Weihnachten im Kinderheim und Geschenke vom Wunschbaum

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Foto: Lasse Falter

Weihnachtszeit – die Zeit der Ruhe und Besinnung und vor allem das Fest der Familie. Gerade die Feiertage verbringen die meisten im Kreis der Liebsten mit ihren Kindern, Geschwistern, Eltern und Großeltern. Doch über 100.000 Kinder deutschlandweit leben nicht bei ihren Familien, sondern sind in Jugendhilfeeinrichtungen – im Volksmund „Kinderheim“ genannt – untergebracht.

Um den Kindern und Jugendlichen, die in den drei größten Aachener Einrichtungen (Zentrum für soziale Arbeit Burtscheid / Evangelischer Frauenverein Aachen von 1850, Evangelische Kinder- und Jugendhilfe Aachen-Brand sowie Maria im Tann – Zentrum für Kinder-, Jugend- und Familienhilfe) leben, ein Geschenk zu machen, steht im Aachener Rathaus alljährlich ein bunt geschmückter Wunschbaum. An dem Wunschbaum baumeln Zettel mit den Geschenkwünschen der Kinder, wer will, kann einen oder mehrere erfüllen und somit zu Weihnachten hoffentlich eine große Freude bereiten. Bei den Menschen, die schenken, kommen dabei häufig Fragen auf, denn die wenigsten wissen, wie Heimerziehung im Allgemeinen und das Weihnachtsfest dort im Speziellen abläuft, und möchten gerne erfahren, wie es den jungen Menschen ergeht.

Wir haben nachgefragt: Wo und an wen gehen die vielen Geschenke vom Wunschbaum im Rathaus und wie wird Weihnachten im Kinderheim überhaupt gefeiert? Horst Kreutz, seit 23 Jahren Leiter der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe Aachen-Brand, gibt einen Einblick.

 

Herr Kreutz, von den Begriffen „Jugendhilfeeinrichtung“ oder „Kinderheim“ haben die meisten vermutlich nur eine vage Vorstellung, was genau wird in Ihrer Einrichtung geleistet?

Unsere Einrichtung betreut Kinder und Jugendliche von sechs bis 18 Jahren, die aus verschiedensten Gründen nicht oder nicht ausschließlich bei ihren Eltern leben können, in zwei Bereichen. Wir haben einen vollstationären Bereich mit sechs Gruppen à sieben bis neun Kindern und Jugendlichen, in denen die Kinder Tag und Nacht bei uns untergebracht sind. Dazu zählen vier Gruppen auf dem Gelände, eine Außenwohngruppe am Karlsgraben und eine Gruppe zur Verselbstständigung für Jugendliche, die sie auf den Auszug und das Leben alleine vorbereiten soll. Außerdem haben wir noch einen teilstationären Bereich mit Tagesgruppen, quasi Heim ohne Schlafen, in denen die Kinder und Familien umfassend von uns betreut werden, die Kinder aber am Abend nach Hause zu ihren Eltern gehen. Wir arbeiten in beiden Bereichen nicht nur intensiv mit den Kindern und Jugendlichen, sondern auch mit ihren Eltern zusammen. Das Ziel ist im besten Fall eine Zurückführung oder zumindest eine bestmögliche Beziehung zur Herkunftsfamilie.

Wie laufen die Weihnachtszeit und das Weihnachtsfest im Heim ab?

Das lässt sich nicht ganz verallgemeinern und ist bei uns von Gruppe zu Gruppe und darüber hinaus von Einrichtung zu Einrichtung sehr unterschiedlich. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gestalten die Adventszeit und das Weihnachtsfest in den Gruppen gemeinsam mit den Kindern so ähnlich, wie die meisten es kennen. Da wird in der Adventszeit gebastelt, gebacken und sich mit Weihnachten und seiner Bedeutung beschäftigt. Im vollstationären Bereich werden das Gelände und die Gruppenräume geschmückt und Weihnachten wird dort gefeiert. Die Feiern finden in den Gruppen statt, wir feiern nicht gemeinsam als Einrichtung. Das ist aber in anderen Heimen durchaus anders. Besonders ist bei uns jedoch, dass die Weihnachtsfeiern meist bereits am 23. Dezember stattfinden, da wir die Kinder und Jugendlichen wenn möglich an Weihnachten zu ihren Eltern oder Herkunftsfamilien entlassen und sie die Festtage bei ihnen verbringen. Bei uns feiern übrigens alle Kinder und Jugendlichen gerne Weihnachten mit, egal welcher Religion sie angehören. Ansonsten ist es so, wie man es sich vorstellt – mit leckerem Essen, Weihnachtsbaum, Geschenken und allem, was dazugehört. Bei den Feiern in den Gruppen sind alle Mitarbeitenden dabei. Ähnlich ist es auch im teilstationären Bereich. Nur legen wir da noch mehr Wert darauf, dass das Weihnachtsfest in der Gruppe nicht zur Konkurrenz zu dem mit den Eltern wird. Das kann nämlich durchaus ein Konfliktpunkt sein. Gerade bei den Geschenken. Die Geschenke in unseren Gruppen kommen dabei zum Teil aus einem Etat des Jugendamtes und aus Spendenaktionen wie dem Wunschbaum im Aachener Rathaus oder zwei kleineren Wunschbäumen in den Friseursalons Thünissen und Hieke in Brand und am Trierer Platz. Es ließen sich bestimmt noch mehr Geschenke sammeln, uns ist aber wichtig, die Kinder auch nicht damit zu überschütten, um in ihnen keine unrealistischen Erwartungen ans Leben zu schüren.

Die Kinder haben bestimmt nicht immer nur schöne Erfahrungen in der Familie gemacht, wie ist es für sie dann, über Weihnachten nach Hause zu gehen?

Grundsätzlich sind die Kinder nicht nur über Weihnachten zu Hause, sondern auch an Wochenenden oder in den Ferien. Und ja, die Kinder haben mitunter keine schönen Erfahrungen in der Familie gemacht, aber wir unterstützen alle dabei, dass es besser wird, und entlassen die Kinder auch nur, wenn wir sicher sein können, dass zu Hause alles so weit gut läuft. Das ist natürlich auch immer an Vorgaben geknüpft, die in Absprache mit dem Jugendamt getroffen wurden. Die Kinder gehen eigentlich immer gerne nach Hause. Tatsächlich habe ich es, soweit ich weiß, erst einmal erlebt, dass ein Kind an Weihnachten wiederkam, da es das Fest nicht zu Hause verbringen wollte.

Sie sagten, die Kinder gehen wenn möglich zu ihren Familien. Was ist mit denen, die nicht nach Hause können?

Die Kinder, die nicht nach Hause können, bleiben bei uns in den Gruppen. Für sie gibt es dann natürlich Heiligabend noch ein kleines weiteres Weihnachtsfest. Ansonsten können die Tage, in denen weniger Kinder und Jugendliche da sind, genutzt werden, um Ausflüge und andere besondere Aktionen zu machen, die sonst mit der ganzen Gruppen schwieriger sind. Wir sind in den Ferien zum Beispiel häufiger auf dem Brander Markt auf der Schlittschuhbahn.

Weihnachten gilt als Fest der Familie und bedächtige, ruhige Zeit. Wie ist das für die Kinder und Jugendlichen?

Tatsächlich ist die Zeit von November bis Neujahr besonders schwer für unsere Bewohner und Bewohnerinnen. Die ruhige und familiäre Atmosphäre in dieser Zeit erinnert daran, was man möglicherweise selbst in seiner Familie nicht genießen konnte, und führt damit unweigerlich auch zu negativen Erinnerungen. Wir können nur probieren, das aufzufangen und als Anlass zu nutzen, um gemeinsam ins Gespräch zu kommen und zu reflektieren. Die Auseinandersetzung mit den eigenen unschönen Erfahrungen kann dabei auch wichtige Entwicklungsprozesse anstoßen. Abgesehen davon versuchen wir, die Zeit für die Kinder und Jugendlichen so schön wie möglich zu gestalten und mit entsprechenden Aktivitäten zu füllen. Bei uns herrscht in der Weihnachtszeit eine tolle Atmosphäre, davon hat sich letztes Jahr auch unsere Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen überzeugt.

Weihnachten im Heim heißt für Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten. Ist das ein Konfliktpunkt und Problem?

Insgesamt ist bei uns die Arbeitsbereitschaft auch um Weihnachten sehr hoch. Man weiß ja, worauf man sich einlässt und dass zu dieser Art der Beschäftigung eben auch Arbeit am Wochenende und an Feiertagen dazugehört. Zu den Weihnachtsfeiern in den Gruppen am 23. kommen immer alle Mitarbeiter, das ist sehr schön. Und die Dienste an Heiligabend und den beiden Weihnachtsfeiertagen sind, wenn man natürlich manchmal auch gerne bei der eigenen Familie wäre, etwas sehr Besonderes. In diesen Tagen erlebt man die Kinder und Jugendlichen nochmal von einer anderen Seite und kann bei prägenden und wichtigen Momenten in ihrer Entwicklung dabei sein.

Die diesjährigen Wunschbaumaktionen sind hier zu finden.

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