Hab ich eigentlich schon mal erwähnt, dass ich meinen Beruf sehr liebe? Und warum eigentlich? Ich bin (fast) jeden Tag unterwegs in der spannenden Natur der näheren und weiteren Umgebung, mit meistens netten Menschen, mit vielen Kinder, oft auch mit Erwachsenen. Über Mangel an Frischluft kann ich mich nicht beklagen.
Wenn mich vor einer Führung, einem Waldtag, einer Exkursion jemand fragt, was so auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zukommt, dann spreche ich oft von „Natur erleben mit allen Sinnen“. Was soll das nun wieder bedeuten? Nehmen wir doch einfach ein Beispiel. Das Hören.
Ich pflege liebgewonnene Rituale. Wenn ich mit Kindergruppen unterwegs bin, wandern wir meistens zu einem Platz, wo wir länger bleiben. Zuerst geht es darum, den Platz und seine Umgebung zu erkunden, auf Entdeckungsreise zu gehen. Natürlich mit festen Regeln. Die Kinder dürfen so weit gehen, dass sie mich oder die anderen Begleiter noch sehen können. Ich selber schaue mich auch erst einmal um, wie hat sich der Platz seit meinem letzten Besuch verändert, was möchte ich gerne zeigen, wo ist eine gute Stelle für das ein oder andere Spiel?
Wenn ich dann alle Kinder gerne wieder bei mir hätte, gibt es zwei Möglichkeiten. Ich habe eine gute laute Stimme und könnte zum Sammeln rufen. Natürlich in alle Richtungen, die Kinder sind oft weit im Wald verteilt. Das ist mir aber schon lange zu anstrengend, außerdem habe ich einen empfindlichen Hals, Halsschmerzen möchte ich vermeiden. Was also tun? Ich erzähle den Kindern von einem Vogel, der seinen eigenen Namen ruft, welcher ist das wohl? Es kommen in der Regel viele Vorschläge, Papagei, Elster, Taube, Specht … Vielleicht erwähne ich als Tipp noch ein Lied mit dem besagten Vogel und dem Esel. Spätestens dann kommt (meistens) doch jemand auf den Kuckuck. Ich lasse einmal den Ruf erklingen, den kann ich ganz schön laut. Damit ist die zweite Regel klar, wenn also der Kuckuck ruft, schauen alle, wo ich bin, und kommen zu mir. Noch eine Regel, nur ich rufe als Kuckuck, sonst kommen wir ganz durcheinander. Klappt erstaunlicherweise so gut wie immer. Das Betreuungspersonal staunt nicht schlecht.
Zu meinem Kuckucksruf gibt es noch eine schöne Geschichte. Vor gar nicht so langer Zeit war ich wie so oft unterwegs im Öcher Bösch mit einer Schulklasse. Am Ziel angekommen habe ich alles erklärt wie beschrieben. Die Kinder waren auf Entdeckungsreise in verschiedenen Richtungen. Was ich nicht gesehen hatte, hinter einem Gebüsch war eine andere Klasse ebenfalls auf Waldexkursion. Und was passierte, als ich „meine“ Klasse rief mit dem lauten „Kuckuck“? Eine Klasse gerufen, zwei kamen zu mir. Beim nächsten Mal werde ich genauer hinschauen, wer noch so im Wald unterwegs ist.
Nun denn, alle sind wieder da, nochmal durchgezählt, ist jetzt nicht Zeit fürs Frühstück? An Plätzen, wo ich mit diversen Gruppen unterwegs bin, gibt es meistens Baumstämme als Sitzgelegenheiten. Oder das berühmte „Waldsofa“, einen Kreis aus Stöcken, der als Sitzplatz für alle genutzt werden kann. Auspacken, das Picknick, die Butterbrotdose und die Trinkflasche. Warten, bis alle so weit sind.
Geräusche im Wald
Bevor es dann losgeht mit dem Frühstück, gibt es noch eine gemeinsame Aktion. Schafft ihr es, eine Minute lang still zu sein? So richtig still? Und nur mit den Ohren zu hören? Was gibt es für Geräusche, kommen die aus der Natur oder ganz woanders her? Ich zähle bis drei und dann bin auch ich still. Ich zähle weiter, aber lautlos, ungefähr sechzig Sekunden lang. Und nach der Minute frage ich die Kinder (oder die Erwachsenen), wer was gehört hat. Ach ja, vorher erkläre ich auch noch, in der Minute mache ich die Augen zu, dann können wir meistens deutlich besser hören.
Eine Minute, schafft ihr das? Ich komme bei sechzig an und mache die Augen wieder auf. Jetzt seid ihr dran, wer hat denn was gehört?
Erstaunliche Dinge bekomme ich jetzt zu hören. Ja klar, Vogelgezwitscher, Ästeknacken, Wind …
Aber wer hat schon mal Einhorngetrappel gehört? Oder den Schmetterling beim Vorbeifliegen? Das Quaken der Frösche? Und das Heulen der Wölfe?
Es macht großen Spaß, den Kindern zuzuhören, Kinderohren sind offensichtlich viel empfindsamer als die Ohren von Erwachsenen. Deshalb gibt es auch so spektakuläre Hör-Erlebnisse wie „ich habe den Frühling kommen gehört“.
Je nachdem, mit was für einer Gruppe ich zu tun habe, spielen auch die Laute von exotischen Tieren eine Rolle, Elefanten, Tiger, Löwen und Bären waren schon im Aachener Wald unterwegs. Auch fast alle heimischen Tiere machen Geräusche, die erstaunlich viele Kinder hören können, das Eichhörnchen, die Regenwürmer, der Fuchs und das Wildschwein.
Selbstverständlich gibt es im Wald nicht nur Geräusche aus der Natur, wir sind ja meistens in der Nähe der Stadt, in der Nähe von Straßen, also rauscht der Verkehr, gibt es Baustellenlärm in der Ferne, das ein oder andere Flugzeug ist unterwegs.
Es tut gut, ab und zu mal still zu sein in unserer permanent lauten Welt. Versucht es mal, eine Minute oder länger.
Ich bin sicher, ihr werdet es hören, das Rauschen, Zwitschern, Knacken, Brüllen, Brummen, Heulen, Klappern, Donnern, Krächzen, Piepsen, Quaken, Rufen, Schreien, Summen, Trommeln, Tirilieren, Zirpen, Rascheln, Plätschern … und bestimmt noch vieles mehr.
Viel Spaß dabei wünscht euer Waldmeister Michael Zobel
Hinterlasse einen Kommentar