Wenn die Kids das Nest verlassen, beginnt auch für die Eltern ein neuer Lebensabschnitt

Aktuell ist es wieder so weit. Viele junge Erwachsene haben ihren Schulabschluss in der Tasche und es stellt sich die Frage: Wie geht es nun weiter? Die meisten Schulabgängerinnen und -abgänger haben vielleicht schon konkrete Vorstellungen für die Zeit danach, andere befinden sich eventuell noch in der Findungsphase. Für Eltern kann dieser neue Lebensabschnitt emotional und ebenso unruhig werden.

Gerne berichte ich von meinen Erfahrungen als Mutter von mittlerweile drei erwachsenen Kindern, die heute fest im Beruf stehen und bereits selbst Eltern sind. Wenn ich an die Zeit zurückdenke, als meine Kids die Schulzeit hinter sich gelassen haben, kann ich mich noch gut an meinen Gefühlszustand erinnern: Ich war ziemlich aufgewühlt! Plötzlich ändert sich der routinierte Alltag.

Mein ältester Sohn befand sich mitten in den Abiturvorbereitungen, als er uns seinen Plan vorstellte, ein soziales Jahr im Ausland in Erwägung zu ziehen. Schon recht konkret schrieb er dazu Bewerbungen an unterschiedliche Organisationen. Auf der einen Seite fanden wir seine Absicht interessant und mutig, andererseits lief bei mir das Gedankenkarussell. Als die lang erwartete Zusage einer Einrichtung für Menschen mit Beeinträchtigung kam, stand fest: Im August verlässt unser Sohn das Elternhaus und zieht nach London.
Wir freuten uns mit ihm und waren gleichzeitig erleichtert, dass er beispielweise nicht nach Südamerika oder Australien reiste.  London ist im Falle eines Falles doch schnell erreichbar, dachten wir.

Die Wochen bis zur Abreise waren für mich belastend, doch zunehmend sah ich, dass mein Sohn sehr strukturiert an die Planung ging. Ich kann mich noch gut an den Abschied am Flughafen Düsseldorf erinnern. Als Niklas durch das Gate ging, winkten wir alle tapfer hinterher und wünschten ihm eine gute Zeit. Mit tränenden Augen blieben wir zurück und hielten uns in den Armen, denn für unsere beiden Töchter war der Abschied vom großen Bruder ebenfalls sehr emotional. Zu dem Zeitpunkt war offen, ob wir uns tatsächlich erst in einem Jahr wiedersehen würden. Dies zu akzeptieren, war schon hart, auch wenn die Option bestand, zu telefonieren oder einen Videochat zu planen. Diese erste Trennung hat mich emotional doch mitgenommen.

Die ersten Tage vergingen und unser Alltag zu Hause lenkte etwas von der Trennung ab. Plötzlich waren wir nur noch zu viert! (Zumindest für eine kurze Zeit, bevor der Freund meiner ältesten Tochter mehr und mehr zur Familie gehörte.) Als wir erfuhren, dass das neue Zuhause in London fast familiär sei und alle Leute sehr nett seien, waren wir beruhigt. In Niklas’ neuer Wohngemeinschaft trafen sich meistens für ein Jahr Freiwillige aus der ganzen Welt und kümmerten sich mit den festangestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern um die zu betreuenden Bewohnerinnen und Bewohner. Das großzügige Landgut lag etwas außerhalb von London. Unser Sohn war mittlerweile für die Mahlzeiten seiner Hausgemeinschaft verantwortlich, lernte in der Freizeit Klavier spielen und Körbe flechten und entdeckte die Innenstadt von London.

Unsere anfänglichen Sorgen waren nach den ersten Monaten gewichen, und ich war glücklich, dass ich meinen Sohn nach dem ersten halben Jahr besuchen konnte. Hier beginnt nun der Part der Geschichte, auf den ich eigentlich hinauswill. Denn wenn die Kids flügge werden und das Nest verlassen, können wir Eltern die veränderte Familiensituation nutzen. Während der gesamten Familienzeit bin ich beispielsweise nie allein verreist.

Plötzlich plane ich nach Jahren meine erste Reise allein nach London. Erst in Watford holte mich mein Sohn vom Bahnhof mit dem Auto ab. Das gesamte Wochenende kam ich aus dem Staunen nicht heraus, als ich sah, welche Aufgaben er in der Wohngruppe übernahm, wie selbstverständlich er Englisch sprach und wie selbstbewusst er mir seine Stadt London zeigte. Als ich die Heimreise antrat, fuhr ich mit einem sehr beruhigten Gefühl nach Hause. Ich war stolz auf meinen Sohn und gleichzeitig auf mich. Noch während der Zugfahrt beschloss ich, meine Englischkenntnisse aufzufrischen.

Bei meinem zweiten Besuch, diesmal mit meiner ältesten Tochter, stieg ich sogar ins Flugzeug. Dabei habe ich es geschafft, meine Flugangst endlich hinter mir zu lassen. Mein Mann flog mit unserer jüngsten Tochter auch nach London. So konnten wir alle mal in das neue Leben von Niklas hineinschnuppern und daran teilhaben. Dass wir noch häufiger nach London reisen sollten, wussten wir damals noch nicht.

Nach dem sozialen Jahr folgte ein internationales Studium in Maastricht. Fast ein Heimspiel bei gerade mal 25 Kilometern Entfernung. Diesmal lernten wir Maastricht genauer kennen. Ein Auslandssemester in Hongkong folgte. Wieder hieß es Abschied nehmen, jedoch stand uns diesmal ein erwachsener Mann gegenüber und bei uns überwog mehr die Freude, dass unser Sohn dies alles erleben durfte und glücklich dabei war.

Zwischenzeitlich hatte unsere älteste Tochter auch das Nest verlassen. Sie studierte in Aachen und lebte dort zusammen mit ihrem Freund in einer schönen Altbauwohnung. Unversehens verändert sich die Welt und man geht seine Kinder in ihrem eigenen Zuhause besuchen und wird dort zum Essen eingeladen. In Alsdorf wohnten wir nun zu dritt mit unserer jüngsten Tochter, bis auch sie auszog und in Maastricht ihr Studium begann.

Plötzlich ist man als Paar nach so vielen Jahren wieder allein, abgesehen von unseren beiden Hunden. Das Zusammenleben verändert sich und man kann neue Prioritäten setzen. Ich weiß noch genau, dass ich einige Zeit brauchte, bis ich kleinere Mengen kochte, weil keine Großfamilie mehr versorgt werden musste. Und dass wir überlegten, wie man die ehemaligen Kinderzimmer umgestalten kann. In unterschiedlichen Abständen kamen unsere Reisenden nach Hause.

Als mein Sohn seinen Master in London machte, war es für ihn fast wie nach Hause zu kommen, besonders als er dort seine Freundin und heutige Ehefrau kennenlernte. Beide wollten zunächst in London bleiben. Aufgrund des Brexits zog Niklas erst allein nach Düsseldorf und pendelte oft nach London. Mittlerweile haben beide ihren Lebensmittelpunkt in München gewählt und sind junge Eltern. Meine älteste Tochter Maren zog zum Masterstudium nach Köln und später nach Langerwehe. Von unseren drei Kindern blieb sie mit ihrer Familie in der Nähe wohnen, wenn auch nicht um die Ecke.

Meine Jüngste wählte ihr Auslandssemester wie ihr Bruder in Hongkong. Ich wollte sie dort besuchen. Ihr Semester wurde jedoch aufgrund damaliger Proteste und Unruhen abgebrochen. Das fanden wir sehr schade und freuten uns mit ihr, als sie nach dem Bachelor die Zusage für ein Praktikum in Hongkong erhielt. Von Asien ging es für Nora zurück in die Niederlande, zum Masterstudium nach Rotterdam. Eine großartige Stadt, wie ich finde. Dort lebt und arbeitet sie auch heute, ist mit einem Niederländer verheiratet und selbst Mama.

Weil unsere Kinder einen Altersunterschied von fast vier Jahren haben, erstreckte sich das Nestverlassen und Abschiednehmen über einen längeren Zeitraum, fiel mir jedes Mal etwas leichter und wurde fast zur Routine, weil es ja immer ein Wiedersehen gibt. Unsere Kinder konnten außergewöhnliche Erfahrungen sammeln, die für ihr ganzes Leben unbezahlbar sind, und sie ließen uns teilhaben, wofür ich sehr dankbar bin. Heute pendeln wir zwischen Rotterdam, München und Langerwehe und besuchen uns, sooft es geht. Unsere Familie ist gewachsen und international verbunden. Wer hätte das gedacht, als unser Sohn als Erster sein Nest verließ?

„Zwei Dinge sollten Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“
(J. W. von Goethe)

Der Beitrag ist zuerst in der Printausgabe Juni/Juli 2026 erschienen.

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