Von Milch und Zähnen: Belastungsproben fürs Kindergebiss

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Weihnachten naht, die Zeit der Printen, Schokonikoläuse, Vanillekipferl und Lebkuchen. Für uns ein Anlass zur Freude, für unsere Zähne ein Grund, um ihre Gesundheit zu fürchten – denn die beliebten Leckereien sind allesamt Zuckerbomben.

Naschen – aber richtig!

In keiner anderen Jahreszeit werden vergleichbar große Mengen an zahnschädlichem Süßkram verzehrt. Aber Verzicht ist natürlich auch keine Lösung, also müssen andere Strategien her, um die Beißer vor den Angriffen von Karius und Baktus zu schützen. Wie aber nascht man „richtig“? Kinderzahnärztin Dr. Katharina Kaul hat eine Antwort, die manche kleine und große Süßwarenfreunde angenehm überraschen wird: „Möglichst viel auf einmal!“ Das Problem – zumindest aus zahnärztlicher Sicht – ist nämlich gar nicht die verzehrte Zuckermenge, sondern die „Naschfrequenz“. Jedes Mal, wenn die Zähne in Kontakt mit kohlenhydrathaltigen Speisen oder Getränken kommen, treten die Bakterien im Mund in Aktion und verstoffwechseln Zucker und Stärke zu Säure. Die wiederum sorgt dafür, dass Mineralien aus dem Zahnschmelz gelöst werden; der Zahnschmelz wird hierdurch angegriffen. Eigentlich ein ganz normaler Prozess, mit dem unsere Zähne zurechtkommen können. Der Speichel neutralisiert die Säuren wieder, und die in ihm enthaltenen Mineralien „reparieren“ den Zahnschmelz. Voraussetzung dafür, dass dieser Prozess funktioniert, ist jedoch erstens, dass keine Störungen wie eingeschränkter Speichelfluss oder schon vorhandene Karies vorliegen, und zweitens, dass das System „Mund“ genügend Zeit zwischen den Mahlzeiten bekommt, um sich selbst zu helfen. Gerade das erfordert angesichts der ständig in Griffweite stehenden Weihnachtsteller und gut gefüllten Keksdosen erhöhte Disziplin: „Lieber einmal richtig zulangen und dann ein paar Stunden die Finger davonlassen, als beim Hausaufgabenmachen oder Computerspielen nach und nach die Gummibärchentüte zu leeren“, rät Katharina Kaul. Und das betrifft nicht nur Süßes: Herzhafte Knabbereien enthalten zwar nicht so viel Zucker, die Kohlenhydrate aus Kartoffeln, Weizen und Co. werden aber von den Bakterien mit ebenso viel Begeisterung aufgenommen. „Ein ganz großes Problem sind auch zucker- und fruchtsäurehaltige Getränke“, ergänzt Katharina Kaul, „darunter auch die beliebten Schorlen. Dass Limonaden schädlich für die Zähne sind, wissen viele inzwischen, aber Fruchtsaftschorlen gelten immer noch als unbedenklich. Eltern geben ihren Kindern deshalb oft in größeren Mengen Apfelsaftschorle oder dergleichen mit in die Schule und in den Kindergarten. Natürlich sind Schorlen aus ernährungsphysiologischer Sicht viel besser als Limo, aber die Zähne greifen sie trotzdem an. Wer Saft mag, sollte ihn deshalb lieber zügig auf einmal trinken, am besten zum Essen, wenn die Zähne ohnehin in Kontakt mit Lebensmitteln kommen. Danach sollte man aber auf Mineralwasser umsteigen.“ Die Zähne dürfen übrigens entgegen der landläufigen Meinung direkt nach dem Verzehr von saurem Obst oder Saft geputzt werden: „Man dachte eine Zeit lang, es würde die Zähne weniger belasten, wenn man eine halbe Stunde wartet vor dem Putzen. Die Säuren neutralisieren sich dann auch tatsächlich, aber die kohlenhydrathaltigen Ablagerungen bleiben so auch länger auf den Zähnen, und die werden von den Kariesbakterien wieder zu Säuren umgebaut. Man gewinnt also nicht viel, und das Putzen wird dann schnell mal vergessen.“

Wie massiv die Schäden an Kinderzähnen durch falsche Getränkegabe werden können, sehen Katharina Kaul und ihre Kollegen täglich in ihren Praxen. Die jüngsten Patienten haben das erste Lebensjahr noch nicht vollendet, leiden aber schon unter der sogenannten „Flaschenkaries“. Schätzungsweise 10 bis 15 % der Kleinkinder sind davon betroffen; damit ist die frühkindliche Karies die häufigste chronische Erkrankung bei Kleinkindern. „Auch wenn sich die Zahngesundheit in Deutschland in den letzten Jahrzehnten insgesamt gebessert hat, verzeichnen wir bei der Flaschenkaries leider sogar eine leichte Zunahme. Immer noch geben viele Eltern ihren Babys und Kleinkindern Milch, Kakao, gesüßte Tees oder eben Schorlen in Nuckelflaschen zum Einschlafen mit ins Bett. Natürlich beruhigt das die Kinder, vor allem, wenn sie sich einmal daran gewöhnt haben, aber die Schäden an den Zähnen sind enorm“, erzählt Katharina Kaul. Die Eltern meinen es gut, und sicherlich sind Einschlafrituale für die meisten Kinder wichtig, aber die negativen Folgen dieses speziellen Rituals sind gravierend: „Die Kinder schlafen mit dem letzten Schluck Milch oder Limonade im Mund ein, so dass die Zähne über Stunden darin baden. Wir sehen hier schon Einjährige mit völlig zerstörtem Gebiss, oft müssen wir dann sogar mehrere Zähne auf einmal entfernen und Prothesen einsetzen.“ Eltern tun ihren Kindern also auf lange Sicht einen Gefallen, wenn sie ihnen von Anfang an nur Wasser oder ungesüßten Tee in die Nuckelflasche füllen; daran gewöhnen sich die Kinder ebenso gut. Denn auch wenn Kinderzahnärzte nicht mehr viel mit den rabiaten Gruselgestalten aus der Vorstellung von Zahnarztphobikern gemeinsam haben, sind Kariesbehandlungen und das Ziehen von Zähnen kein Zuckerschlecken. Oft ist eine Vollnarkose notwendig, damit der Eingriff bei Kleinkindern überhaupt durchgeführt werden kann. Abgesehen davon leiden die kleinen Patienten vor der notwendig gewordenen Behandlung oftmals über einen längeren Zeitraum unter Schmerzen, Entzündungen, Beeinträchtigungen beim Kauen oder Problemen beim Sprechen. Und wem das als Grund für sorgfältige Mundhygiene noch nicht reicht: Hochwertiger Zahnersatz und Sondertherapien müssen auch bei Kindern aus eigener Tasche finanziert werden. Hier kommen schnell empfindliche Summen zusammen, denn wie bei Erwachsenen übernimmt die Krankenkasse auch bei Kindern nur die Basisversorgung. Herausnehmbare Prothesen (ähnlich einer Zahnspange) werden erst auf Antrag und mit Zuzahlung bewilligt; ästhetisch ansprechenderen festen Zahnersatz, der von den Kindern in der Regel auch als weniger störend empfunden wird, müssen die Eltern komplett selbst zahlen.

Am schlechtesten ist nicht putzen.

Das Zauberwort heiß „Prophylaxe“, denn ob es überhaupt zu schlimmen Schäden kommt, können die Eltern und Kinder maßgeblich beeinflussen. Neben den Erholungspausen für die Zähne nachts und zwischen den Mahlzeiten ist natürlich regelmäßiges Zähneputzen am wichtigsten. Durch die mechanische Bürstenreinigung werden Beläge entfernt, die den Kariesbakterien als Nährboden dienen, außerdem neutralisieren die Inhaltsstoffe der Zahncreme Säuren und tragen zur Remineralisierung des Zahnschmelzes bei. Vorzugsweise wird nach jeder Mahlzeit geputzt, mindestens aber morgens und abends. Zwischendurch helfen bei älteren Kindern und Erwachsenen auch Zahlpflegekaugummis dabei, das Säureniveau zu senken: „Vor allem Kaugummis mit Xylit sind gut“, erklärt Katharina Kaul. „Das ist eigentlich ein Süßstoff, und die Bakterien fallen genauso auf den süßen Geschmack herein wie wir. Sie nehmen den Stoff auf, können ihn aber anders als Zucker nicht verarbeiten und scheiden ihn unverändert wieder aus. Die Bakterien verhungern praktisch beim Essen.“ Das Putzen ersetzen die Kaugummis aber nicht. Je früher das Zähneputzen für Kinder zur Selbstverständlichkeit wird, desto besser. Und auch wenn sich die Lehrmeinungen zum richtigen Putzwinkel, der optimalen Bürste und den günstigsten Uhrzeiten für die Zahnreinigung alle paar Jahre ändern, eines steht fest: Am schlechtesten ist nicht putzen. „Mit jeder Zahnbürste kann man die Zähne ordentlich reinigen, wenn man gelernt hat, wie es geht. Die tollste Zahnbürste bringt nichts, wenn das Kind sie ablehnt“, stellt Katharina Kaul pragmatisch fest. „Wenn beide Varianten von den Kindern angenommen werden, empfehlen wir Eltern, abends eine Elektrozahnbürste zu verwenden, weil es gerade bei den ganz Kleinen damit oft einfacher ist, gründlich zu putzen. Morgens ist dann die Handzahnbürste dran, damit die Kinder die nötigen motorischen Fähigkeiten entwickeln.“ Als Faustregel gilt, dass Kinder, die noch nicht in der Schule sind, die Assistenz der Eltern beim Zähneputzen benötigen. Bei Schulkindern sind dann im Normalfall Motorik und Pflichtbewusstsein so gut entwickelt, dass sie auf eigene Faust putzen können. Im besten Fall haben die Kinder das Gefühl, dass ihnen etwas fehlt, wenn sie die Zähne nicht putzen. Dazu brauchen sie aber neben ausreichender Routine auch gute Vorbilder. Die passende Technik lernen Kinder bei den halbjährlichen Kontrolluntersuchungen beim Zahnarzt. Allerdings werden diese erst ab sechs Jahren von den Kassen übernommen/empfohlen – im Grunde schon zu spät. Erstens haben sich in diesem Alter unter Umständen längst schlechte Putzgewohnheiten eingeschlichen, die nun mühsam korrigiert werden müssen; zweitens fällt es den Kindern viel leichter, angstfrei die Praxis zu betreten, wenn sie vom ersten Zahn an immer mal wieder Kontakt zu „ihrem“ Zahnarzt oder „ihrer“ Zahnärztin hatten – auch ohne dringende medizinische Notwendigkeit. Das wünscht sich auch Katharina Kaul, die außerdem dafür plädiert, die Versiegelung der Zähne mit einem speziellen Kunststofflack und die professionelle Zahnreinigung schon für Kinder mit Milchgebiss zur Regel zu machen. Unbehandelte Schäden an den Milchzähnen können nämlich durchaus Auswirkungen auf das bleibende Gebiss haben. Kariesbakterien werden zum Beispiel gleich auf die neuen Zähne übertragen; wenn Milchzähne dauerhaft entzündet sind, stören sie die Entwicklung der darunter liegenden Zahnkeime; und auch eine falsche Dosierung von Fluoridpräparaten bei Kleinkindern zeigt sich an den bleibenden Zähnen.

Ansteckung durch die Eltern

Übertragen wird Karies übrigens auch von den Eltern auf die Kinder. Bei der Geburt ist Babys Mund keimfrei – bis ein Elternteil den Schnuller mal kurz im eigenen Mund parkt oder an der Flasche nuckelt, um die Temperatur der Milch zu überprüfen: „Durch das Ablecken des Schnullers werden die Kariesbakterien der Eltern auf das Kind übertragen. Sollte man daher nicht machen!“, stellt Katharina Kaul fest.

Am besten ist es also, wenn Eltern, Kinder und Zahnärzte von Anfang an zusammenarbeiten. Wenn dann doch mal ein Loch entstanden ist und gebohrt werden muss, haben die Kinder bereits Vertrauen in das Praxisteam und lassen sich besser auf die Behandlung ein. Dabei hilft den Behandelnden manchmal ganz banale Medientechnik: „Wir machen sehr gute Erfahrungen mit unseren Fernsehern an der Decke. Wenn Prinzessin Lillifee läuft, entspannen manche Kinder schon so, dass wir sie gut behandeln können“, erzählt Katharina Kaul. Auch auf kleine Angstpatienten und zahnarztunerfahrene Kinder gehen gute Kinderzahnärzte mit Fingerspitzengefühl ein, die Kiste mit hilfreichen Behandlungstechniken ist inzwischen gut gefüllt. „In unserer Praxis haben alle Mitarbeiterinnen Fortbildungen in Verhaltensführung gemacht, so dass wir uns auf Kinder unterschiedlichsten Alters einstellen können. Die Vorgehensweise ist da nämlich sehr verschieden. Bei den ganz Kleinen muss alles ruhig, leise und langsam ablaufen. Wir arbeiten viel mit metaphorischen Geschichten, damit die Kinder den Ablauf verstehen, aber nicht vor dem erschrecken, was wir machen. Bei älteren Kindern ist dann eher Ablenkung gefragt – je mehr Action, desto besser. Wir verwenden dann zum Beispiel die sogenannte Konfusionstechnik: Die Helferinnen und ich erzählen uns bei der Behandlung völlig wirres Zeug. Die Kinder sind meistens so damit beschäftigt, den Sinn in den absurden Gesprächen zu erkennen, dass sie fast vergessen, was in ihrem Mund passiert.“ Sprüche wie „Ich mach gar nix, ich guck nur“ oder „Tut gar nicht weh“ sind jedoch absolut tabu, wenn doch gerade ein unangenehmer Eingriff erfolgen soll. Die Patienten – egal wie alt sie sind – müssen stets das Gefühl haben, die Kontrolle über das Geschehen zu behalten: „Wir vereinbaren mit unseren Patienten ein Stoppsignal, und das beachten wir unter allen Umständen – auch wenn es für den Behandlungsablauf gerade ungünstig ist. Die Kinder testen das manchmal auch, wenn noch gar nichts passiert, damit sie sich sicher fühlen.“ Und für die ganz Ängstlichen gibt es auch schon mal eine Dosis Lachgas: „Unter Lachgas bleiben die Patienten bei vollem Bewusstsein, aber es beruhigt und senkt die Schmerzempfindlichkeit; so, als würde man ein paar Gläser Rotwein trinken. Dabei ist es ungiftig und wird sofort vollständig ausgeatmet, wenn die Atemmaske abgesetzt wird. Und einen Kater verursacht es auch nicht“, ergänzt Katharina Kaul.

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