Anfang März, der erste Waldtag des Jahres in einem Kindergarten, wo ich schon seit gefühlt ewigen Zeiten beschäftigt bin. Meine Kinder, inzwischen 30 und 32 Jahre alt, waren auch schon hier, ich damals ein stolzer Kindergartenvater. Und jetzt, viele Jahre später, komme ich jede Woche. Zurzeit sogar gleich dreimal pro Woche, drei Gruppen, drei regelmäßige Waldtage, wie schön.
Jetzt geht es wieder los. Nach der Winterpause. Von der die Kinder in besagtem Kindergarten immer noch denken, dass ich, der Waldmeister, drei Monate lang im Winterschlaf bin. Ich hatte schon mal beschrieben, dass ich die Idee mit dem Winterschlaf richtig gut finde. Aber bisher hat das noch nicht geklappt. Mit ein wenig Winterruhe hab ich schon mal angefangen …
Zurück zum ersten Waldtag, heute Traumwetter, blauer Himmel, Sonne ohne Ende. Am Morgen noch Frost, aber dann setzt sich die Sonne immer mehr durch. Endlich wieder raus. Was ziehen wir an? Das ist die wichtigste Frage. Noch ist es kühl, wir werden viel am und auf dem Boden unterwegs sein, es geht heute noch nicht ohne die Buddel- oder Matschhose. Es kommen sicher bald auch wieder Waldtage, an denen es ohne geht. Dann noch die festen Schuhe. Bitte keine Gummistiefel, die vielleicht bei Dauerregen. Ansonsten sind Gummistiefel die ungeeignetsten Schuhe für den Wald und zum Wandern. Die Kinderfüße haben kein richtiges Gefühl in den Stiefeln, die ersten Kinder, die im Wald hinfallen, sind fast immer die mit den Stiefeln. Ach ja, der Rucksack muss auch noch mit, wir wollen ja auch draußen frühstücken. Getränk, Butterbrot, Obst, Gemüse. Und eine Sitzunterlage ist gut, manche der möglichen Sitzgelegenheiten sind kalt und feucht.
Los geht’s. Der besagte Kindergarten liegt direkt neben einem wunderbaren Park. Von dem es fast ohne Übergang in den Aachener Wald weitergeht. Nicht alle Kindergärten haben es so gut, viele müssen mit dem Bus fahren. Aber auch das geht in Aachen fast problemlos. Was wollen wir heute unterwegs eigentlich machen? Ich möchte den Frühling suchen. Und den können wir vielleicht an manchen Stellen sehen. Oder hören. Vielleicht auch riechen? Schau’n mer mal.
Unterwegs, die Sonne wärmt von Minute zu Minute mehr. Was hören wir da? Der Specht ist fleißig, hämmert mit seinem Schnabel im Baumstamm herum, sicherlich findet er so eine Menge leckerer Happen, Raupen, Holzwürmer, Käfer. Guten Appetit. Woran können wir denn noch erkennen, dass es Frühling wird? Genau, morgens ist es eher hell, abends später dunkel, die Tage sind jetzt schon viel länger als im Winter. Und viele Blüten zeigen sich jetzt, solange noch kein Blätterdach die Sonnenstrahlen vom Boden fernhält. Schneeglöckchen, Huflattich, Scharbockskraut, das sind die typischen Frühblüher. Nicht alle Menschen freuen sich gleichermaßen, die Haselnusssträucher stehen jetzt in voller Blüte. Keine gute Zeit für alle, die unter entsprechenden Pollenallergien leiden.
Weiter geht’s Richtung Frühstücksplatz. Auf dem Weg dorthin sind alle Kinder froh, dass sie die Matschhose angezogen haben. Ein großer Baum ist umgefallen, die riesige Wurzel steht noch mit ganz viel Erde schräg im Waldboden. Eine natürliche Rutschbahn, die herrliche Rutschpartien möglich macht. Eben noch haben ganz viele Kinder über Hunger geklagt, das ist jetzt vergessen, sie könnten hier noch stundenlang weiter rutschen. Machen wir aber nicht, stattdessen folgt der nur noch kurze Weg zum Platz, den wir schon lange kennen. Dort gibt es ein paar alte Baumstämme, ein regelrechtes Waldsofa. Unser Frühstücksplatz. Endlich.
Wenn wir im Wald unterwegs sind, gibt es vielerlei Regeln. Wir sind zu Gast im Wald. Und wenn wir gehen, soll es so aussehen wie vor unserem Besuch. Keinen Müll zurücklassen, keine Pflanzen ab- oder ausreißen, Wurfverbot, alle Kinder müssen uns Begleiter sehen können … All diese Regeln werden immer mal wieder in Erinnerung gebracht, sicher ist sicher.
Schön ist, dass die Kinder manche Stellen im Wald durch regelmäßige Waldausflüge richtig gut kennen. Sie wissen, wo die Balancier-Stämme liegen, wo man gut klettern kann, wo es Esskastanien zu finden gibt, wo das Eichhörnchen im letzten Jahr sein Nest, den Kobel, gebaut hat, zwischen welchen Baumstämmen Herr Zobel seine berühmte Waldschaukel bauen kann. Einmal rufe ich wie der Kuckuck, das kennen alle Kinder und kommen zu mir. Ich hatte auch von „Frühling riechen“ gesprochen, jetzt ist es so weit. Ich habe ein paar Blätter gepflückt, zerrieben und lasse alle daran schnuppern. Und wie immer bei Gerüchen, sagt die eine Hälfte der Menschheit „iih“, die andere „mmh“. Die grünen Blätter sind der Bärlauch, ich mag ihn sehr gerne, werde in den nächsten Wochen öfter mal welchen sammeln für Pesto, Nudelsaucen, Kräuterquark und mehr. Wichtigste Regel, bitte nur sammeln, was ihr hundertprozentig kennt.
Meinen tollen Beruf als Naturführer und Waldpädagoge habe ich jetzt schon seit 24 Jahren. Ganz schön lange, aber eine Sache werde ich trotzdem niemals so richtig verstehen. Im Wald geht die Zeit viel schneller um als anderswo. Ich schaue auf die Uhr. Mehr als drei Stunden sind schon vorbei, das kann irgendwie gar nicht sein, oder? Doch, es stimmt tatsächlich. Also alle Kinder zusammenrufen, die Rucksäcke wieder packen, den Rückweg zum Kindergarten starten. Der ist zum Glück nicht weit.
Auch schön, die Kinder kennen die Wege im Wald so richtig gut, auch die „Haltestellen“. Bis dahin dürfen sie vorlaufen, zum Efeubaum, zur Edelsteinstelle, zum Baum mit dem Auge, nächste Haltestelle Kastanienbaum. Und schon sind wir am Tor zum Kindergarten. Nochmal durchzählen, alle da, wie schön … In 24 Jahren noch keine Kinder (und auch keine Erwachsenen) verloren, das soll auch so bleiben, heute hat es jedenfalls wieder geklappt.
Das war’s für heute, der erste Waldausflug des Jahres ist vorbei, ich freue mich schon auf nächste Woche. Und darauf, dass der Frühling weitergeht.
Enden möchte ich mit einem Gedicht:
Mailied
Wie herrlich leuchtet
mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie leuchtet die Flur!
Es dringen Blüten
aus jedem Zweig
und tausend Stimmen
aus dem Gesträuch,
und Freud und Wonne
aus jeder Brust.
O Erd’, o Sonne!
O Glück, o Lust!
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Ich wünsche euch einen ganz tollen Frühling mit vielen spannenden Ausflügen in den Wald.
Sonnige Grüße
Euer Waldmeister Michael Zobel
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