Mit „Tschick“ hat Wolfgang Herrndorf im Jahr 2010 das nostalgische Gefühl von endlosen Sommern, tief verbundener Freundschaft und unendlicher Freiheit auf die Seiten eines Romans gebannt. Im DAS DA THEATER feierte die Geschichte als Jugendstück am 26. Februar Premiere. Ob auch auf der Theaterbühne das Gefühl eines unendlichen Sommers Einzug halten konnte, erfahrt ihr hier.
Die Handlung lässt sich eigentlich in einem Satz zusammenfassen: Zwei ungleiche Jugendliche begeben sich mitten in den Sommerferien auf einen ungeplanten Roadtrip in einem gestohlenen Auto quer durch Deutschland. So einfach, so wundervoll.
Als die beiden Jungen ihre Reise beginnen, kennen sie sich eigentlich kaum. Der 16-jährige Maik (Jan Fritz Meier) kommt aus einem reichen, aber zerrütteten Elternhaus mit einer Alkoholikerin als Mutter und einem fremdgehenden Vater. Der russischstämmige Andrej Tschichatschow, genannt Tschick (Dennis Papst), ist erst vor kurzem in Maiks Klasse gekommen und stammt aus prekären Verhältnissen. Auf ihrer chaotischen Reise treffen die beiden auf einen Haufen von Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, von ehemaligen und aktuellen Widerstandskämpferinnen (Anna van Grootel) über Sprechtherapeutinnen (Sammy-Jo Wooley) bis hin zu dem gleichaltrigen Mädchen Isa (Jenny Friesecke), die auf einer Müllkippe lebt.
Es ist eine Geschichte über Freundschaft, das Erwachsenwerden und das Überwinden von Vorurteilen, aber vor allem auch eine Erinnerung daran, wie spaßig und vielfältig das Leben trotz all seiner Hürden sein kann.
Ebenso wie das Buch wird die Geschichte im Rückblick aus Maiks Perspektive erzählt. Er wendet sich immer wieder direkt ans Publikum, berichtet, was geschehen ist, oder lässt die Zuschauer direkt daran teilhaben, was in einem Moment in seinem Kopf vorgeht. Dies geschieht so ungefiltert, unbeschönigt und ehrlich, als würde man in seinem Tagebuch blättern. Durch den geschickten Einsatz von Licht funktionieren die Übergänge zwischen seinen Erzählungen und den gespielten Szenen vollkommen nahtlos und ohne den Zuschauer aus dem Geschehen zu reißen. Ein einzelner Scheinwerfer auf Maik friert das Geschehen ein und geht wieder in ein warmes, die ganze Bühne erhellendes Licht über, wenn die Szene weitergeht.
Dass das so gut funktioniert, liegt vor allem am Schauspiel von Jan Fritz Meier als Maik. Schützend hochgezogene Schultern, zögerliche Bewegungen und immer wieder eine leichte Verunsicherung in der Stimme machen es einem leicht, in ihm den Teenager zu sehen, der irgendwie versucht, seinen Platz in der Welt zu finden.
Eine Garantie für einen humorvollen Abend
Das Wundervollste an der Inszenierung unter der Leitung von Tom Hirtz ist die Leichtigkeit, die sich durch das Stück zieht. Vor allem die Gespräche zwischen Tschick und Maik wirken absolut aufrichtig und authentisch. Die Inszenierung muss sich nicht bemühen, große Pointen oder Gags aufzubauen, die ehrliche Dynamik zwischen den Jungen genügt bereits, um das Publikum im Zehn-Minuten-Takt zum Lachen zu bringen, ohne die Handlung dabei ins Lächerliche oder Übertriebene zu ziehen. Die filterlos geäußerten Gedanken und die schonungslose Ehrlichkeit von Tschick fordern immer wieder den bedachten und eher ruhigen Maik heraus. Ein Schlagabtausch zwischen den beiden macht immer Spaß, und sei es nur in Momenten, in denen sie sich nicht einigen können, ob die Walachei nur ein abstraktes Konstrukt oder ein tatsächlicher Ort in Rumänien ist.
Eine Inszenierung auch für Pflichtlektüren-Muffel
Das Buch „Tschick“ wird an vielen Schulen inzwischen im Deutschunterricht durchgenommen, was den Blick auf die Geschichte für viele Schüler etwas eintrüben dürfte, wie es oft bei Geschichten der Fall ist, die im Unterricht gelesen werden. Da die Inszenierung sich aber selbst nicht zu ernst nimmt und die humorvollen Seiten der Erzählung sich die Waage mit den ernsthaften Aspekten halten, dürfte das Stück auch viele überzeugen, die dem Buch in der Schule nicht allzu viel abgewinnen konnten.
Die Aufführung richtet sich an Jugendliche ab 13 Jahren, erzählt aber eine so nahbare Geschichte, dass alle Altersgruppen etwas sehen werden, in dem sie sich oder ihre eigenen Erfahrungen wiederfinden können. Obschon die Geschichte vor 16 Jahren geschrieben wurde, ist die Erzählung selbst zeitlos, und Aspekte wie Jugendsprache oder Referenzen auf das aktuelle Zeitgeschehen wurden in der Inszenierung so angepasst, dass sie sich nahtlos in das Jahr 2026 einfügen. Zum Beispiel singt Isa an einer Stelle des Stücks das Lied „Keine Tränen“ von badmómzjay von 2023, eine schöne Referenz für Jugendliche, die das Lied kennen, aber subtil genug, dass die Szene auch funktioniert, ohne den Song schon einmal gehört zu haben.
Ob das Stück das Gefühl eines unendlich währenden magischen Sommers einfangen kann? Oh ja! Viele werden ähnliche Momente wie die beiden erlebt haben. Gespräche in der Dunkelheit über die Unendlichkeit des Universums, Spinnereien, die nur in diesem einen Moment Sinn ergeben werden, und Diskussionen über die absurdesten Dinge. Erlebnisse, die den tristen Alltag durchbrechen. Das Stück fängt diese Gefühle perfekt ein.
Ein rundes Erlebnis mit einem befriedigenden Abschluss
Das Bühnenbild (Judith Meyer und Frank Rommerskirchen) schafft es, mit nur wenigem große Wirkungen zu erzielen. Der im Vordergrund stehende große Pool referiert konstant auf den Anfangs- und auch Endpunkt der Geschichte, an dem Maiks Mutter betrunken einen Großteil des Hausinventars im Wasser versenkt. Kleine Getreidefelder in Hochbeeten und Kulissenwände, die sich an dem originalen Cover des Buches orientieren, verweisen auf die einfachen Feldwege, auf denen die Geschichte zu weiten Teilen spielt. Mit kreativen Lösungen werden der Vorstellungskraft der Zuschauer gerade genug Referenzpunkte geliefert, um den Rest der Szene im Kopf zu vervollständigen. Poollampen werden zu Autoscheinwerfern, und wenige Lichter, die in den Getreidefeldern leuchten, läuten die Nacht unter dem Sternenhimmel ein.
Schön ist vor allem, dass mit dem Pool die Klammer zum Anfang der Geschichte kon-stant bestehen bleibt und diese sehr befriedigend geschlossen werden kann. Das Stück schafft das, was man sich von einer Erzählung wünscht, die wieder an einen Punkt zurückspringt, den man bereits zuvor besucht hat. Alles ergibt mehr Sinn, Unterhaltungen hört man plötzlich mit anderen Ohren und Gegenstände sieht man mit anderen Augen. Ein gelungenes Ende für ein gelungenes Stück.
DAS DA THEATER
Liebigstraße 9, 52070 Aachen
Alle Aufführungstermine unter dasda.de
Der Text ist zuerst in der Printausgabe KingKalli April/Mai erschienen.
Im Juli sowie nach den Sommerferien sind weitere Aufführungstermine geplant.
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