Waldmeisters Naturkolumne 18: Was Bäume können – das können nur Bäume

Bäume am Köpfchen | Foto: Birgit Franchy

„Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt“, so beginnt ein Gedicht von Khalil Gibran aus dem 19. Jahrhundert. An diesen Satz muss ich oft denken, wenn ich alleine oder mit anderen Menschen im Wald unterwegs bin.
Da steh ich dann vor der Kindergruppe, mein Berufsalltag an den meisten Vormittagen. „Hallo und guten Morgen“, dann geht es in den Wald. In der Nähe eines besonders großen Baumes bleibe ich stehen und frage die Kinder: „Findet ihr mich eigentlich groß?“

soooo groß – Buchen am Köpfchen | Foto: Birgit Franchy

„Ja, du bist ganz schön groß …“, ist meistens die Antwort. Klar, mit meinen 191 Zentimetern bin ich wirklich recht groß, erst recht im Vergleich zu den Kindern aus dem Kindergarten oder der Schule. Größer auch als die meisten der Erzieherinnen und Erzieher oder Lehrer und Lehrerinnen.
Ein paar Schritte weiter, ich stelle mich an den Fuß, an die Wurzel des Baumes, oft einer Buche oder Eiche, lehne mich an den Stamm an und schaue nach oben, fast ist die Krone nicht mehr zu erkennen. „Findet ihr mich immer noch groß?“ „Nein, jetzt bist du ganz klein.“
Es ist wichtig, dass wir manchmal die Perspektive ändern. Wir nehmen uns oft so wichtig, so bedeutend. Und werden neben einem solchen gewaltigen Lebewesen wie dem Baum so klein. Manchmal denke ich, ach könnte der Baum doch erzählen, was er schon so alles erlebt hat. Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass er erzählen kann, doch wir Menschen haben anscheinend die Sprache verlernt.

Oft bin ich im Ökologiezentrum im Welthaus an der Schanz. Und da fand ich vor gar nicht so langer Zeit eine Postkarte zum Thema Baum. Frank Suttner hat den Text geschrieben.

Was Bäume können – das können nur Bäume

Ich bin ein Baum und schon viele Jahrzehnte alt. Ich kann Apfel, Nüsse, Kirschen oder Maronen. Meine Früchte nähren Vögel, Eichhörnchen und Euch Menschen, meine Blüten erfreuen Euch im Frühjahr, meine bunten Blätter schmücken den Herbst. Vom Frühling bis zum Herbst biete ich ganz vielen Lebewesen Nahrung und Unterschlupf. Vögel bauen ihr Nest in meiner Krone, Käfer laufen über meine Zweige, Blattläuse saugen an meinen Blättern und die ein oder andere Raupe knabbert daran herum. Ich bin das Holz von Eurem Tisch, das Papier, auf dem Ihr schreibt. Bin das Buch, das Ihr lest, der Apfel in Eurem Kuchen. Mein Feuer wärmt Euch im Kamin. Ich atme ein, was Ihr ausatmet, und wandle auch das CO2 von Euren Autos und Heizungen wieder in Sauerstoff um, damit Ihr wieder einatmen könnt. Den Kohlenstoff baue ich in meine Äste und Zweige ein und binde ihn für viele Jahrzehnte. Außerdem filtere ich jede Menge Staub und mindere den Schall. Im Sommer sorge ich für Schatten und befeuchte die Luft. Wenn ich im Herbst meine Blätter abwerfe, wird daraus eine hervorragende neue Erde, die voller Leben ist. Um meine Leistung für das Stadtklima und den Naturhaushalt zu ersetzen, müsstet Ihr 100 junge Bäumchen pflanzen. Das kostet mindestens 100.000 € und noch viel mehr, wenn Ihr erst einen Platz dafür herrichten müsst.

Über Eure Wertschätzung freue ich mich!

Danke, Frank, dass ich den Text benutzen durfte. Vielleicht bleibt ihr bei eurem nächsten Spaziergang im Wald einmal an einem der Bäume stehen. Und bedankt euch bei ihm für all das, was er für euch und für uns alle tut.

Ich wünsche einen wunderbaren Sommer,
Liebe Grüße von eurem Waldmeister Michael Zobel

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