Wer kennt das nicht: Es gibt einen Wunsch, schon ganz lange. Aber immer heißt es dann „machen wir bald mal“, „oje, jetzt hat es wieder nicht geklappt“, „holen wir aber schnell nach“ … Genau so war das bei mir und meiner Freundin mit dem Wunsch, einmal Hirsche bei der Brunft zu erleben, zu sehen und zu hören.
Herbst 2023, jetzt sollte es endlich so weit sein. Evas Geburtstag im August, diesmal gab es sogar einen Gutschein für diese Aktion, auf einer Postkarte, mit Hirschen vorne drauf. September, Anfang Oktober, jetzt wurde es aber Zeit. Aber wohin eigentlich am besten? Zum Glück habe ich diverse Bekannte, die sich gut in der Natur auskennen, und so hab ich Ursula Wawra gefragt, viele kennen sie vielleicht als überaus kompetente Naturführerin. Von ihr kam der Tipp „Fahrt doch mal nach Dreiborn, das könnte sich lohnen“ …
Dreiborn, wo um alles in der Welt ist das denn? Ach ja, oben im Nationalpark Eifel, vom Rursee aus bergauf, an Vogelsang vorbei, ein wenig später rechts ab. Gar nicht weit weg von Schleiden. Da gibt es tatsächlich eine „Rothirsch-Aussichtsempore“. Klingt gut.
Am Feiertag, 3. Oktober, war es so weit. Nachmittags los, die Expedition begann. Ach wär das schön, wenn wir heute mal einen oder zwei Hirsche sehen würden.
Auf der Webseite des Nationalparks Eifel steht: „In der Nähe von Dreiborn befindet sich die Rothirsch-Aussichtsempore. Dieser besondere Aussichtspunkt verspricht Groß und Klein ein unvergessliches Naturschauspiel, denn von der Empore können Sie Rothirsche beobachten. In den Herbstmonaten – insbesondere im September und Oktober – ist der Rothirsch auf Brautschau: Sein eindrucksvolles Werben (auch Röhren genannt) schallt kilometerweit über Wiesen, Täler und Wälder. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dort die prächtigen Geweihträger zu entdecken.
Während der gesamten Brunftzeit stehen unsere Ranger an der Empore mit fachkundigen Auskünften Rede und Antwort. Mit Fernglas, Sitzkissen und warmer Kleidung sind Sie bestens gerüstet!“
(Link: nrw-tourismus.de/a-rothirsch-aussichtsempore-im-nationalpark-eifel)
Wissenswertes über Rothirsche
Bis zu diesem Tag hatte ich in freier Wildbahn ein einziges Mal drei Hirschkühe gesehen, die drei und ich bekamen einen gehörigen Schreck, als wir uns bei einer Wanderung im Hohen Venn begegneten. Schon damals war ich beeindruckt von der Größe dieser Tiere.
Rothirsche sind unsere größten heimischen Säugetiere. Schulterhöhe bis 1,50 Meter, Gewicht von 120 bis 150 Kilogramm. Nicht umsonst wird der Rothirsch als König der Wälder bezeichnet. Das große Geweih der Männchen sieht aus wie eine Krone.
Hirsche bilden eine große Familie innerhalb der Säugetiere. Die Bedeutung des lateinischen Namens „Cervidae“ ist „Geweihträger“. Es gibt über 50 Arten von Hirschen auf der Welt. Der Rothirsch, der Damhirsch, das Reh, das Rentier und der Elch gehören zu dieser Familie und kommen auch in Europa vor. Hirsche gibt es auch in Asien, in Nord- und Südamerika. Sogar in Afrika gibt es eine einzige Hirsch-Art, das ist der Berberhirsch. Wer im deutschen Sprachraum vom Hirsch spricht, meint meist den Rothirsch. Der größte und schwerste Hirsch ist der Elch. Der kleinste ist der Südpudu in den Bergen Südamerikas, er ist etwa so groß wie ein kleiner Hund.
Das Geweih ist so etwas wie das Markenzeichen der Hirsche. Es besteht aus Knochen und hat Verzweigungen. Junge Hirsche haben noch kein Geweih. Sie sind auch noch nicht reif, für Nachwuchs zu sorgen. Die erwachsenen Hirsche verlieren ihr Geweih nach der Paarung. Seine Blutversorgung wird nämlich eingestellt. Es stirbt dann ab und wächst neu nach. Das muss schnell gehen, denn in weniger als einem Jahr brauchen die Hirsch-Männchen das Geweih wieder für den Kampf um die besten Weibchen. Von Jahr zu Jahr wird das Geweih größer. Es wiegt etwa sechs Kilogramm, bei sehr alten Hirschen sogar 15 bis 25 Kilogramm. Ein Kilogramm ist so viel wie ein Paket Milch. Das Geweih kann also ganz schön schwer werden.
Das Fell der Hirsche ist im Sommer leuchtend rotbraun und im Winter graubraun. Die männlichen Rothirsche sind deutlich größer als die weiblichen Hirschkühe. Viele Menschen glauben, der Hirsch wäre der „Mann“ vom Reh. Das ist nicht richtig. Der Hirsch ist deutlich größer als der Rehbock und man erkennt ihn am großen, verzweigten Geweih. Hirsche und Hirschkühe leben in unterschiedlichen Rudeln. Erst im Herbst suchen die Hirsche die Rudel der Weibchen auf. Die Hirsche sind tagsüber aktiv. Der Hirsch ist ein Vegetarier und ernährt sich von Eicheln, Kastanien, Gräsern, Rüben, Kartoffeln, Trieben, Blättern und Nadeln.
Jetzt im Herbst ist Paarungszeit. Während der Hirschbrunft begleitet ein Hirsch eine Gruppe Hirschkühe. Er versucht, andere Hirsche durch laute Brunftschreie von den Kühen fernzuhalten. Wenn sie sich dadurch nicht einschüchtern lassen, gibt es einen Kampf. Sie stoßen ihre Geweihe dann gegeneinander, bis einer aufgibt und flüchtet. Das kann Stunden dauern. Nach der Paarung gehen Hirschbock und Hirschkuh wieder getrennte Wege.
Im Mai werden dann die Jungtiere, die Hirschkälber, geboren. Sie haben bei der Geburt weiße Flecken, die im September wieder verschwinden. Etwa ein halbes Jahr werden sie von der Mutter gesäugt. Die männlichen Jungtiere schließen sich dann anderen Junghirschen an und die weiblichen ziehen meistens mit ihrer Mutter im Rudel weiter.
Rothirsche kommen in Deutschland nur noch in einzelnen Waldgebieten vor und werden in freier Wildbahn bis zu 15 Jahre alt. Sie haben in Europa kaum natürliche Feinde.
Zurück zum Ausflug …
Zurück zu unserem Ausflug nach Dreiborn. Das Auto abgestellt, warme Sachen angezogen, dann der ausgeschilderte Fußweg bis zur Aussichtsplattform. Dabei handelt es sich um eine große Holzhütte, Dach, Sitzbänke, große Panoramafenster, mit einem großartigen Rundumblick über die Dreiborner Hochebene. Einige Menschen waren schon da, ausgerüstet mit Ferngläsern und Spektiven.
Und was es dann zu sehen gab, das hatte ich beim besten Willen nicht erwartet. Zwei oder drei Hirsche? Von wegen! Ohne Übertreibung, es waren weit mehr als 100 Tiere. Über die ganze Hochebene verteilt immer wieder große Gruppen, in der Mitte ein beeindruckender großer Hirsch. Und rundherum sein ganzer Harem, oft zwanzig oder mehr Hirschkühe. Im Abstand von wenigen hundert Metern die nächste Gruppe, wieder ein großer Hirsch mit vielen Kühen und Kälbern.
Warum sind wir eigentlich gerade jetzt, Anfang Oktober, hierhin gefahren? Ganz einfach, im Herbst, im September und im Oktober, ist Paarungs- oder Brunftzeit bei den Hirschen, da gibt es am meisten zu sehen. Und zu hören. Manchmal wird es richtig laut. Die Männchen lassen ihre lauten, röhrenden Rufe hören. Damit wollen sie den anderen Hirschen sagen: „Dieses Revier gehört mir!“ Außerdem locken sie mit ihren Rufen die Weibchen an. Die Brunftzeit bedeutet für die Hirsch-Männer Stress. Sie fressen kaum, oft kommt es zu Kämpfen zwischen zwei Männchen. Mit gegeneinander gedrückten Geweihen testen sie, wer der Stärkere ist. Der Sieger schart schließlich ein ganzes Rudel von Hirschkühen um sich. Die schwächeren Hirsche bleiben ohne Weibchen.
Das dauert etwa einen Monat, dann herrscht wieder Ruhe, und knapp acht Monate nach der Paarung kommen die Jungen zur Welt, meist ist es eines, ganz selten sind es zwei. Ihr Fell ist hell gefleckt und sie wiegen elf bis 14 Kilogramm. Schon nach ein paar Stunden können sie auf wackeligen Beinen der Mutter folgen. In den ersten Monaten werden sie gesäugt und bleiben meist bei ihr, bis das nächste Kalb geboren wird. Erst mit zwei oder drei Jahren sind Hirsche erwachsen und geschlechtsreif. Ganz ausgewachsen sind sie mit vier Jahren.
Als es dunkel wird und es nichts mehr zu sehen gibt, machen wir uns auf den Rückweg. Wir sind begeistert von unserem Ausflug, von dem Erlebten, von den vielen Hirschen. Und beschließen, bald wiederzukommen.
Auf der Webseite des Nationalparks steht: „Nicht nur während der Brunft ist die Aussichtsempore einen Besuch wert: Mit etwas Glück können Sie auf der Dreiborner Hochfläche das ganze Jahr über Rothirsche beobachten.“
Das war’s für heute, ich wünsche eine tolle Zeit mit vielen schönen Erlebnissen und Begegnungen in der Natur.
Euer Waldmeister
Michael Zobel
Redaktioneller Hinweis: Der Nationalpark Eifel weist darauf hin, dass es an der Empore teilweise recht voll sein kann.
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