Anfang März 2023, ich schaue aus dem Fenster, und was sehe ich da? Regen mit Schneeflocken vermischt, ja geht’s denn noch? Meine Naturführer-Hochsaison beginnt in diesen Tagen, und dafür möchte ich endlich den passenden Frühling, warme Temperaturen, Sonne. Schließlich steht der Frühlingsanfang ja auch in meinem Kalender, 1. März (meteorologischer Frühlingsbeginn, 21. März kalendarischer), dann kann er sich gefälligst auch dran halten.
Im Netz finde ich gerade: „Im Westen scheint der März vor allem eines zu werden: Nass! Erst ganz am Ende des Monats trocknet es mal ein wenig ab. Dabei bleiben die Temperaturen in weiten Teilen auch einstellig. Im letzten März-Drittel geht es dann endlich mal über die 15 Grad und vielleicht kratzen wir an der 20. Doch dann wird es wieder kalt. Und der Blick auf Ostern zeigt auch im Westen: Das wird eine frische Eiersuche bei –4 bis 4 Grad.
Was soll ich nun von diesen Vorhersagen halten? Ich besitze kein Smartphone, nur ein altes Klapphandy. Deshalb kann ich auch nicht nach irgendwelchen Wetter-Apps schauen, die mir sagen, wie das Wetter sich wohl entwickelt. Einfach aus dem Fenster schauen oder vor die Haustüre gehen, das ist immer noch viel verlässlicher als vage Wetterberichte.
Also, los geht’s, wetterfest anziehen, ich gehe raus und schaue mir die Natur an, auf der Suche nach dem Frühling. Und tatsächlich, man muss nur genau hinsehen, um die ersten Frühlingsboten zu finden: Die Haselnusssträucher blühen. Was wir vor allem sehen, sind die männlichen Blüten, die vier bis acht Zentimeter langen hängenden Kätzchen. Die weibliche Blüte ist rot, klein und unscheinbar; sie gleicht einer Knospe, aus der rote Narben heraushängen.

Weitersuchen. Da am Wegrand sind gelbe Blüten, nah am Boden, ist das schon der Löwenzahn? Falsch, oft verwechselt, hier handelt es sich um eine Blume mit dem lustigen Namen Huflattich. Lateinisch Tussilago farfara. Der Huflattich gehört zu den ersten Frühjahrsblumen, deren Blüten vor der Entwicklung der Laubblätter erscheinen. Er war die Heilpflanze des Jahres 1994.
Im Internet (pflanzen-deutschland.de/Tussilago_farfara.html) erfahre ich: „Die Blütezeit erstreckt sich von Februar bis April. Der Huflattich gehört somit zu den ersten Frühjahrsblumen und wird von Bienen, Käfern und Schwebfliegen bestäubt. Auch Selbstbestäubung kommt vor. Die Samenverbreitung erfolgt (wie beim Gewöhnlichen Löwenzahn) durch Schirmflieger über den Wind. Auch über Klettausbreitung und Ameisen werden die Samen weitergetragen.“

Zwischendurch mal innehalten. Und die Ohren aufsperren. Was klopft denn da so lautstark? Irgendwas hämmert gegen Äste und Stämme. Richtig, da hat ein Specht echte Frühlingsgefühle, das „tock-tock-tock“ ist im Wald nicht zu überhören. Aber warum klopft der Specht? Macht er dabei Musik oder schlägt er Löcher in die Bäume? Bei der Nahrungssuche hackt der Specht Splitter aus der Baumrinde. In den Löchern sucht er nach Insekten oder Larven.
Spechte klopfen auch, um ihr Revier abzugrenzen – mehrere Kilometer weit kann man sie hören. Ein Rivale wird sich genau überlegen, ob er in das bereits besetzte Revier eindringen soll. Mit dem Klopfen lockt ein Spechtmännchen Weibchen an. Deshalb klopfen Spechte am fleißigsten während des Nestbaus.
Meine Frühlingssuche geht weiter. Ich erreiche einen kleinen Teich. Was ist das denn für ein Glibber? Sieht aus wie angespülte Quallen an der Nordseeküste. Und was sind das für kleine schwarze Punkte in diesen Labberdingern? Es ist Froschlaich. Und aus den schwarzen Punkten werden bald Kaulquappen.
Frösche legen ihre Eier im Frühling – je nach Froschart zu unterschiedlichen Zeiten, vom Ende des Winters bis zum Ende des Frühlings. Das Faszinierende am Froschlaich ist, dass wir durch die durchsichtige Eihülle das Wachsen und Bewegen in den Eiern sehen können. Jetzt finden wir Froschlaich in vielen Gewässern, doch später und starker Frost kann auch einen Teil der Eier absterben lassen. Auch Austrocknen des Laichs kann zur Gefahr werden. Der Grasfrosch beispielsweise legt seine Eier bevorzugt in flache Teile eines Gewässers, da sich diese stärker erwärmen. Wenn nun der Wasserspiegel sinkt, fällt der Laich trocken und stirbt ab.
Eine ungefähre Faustregel besagt, dass von 1.000 Eiern sich rund die Hälfte zu Kaulquappen entwickelt. Davon entsteigen rund 50 Tiere dem Wasser nach der Metamorphose. Am Schluss erreicht etwa ein Frosch die Geschlechtsreife.
Jetzt hatten wir schon Frühling sehen, Frühling hören; können wir den Frühling auch essen? Ja klar, nicht so richtig, aber wer sich gut auskennt, kann auch in den Wald gehen und was zum Essen sammeln. Es gibt vielerlei Kräuter und Früchte, die unseren Speisezettel bereichern können. Einer meiner persönlichen Favoriten ist der Bärlauch, lateinischer Name: Allium ursinum.
Der lateinische Name setzt sich aus allium für Lauch und ursus für Bär zusammen. Für Bären ist die Pflanze eine erste Nahrung nach dem Winterschlaf. Der deutsche Name leitet sich von dieser Vorliebe ab. Die Bären sind bei uns schon lange nicht mehr da. Also kann ich den Bärlauch pflücken, ohne Meister Petz etwas wegzunehmen.
Der Bärlauch ist gesund, würzig und schmeckt nach Knoblauch, ohne dass man anschließend danach riecht. Bärlauch hat einen kurzen, aber dafür intensiven Auftritt: Ab März wagen sich die Blätter aus dem Boden, im April zeigt Bärlauch Knospen, im Mai blühen die Pflanzen und ziehen sich ab Juni wieder in den Boden zurück. Bärlauch wächst aus einer schmalen Zwiebel, wird 30 Zentimeter hoch und bildet in feuchten Laubwäldern mit nährstoffreichen Böden Großbestände, auch im Dreiländereck gibt es gute Stellen zum Sammeln.
Ihr könnt Bärlauch für den Eigenbedarf im Wald sammeln, solange dort kein Naturschutzgebiet ist oder die Fläche als Naturdenkmal ausgewiesen ist – dann ist die Ernte verboten.
Die erste und wichtigste Regel: Nur das sammeln, was du zu 100 Prozent bestimmen kannst. Denn auch in der heimischen Flora und Fauna wachsen hochgiftige Pflanzen wie der Aronstab.
Huflattich, Spechte, Froschlaich, Bärlauch, die Liste der aktuellen Frühlingsboten wird länger. Und damit steigt auch die Hoffnung auf das passende Wetter. Vielleicht noch eine Wettervorhersage gefällig? Vielleicht schon für den kommenden Sommer? Dann mal in die alten Bauernweisheiten schauen, da ist immer was dabei: Blüht die Esche vor der Eiche, gibt es eine große Bleiche (= trockener Sommer), blüht die Eiche vor der Esche, gibt es eine große Wäsche (= verregneter Sommer).
Am sichersten ist und bleibt aber: Kräht der Hahn dort auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt, wie es ist.
In diesem Sinne, ich wünsche allerseits einen schönen Frühling mit vielen Naturerlebnissen.
Viel Spaß bei den Entdeckungstouren
Der Waldmeister Michael Zobel
(Den Text findet ihr auch in unserer aktuellen Ausgabe, die am 28.03. erscheint!)
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