seit 1981 existierende Kinder- und Jugendeinrichtung. Die Einrichtung leistet offene Kinder- und Jugendarbeit, die sich an Kinder und junge Menschen im Alter von sechs bis 27 Jahren richtet. Der D-Hof kümmert sich im Stadtteil an zwei Schulen um die Betreuung der Kinder im Rahmen der offenen Ganztagsschule und ist so für über 300 Kinder und Jugendliche jeden Tag so etwas wie ein zweites Zuhause und eine wichtige Anlaufstelle. „Die Kinder und Jugendlichen verbringen sehr viel Zeit bei uns, sie kommen zu unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in der OGS nach dem Unterricht, da gibt es dann Mittagessen, Begleitung der Lernzeit, Förder- und Freizeitangebote bis circa 15 oder 16 Uhr. Danach gehen sie mit ihren Schulranzen rüber zur offenen Tür und bleiben da teilweise bis 18 Uhr“, erzählt Sandra Jansen, Leiterin der Einrichtung. Dort nehmen sie zum Beispiel Sportangebote wahr, spielen, basteln, kochen oder arbeiten in den angelegten Gärten. So sah es zumindest bis letztes Jahr im März aus, dann kamen Corona und der erste Lockdown und alles, auch das Angebot des D-Hofs, musste runtergefahren werden.

Die Corona-Pandemie und die damit einhergehenden Lockdown-Phasen waren und sind für Kinder und Jugendliche besonders belastend. Durch die Schließung von Kitas, Schulen, Ganztagsbetreuung sowie Kinder- und Jugendeinrichtungen sind für die Heranwachsenden wichtige Strukturen weggebrochen. So fehlen nicht nur soziale Kontakte, auch sind Betreuungs-, Freizeit- und Essensangebote weggefallen. Betroffen sind insbesondere Familien, Kinder und junge Menschen, die es schon vor Corona schwer hatten, finanziellen Nöten ausgesetzt sind und/oder beengt wohnen. Der Driescher Hof hat alles getan, um trotzdem für die Kinder und Jugendlichen da zu sein.

Angebote an die Corona-Zeit anpassen und vor allem in Kontakt bleiben

„Für uns war von der ersten Minute an klar, dass die Schließung der Einrichtung nicht bedeutet, dass wir nichts mehr tun werden. Im Gegenteil, uns hat vorrangig die Frage beschäftigt, wie wir in Kontakt mit den Kindern, Jugendlichen und auch mit ihren Familien bleiben können“, berichtet Sandra Jansen. „Ich kann mich noch an die Tage vor der Schließung der Schulen und der OTs erinnern – da war ich ganz unruhig, weil ich mich gefragt habe, was mit den Kindern und Jugendlichen geschehen wird. Vor allem mit denen, die es schon vorher nicht einfach hatten, die in sehr beengten Wohnverhältnissen leben und bei denen Armut ein großes Thema ist“, erzählt sie. Es wurde gemeinsam der Entschluss gefasst, ganz viele Angebote einfach vor der Tür stattfinden zu lassen: Bastelmaterialen, Spielespenden, Malvorlagen, Rätselvorlagen – alles zum Abholen, natürlich coronakonform mit Maske und einzuhaltendem Abstand. So konnte gewährleistet werden, dass die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen regelmäßig die Kinder und Jugendlichen sehen, mit ihnen ins Gespräch kommen und auch mitbekommen, wie es ihnen geht und was sie vielleicht belastet. Irgendwie in Kontakt bleiben, das war das wichtigste Anliegen.
Gleichzeitig war klar, dass die digitalen Angebote ausgebaut werden mussten. Einen Facebook- und Instagram-Account gab es zwar schon, aber gerade Instagram wurde wenig bespielt, da der Fokus sonst natürlich auf dem persönlichen Kontakt lag. Schnell war klar: Über Facebook erreicht man die Eltern am besten, die Kinder und Jugendlichen sind mehr bei Instagram unterwegs. Aus analogen Angeboten, wie zum Beispiel dem Break-Dance-Kurs, der sonst einmal die Woche stattfindet, wurden auf YouTube aufrufbare Tanz-Tutorials, die vom Kursleiter kurzerhand gedreht wurden.

Kochtüten zum Abholen – ein innovatives pädagogisches Angebot

„Über den Kontakt, den wir über unsere To-go-Angebote halten konnten, haben wir mitbekommen, dass die finanzielle Not bei den Familien unglaublich gestiegen ist, dadurch dass die kostenfreie Mittagsverpflegung und auch andere kostenfreie Kochangebote weggefallen sind.“ Daraus entstand die Idee, fertig gepackte Kochtüten mit einfach verfassten Anleitungen zu wechselnden Gerichten zum Abholen zusammenzustellen, die zu Hause zubereitet werden können.
Mit dem Anlaufen der Aktion, die von Anfang April bis Ende der Sommerferien lief, entwickelte sich eine Dynamik, die, so Sandra Jansen, unglaublich war. „Wir haben mit 35 Tüten begonnen, dann waren es binnen weniger Tage 60 Tüten und ab der zweiten Wochen 85 Tüten jeden Tag. Die Resonanz war unglaublich. Wir haben viele Spenden und Projektgelder erhalten. So viel Solidarität, Anteilnahme und Unterstützung für die Lebenssituation von Menschen, die vielleicht anders ist als die eigene, das haben wir vorher so noch nie erlebt“, erzählt sie.

Großer Erfolg und positives Feedback für die Aktion

Die Kochtüten-Aktion sei so erfolgreich gelaufen, weil sie so greifbar und das der Aktion zugrundliegende Problem so einleuchtend für viele Menschen war: Wenn die Kinder und Jugendlichen sonst in der OT Mittagessen bekommen, reißt der Wegfall des Angebots ein Loch ins Familienbudget.
Im Rahmen der Kochtüten-Aktion gab es so viele Rückmeldungen von Eltern wie noch nie. Man habe vorher schon engen Kontakt gepflegt, aber noch nie in dieser Menge und Qualität. Auch auf Social Media war das Feedback groß. „Wir haben so viele Bilder und Nachrichten bekommen, dass wir kaum hinterhergekommen sind und häufig noch abends Nachrichten beantwortet haben, weil wir unbedingt auf die positiven Nachrichten reagieren wollten“, erinnert sich Sandra Jansen.

Aktuell: digitale Aktionen und mehr Angebote zum Abholen

Es gibt weiterhin viele digitale Angebote. So zum Beispiel Tanz-Videos, wöchentliche Kochkurse oder digitale Quizze – alles auf Facebook, YouTube oder Instagram. Auch gibt es Zusammenkünfte über Videocalls, an denen die Kinder und Jugendlichen teilnehmen können, wie den Mädels- oder Männerabend, bei denen dann gebastelt, gequatscht und gespielt wird. Auch gibt es weiterhin Angebote für Tüten zum Mitnehmen zu verschiedenen Themen – zum Beispiel eine Vitaminbomben-Tüte mit Zutaten zum Mixen von Smoothies.
Es wird aber auch ganz individuell auf die Wünsche der Kinder und Jugendlichen eingegangen. So berichtete eine Mutter beispielsweise, dass ihr Sohn bedrückt sei und nur noch lächele, wenn er ein Foto oder Video eines Hundes sehe. „Also habe ich vorgeschlagen, dass der Sohn einen Nachmittag draußen mit meinem Hund spielen kann, um ihm eine Freude zu machen“, berichtet Sandra Jansen.
Insgesamt zeigt sich, dass der D-Hof versucht, auf allen Ebenen den Kontakt zu halten und – ganz im Sinne der offenen Kinder- und Jugendarbeit – sein Angebot flexibel anzupassen. „Wir haben unsere Arbeit im letzten Jahr neu erfunden“, fasst Sandra Jansen zusammen. Zwischendurch war der D-Hof auch wieder offen und es war möglich, in kleinen Gruppen Angebote zu gestalten, was natürlich voll ausgeschöpft wurde.

Herausforderungen und Erkenntnisse aus der Pandemie-Zeit für den D-Hof

Eine Herausforderung war die Erweiterung der Kompetenzen im Bereich der Digitalisierung, ein Thema, welches sowieso angestanden hätte, jetzt aber massiv beschleunigt wurde. Eine wichtige Erkenntnis sei jedoch, so Sandra Jansen, dass digitale Angebote auf Dauer nur funktionieren, wenn es dazu ein passendes analoges Angebot gibt, hybride Formen seien also die Lösung.
Ein positives Erlebnis waren die Solidarität und Unterstützung, die der D-Hof erfahren hat, und die gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung der Kinder- und Jugendarbeit. Allerdings, so Sandra Jansen, sei ein stärkerer Perspektivwechsel vonnöten. „Es wurde und wird in der Pandemie allgemein zu wenig mit Kindern und Jugendlichen gesprochen, sondern mehr über sie. Außerdem wurden sie ausschließlich als Schüler und Schülerinnen betrachtet und in ihrer Rolle als zu Betreuende wahrgenommen. Zu wenig wurde gefragt: Wie geht es euch denn?“, meint Sandra Jansen.

In diesem Kontext erzählt sie, dass sie darüber erstaunt sei, wie angepasst, geduldig und ruhig Kinder und Jugendliche diese Situation hinnehmen würden. Das Zu-Hause-Lernen ist für die Kinder und Jugendlichen anstrengend und ermüdend. In der öffentlichen Diskussion geht es momentan viel darum, wie man den versäumten Stoff aufholen kann. „Wir können uns aber nicht auf eine Bildungsgerechtigkeit beziehen, die es vorher auch schon nicht gab“, so Sandra Jansen. Das große Problem sei, dass die, die vorher schon kaum den Anschluss halten konnten, jetzt noch viel weiter abgehängt sind, und die, die vorher schon gefördert wurden, auch in dieser Zeit weiter gefördert wurden. Der Abstand ist noch deutlicher geworden.

Infos: d-hof.de

Von Katrin Lückhoff, Gespräch mit Sandra Jansen

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