Nein, ich habe auch im vergangenen Winter keinen Winterschlaf gehalten.
Obwohl ich die Idee nach wie vor sehr verlockend finde. Ich hatte aber eine längere „Waldpause“ und war ein wenig unterwegs, mit dem Zug in Südfrankreich und in Spanien. Auszeit mit Flamingos und Mandelblüten, mit Orangen und Zitronen.
Jetzt bin ich wieder hier, und die neue Waldsaison hat längst begonnen.

Letzte Woche ein Waldausflug mit einer Kita aus Aachen, die Vorschulkinder unterwegs auf Expedition mit mir, am Eselsweg, am Beverbach und im dortigen Wald. Treffpunkt an der Bachbrücke. Und was sehe ich/sehen wir da? Gefällte Bäume, gestauter Bach, Wiesen unter Wasser, Enten und Gänse auf der spiegelnden Fläche unterwegs. Hier hat es in den letzten Monaten umfangreiche Waldarbeiten gegeben, viele Bäume sind gefällt und abtransportiert worden. Oft unter dem Stichwort „Verkehrssicherungspflicht“. Das bedeutet, Bäume, die umzufallen drohen, werden gefällt, bevor sie uns Spaziergängern auf den Kopf fallen. Gut so.
Aber hier waren keine Waldarbeiter oder Förster am Werk. Der Biber ist zurück. Tatsächlich, hier am Beverbach, dem Bach, der dem Biber seinen Namen zu verdanken hat. Ich werde in den kommenden Wochen oft hier sein mit Kindergärten und Schulklassen, und ich bin gespannt, wie sich die Lage entwickelt, ob der Biber dauerhaft bleibt. Hier sind in der Regel viele Menschen unterwegs, lässt er sich davon stören? Und wenn sich die Wetterlage ähnlich entwickelt wie in den letzten Sommern, dann bleibt vom jetzt sprudelnden Bach nicht viel übrig, er ist oft trockengefallen. Spätestens dann muss der Biber sich einen neuen Lebensraum suchen. Doch im Moment ist er da und hinterlässt seine unübersehbaren Spuren, spannende Beobachtungen sind möglich.
Gegenüber vom Beverbach auf der großen Wiese steht seit vielen Jahren ein hohes Holzgestell auf drei Beinen, mehrere Meter hoch, obendrauf eine runde Plattform, aus Holz gebaut. Der Wieseneigentümer hofft, damit einen oder am besten zwei Störche zum Bleiben zu bewegen. Ach wäre das schön, wenn hier Adebar heimisch werden könnte. Die feuchte Wiese, der angrenzende Bach, der Waldrand bieten sicherlich jede Menge nahrhafte Storchennahrung, Heuschrecken, Frösche, Schnecken, Grashüpfer und andere Leckerbissen. Und als ich an besagtem Morgen unterwegs bin und auf meine Gruppe warte, lässt sich tatsächlich ein Storch auf der Plattform nieder und inspiziert die Nistmöglichkeit. Daumen drücken, vielleicht können wir hier bald einmal ein Storchenpaar und seine Jungen beobachten.

Anders als in den vergangenen Jahren hat es in den letzten Monaten viel geregnet. Sehr viel sogar. Für uns Menschen war das nicht immer schön, aber die Natur hat lange auf Wasser gewartet, den Bäumen, den Pflanzen und den Tieren hat das viele Wasser richtig gutgetan. Viele Wasserstellen, Teiche, Tümpel und tiefe Fahrspuren sind voll mit Wasser. Und Frösche, Kröten und Molche, die in solchen Gewässern ihre Eier, ihren Laich, ablegen, laufen vielleicht in diesem Jahr hoffentlich nicht Gefahr, dass der komplette Nachwuchs vertrocknet, bevor die Jungen vollständig entwickelt sind. Das ist leider in den letzten Sommern immer wieder passiert, vielleicht auch ein Grund dafür, dass es in diesem Jahr anscheinend deutlich weniger Kröten und Frösche auf ihrer Wanderung zu beobachten gibt.
Zurück zu den schönen Beobachtungen, den besonderen Erlebnissen auf diesem Frühlingsausflug.
Lautstarkes Klopfen allenthalben. Die Spechte haben richtig viel Arbeit. Warum hämmert der Specht so wild auf den Baumstämmen, auf frischem und abgestorbenem Holz herum? Spechte klopfen gegen Baumstämme, um Futter zu finden, um ihre Nesthöhlen zu bauen, ihr Revier zu markieren und zum Flirten, also um Kontakt zum anderen Geschlecht aufzunehmen. Viele Gründe, um bis zu 12.000-mal am Tag gegen einen Baumstamm zu hämmern. Hier bei uns im Wald ist es oft der Buntspecht, selten der Schwarzspecht.
Still sein im Wald, auch immer wieder ein schönes Erlebnis. Im Kreis sitzen, die Augen schließen, schafft ihr das? Vielleicht eine, vielleicht zwei Minuten lang? Erstaunlich, was wir dann alles wahrnehmen, was wir für Geräusche hören, Rascheln, Knistern, Rauschen, Knacken … und jetzt im Frühling natürlich Vogelstimmen. Manche davon können wir gut erkennen, Rotkehlchen, Buchfink, Zaunkönig, Amseln und viele andere. Im Frühling singen die Männchen besonders lautstark. Was ist der Grund dafür? Der Vogelgesang ist hauptsächlich zur Brutzeit zu hören, denn er dient der Absteckung eines Reviers sowie der Anlockung eines Brutpartners. Bei den meisten Vögeln singen nur die Männchen, die sich durch ein erkämpftes Revier und einen ausdrucksstarken Gesang die Gunst eines Weibchens erhoffen. Toll, wie das funktioniert. Ob das bei uns Menschen auch klappen könnte? Ich zweifle, ob ich eine Partnerin gefunden hätte, wenn ich es nur mit Gesang versucht hätte.
Seid bitte nochmal still! Was ist das dort oben? Wer trompetet denn da so ausdauernd? Es sind Kraniche auf ihrer langen Reise vom Winterquartier am Mittelmeer zurück in ihre Sommerquartiere im Norden, Skandinavien, Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg. Oder sind es vielleicht Gänse? Nein, es ist gut zu erkennen, Kraniche haben lange Beine, die im Gegensatz zu denen der Gänse im Flug über die Schwanzfedern hinausragen.
Gänse und Kraniche fliegen in V-Formation, um Kraft zu sparen. Die Leitvögel an der Spitze erzeugen mit ihrem Flügelschlag einen Sog, der die Nachzügler mitzieht. Da die Führungsposition auf langen Strecken zu anstrengend wird, wird der Leitvogel immer wieder von anderen Vögeln in der Staffel abgelöst.
Heute sehen wir eine große Gruppe, schwer zu zählen, es müssen ungefähr einhundert Tiere sein. Der Kranichzug, ein immer wieder berührendes Erlebnis, nicht nur für mich. Und ein untrügliches Zeichen, dass der Frühling kommt und nicht mehr aufzuhalten ist. Liebe Kraniche, wir wünschen euch eine gute Reise.
Unser Waldausflug geht bald zu Ende, wir haben gespielt, gebaut, entdeckt, beobachtet, gefrühstückt natürlich auch.
Jetzt bin ich seit mehr als 23 Jahren als Naturführer und Waldpädagoge unterwegs, annähernd täglich, mit verschiedensten Gruppen, Kindergärten, Schulen, Familien, gemischten Gruppen. Ich bin nach wie vor begeistert von meinem Beruf, fast jeden Tag unterwegs zu sein im Wald, in der Natur, bei den Pflanzen und Tieren unserer Umgebung. Und es gibt so unendlich viel zu entdecken, jeden Tag neue Überraschungen und Begegnungen.
Was ich nie verstehen werde, die Zeit vergeht im Wald offensichtlich schneller als anderswo. Ich treffe eine Gruppe, erzähle, dass wir drei Stunden Zeit haben. Drei Stunden, das hört sich so lang an. Dann sind wir unterwegs, und eh man sich versieht, sind die drei Stunden schon vorbei. Können wir nicht länger bleiben? Können wir nicht morgen wieder mit dir in den Wald? Diese Fragen höre ich am Ende oft. Und freue mich darüber. Ich möchte Neugier wecken, den Blick schulen für die Wunder in unserer Mitwelt. Das hat auch heute am Beverbach wieder geklappt, Ziel erreicht …
Also los, wetterfest anziehen, was auch immer das heißt, feste Schuhe, Picknick eingepackt, und einem tollen Ausflug in die Natur steht nichts mehr im Wege. Im Aachener Wald, im Hohen Venn, in der Eifel. Das Gute liegt ganz in der Nähe und die Abenteuer warten nur auf euch.
Das für heute, einen wunderbaren Frühling wünscht euer Waldmeister Michael Zobel
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