Transsexualität – nur eine Phase? Interview mit Justin

in Von und für Jugendliche

Transsexualität, was ist das?

Transsexualität ist das Gefühl, im falschen Körper geboren zu sein, das angeborene Geschlecht passt nicht zum eigenen Empfinden. Transsexualität ist aber nicht gleich eine sexuelle Orientierung, wie es viele durch das Wort denken. Transsexuelle können durchaus schwul, lesbisch oder bi sein.
Transsexualität kommt bei beiden Geschlechtern vor. Männer, die sich in ihrem weiblichen Körper nicht wohlfühlen und etwas daran ändern möchten, nennt man Frau-zu-Mann-Transsexuelle (FzM oder auch FtM). Das Gegenstück dazu sind Mann-zu-Frau-Transsexuelle (MzF, auch MtF). Betroffene fühlen sich unvollständig, (und werden) oft missverstanden und abgelehnt. Zu der eh schon schweren Zeit im falschen Körper kommen oft unangenehme Kommentare, Blicke und, vor allem bei Jugendlichen, fehlende Unterstützung der Familie.
Viele Menschen sind der Meinung, dass dieses Gefühl schon irgendwann verschwinden würde, dass das nur eine Phase ist. Neuerdings wird sogar davon gesprochen, dass Transsexualität doch bloß eine Trenderscheinung sei. So werden wirklich unglückliche Menschen oft überhört.

Kampf gegen die Unzufriedenheit – was für Möglichkeiten gibt es?

Viele Menschen verbinden mit Transsexualität immer eine direkte Geschlechtsanpassung (vermeintlich Geschlechtsumwandlung). Für viele transsexuelle Menschen läuft es zwar darauf hinaus, doch vorerst gibt es auch andere Wege, sich ein Stück wohler zu fühlen. Transsexuelle Menschen können sich bestimmte Hormone verabreichen lassen, die körperliche Merkmale verändern können. Auf dem Weg aus dem weiblichen Körper ist dieses Hormon das Testos-teron. Es sorgt für Bartwuchs und eine tiefere Stimme. Außerdem setzt die Menstruation aus. Nach ein bis zwei Jahren Einnahme haben sich Muskelmasse und Kraft um einiges erweitert. Nebenher gibt es sogenannte Binder, die, wie der Name schon sagt, die Brust abbinden. Durch eine Gewebeentnahme kann man die Brust auch langfristig operativ entfernen lassen.
Wer auch körperlich eine vollständige Frau sein möchte, bekommt bei einer Hormontherapie Estradiol, ein sehr wirksames Östrogen, verabreicht. Es führt dazu, dass die Brust anfängt zu wachsen, die Muskelmasse abnimmt und die Fettverteilung einsetzt.

Wie fühlt sich das an?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, habe ich Justin (16), einen Freund von mir, der betroffen ist, um ein kleines Interview gebeten. Man muss jedoch bedenken, dass jeder seinen eigenen individuellen Weg geht, das hier ist seiner.

Wann und wie hast du festgestellt, dass du transsexuell bist?
Ich wusste schon immer, dass irgendetwas anders ist mit mir. Ich habe nie Kleider getragen und auch nur mit Spielzeugautos usw. gespielt, aber ich wusste nicht genau, was los ist. Mit ungefähr neun Jahren habe ich mein erstes Handy bekommen und bei YouTube „Ich glaube, ich bin ein Junge“ eingegeben und bin sehr schnell auf Videos von anderen Transsexuellen gestoßen und konnte mich mit ihnen identifizieren.

Steht deine Familie hinter dir und deinen Wünschen?
Ja, sie unterstützen mich, wo sie können. Da ich noch nicht volljährig bin, müssen die Erziehungsberechtigten bei jedem Schritt zustimmen, und das machen sie auch, womit ich echt glücklich bin.

Wie lief dein Outing vor deiner Familie?
Wirklich gut. Sie haben es alle direkt so hingenommen und mich Justin genannt. Nur meine kleine Schwester, sie war zu dem Zeitpunkt sechs Jahre alt, hat es überhaupt nicht verstanden. Aber nachdem man es ihr ein paar Mal gesagt hat, hat sie mich auch Justin genannt.

Wirst du deiner Meinung nach gut betreut und behandelt?
Es geht; nicht sonderlich schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Mein Hausarzt hat sich komplett aus dem Thema Hormontherapie zurückgezogen, was ich schade finde, da ich jetzt immer sehr weit zu meinem Endokrinologen fahren muss. Die Ärztin beim Endokrinologen ist relativ nett zu mir, aber ich habe immer das Gefühl, dass sie mich nicht versteht. Ich habe eine Therapeutin, die mich begleitet, und sie ist sehr verständnisvoll und nett.

Kannst du offen über deine Identität sprechen?
Das Thema ist mir echt unangenehm. Ich möchte nicht, dass Leute in meinem Umfeld es wissen, weshalb ich auch zum Bespiel aufs Schwimmengehen verzichte. Ich möchte als ganz normaler Junge gesehen werden.

Hast du im Laufe der Zeit Selbstbewusstsein dazugewonnen durch Maßnahmen, die du selber treffen konntest?
Ja, das habe ich. Durch die ganze Unterstützung von meiner Familie, aber auch durch den Kauf meines ersten Binders und die Beantragung meines Ergänzungsausweises*. Ich bin immer noch sehr unsicher wegen meiner Stimme. Aber da bald meine Hormontherapie beginnt, wird sich das hoffentlich schnell ändern.
Was fühltest und dachstest du, wenn du früher in den Spiegel sahst, was empfindest du heute?
Früher habe ich immer auf den Boden geguckt, um mich nicht ansehen zu müssen. Ich wusste, das bin niemals ich. Heute kann ich einfach ohne Probleme in den Spiegel gucken und sagen: Das bin ich.

Warst du schon mal in einer Beziehung und wenn ja, wie lief sie?
Ja, war ich. Eigentlich lief sie gut, er hat mich so akzeptiert, wie ich bin. Mehr als küssen ging bei mir jedoch nicht, aber er hat es verstanden und auch nicht gebettelt oder etwas in der Richtung.

Wie nehmen dich andere wahr? Bekommst du oft blöde Kommentare?
In der Schule bekomme ich oft Kommentare wie „Transe“ oder „Mädchen“ und so weiter, weil sich so etwas echt schnell rumspricht. Aber zum Beispiel in Restaurants und anderen Geschäften werde ich mit „Junger Herr“ oder „Junger Mann“ angesprochen, was mir sehr viel Selbstbewusstsein gibt.

Was wünschst du dir für deine Zukunft?
Ich wünsche mir, dass ich meinen Transweg ohne Komplikationen abschließen kann. Das bedeutet erst mal die Hormontherapie mit Testosteron und dann nach und nach alle Operationen, um vollständig ich zu sein.

Was gibst du anderen mit, die einen ähnlichen Weg gehen wie du?
Erstens, ihr dürft niemals aufgeben. Dieser Weg dauert seine Zeit und bringt viele Tränen und Nervenzusammenbrüche mit sich. Egal, was passiert: weiterkämpfen. Ihr schafft das! Und zweitens, vergleicht euren Weg nicht mit anderen. Bei jedem ist es unterschiedlich. Bei den einen dauert es zwei Monate, bis sie zum Beispiel Testosteron bekommen, und bei anderen, inklusive mir, mehrere Jahre. Ihr fühlt euch einfach nur schlecht, wenn ihr euch vergleicht. Und als letztes: Steht über den dummen Kommentaren von Mitschülern und vielleicht sogar eurer Familie! Falls eure Familie euch nicht unterstützt, haltet immer im Kopf, sobald ihr 18 seid, könnt ihr das machen, was ihr wollt. Ich wünsche euch allen viel Glück auf eurem Weg.

* Ein Ergänzungsausweis ist ein staatlich anerkannter Ausweis, auf dem der Wunschname, das Wunschgeschlecht und das dazu passende Pronomen stehen.

Wie kann ich unterstützen?

Wie zeige ich meinen Respekt? Wie vermeide ich, jemanden zu verletzen? Oft wissen viele nicht, wie sie sich mit Transsexuellen unterhalten sollen, da sie sie nicht verletzen wollen. Das wohl Wichtigste zuerst: Transsexuelle sind auch Menschen mit Gefühlen! Transsexuelle sollten nicht in eine Schublade gesteckt werden, jeder ist individuell und geht seinen eigenen Weg. Den Standard gibt es nicht. Die meisten transsexuellen Menschen geben sich einen neuen Namen, der weiblicher bzw. männlicher klingt. Man sollte die Person sowohl mit diesem Namen ansprechen als auch mit dem entsprechenden Pronomen über sie sprechen. Wenn man sich nicht sicher ist, welches Pronomen bevorzugt wird, sollte man einfach den Namen verwenden oder diskret nachfragen. Wer den alten Namen nicht kennt, sollte auch nicht danach fragen. Denn oft beschreibt für transsexuelle Menschen der alte Name die alte Identität, auch wie andere einen bis dahin wahrgenommen haben. Genauso wenig sollte man nach Genitalien fragen, „ob man unten noch vollständig sei“.

Abschließend ist es immer gut, wenn man Transsexuelle spüren lässt, dass es nichts Falsches oder Belastendes ist und dass sie offen mit einem reden können, wenn sie das möchten, man sollte aber nicht aufdringlich werden.

Beratungsstelle in Aachen:
Knutschfleck e. V.
Jakobstraße 161, 52064 Aachen, 0241 34632
knutschfleck-online.de

Text: Christina Gielchen

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