Tanzen und Familie und Freunde umarmen, bis das Ende in Bolivien naht

in Von und für Jugendliche

Katharinas FSJ in Bolivien neigt sich dem Ende entgegen. Zum letzten Mal berichtet sie für KingKalli davon.

Vor einem Jahr habe ich mich gefragt, wie ich mein ganzes Leben, Freunde und Familie, Tanzen und Volleyball zurücklassen kann für ein Leben voller Ungewissheit, für ein Leben in 10.928 Kilometern Entfernung, ein Leben in einer Gastfamilie in Bolivien mit einem Acht-Stunden-Arbeitsalltag auf Spanisch. Damals haben wir im Vorbereitungsseminar Winnie Pooh zitiert: „Wie glücklich bin ich, dass ich etwas habe, was mir den Abschied so schwer macht.“ Fast ein Jahr später bin ich in einer ähnlichen bittersüßen Situation. Mein Herz tut jetzt schon weh, wenn ich an den bevorstehenden Abschied denke. Gleichzeitig bin ich so unglaublich dankbar für die unvergessliche Zeit, die Kinder, die mich jeden Tag aufs Neue zum Lachen bringen, Tanzen, was mich unglaublich erfüllt, wenn wir Familientreffen haben und es sich einfach so natürlich und herzlich anfühlt oder ich meine Freunde umarme. In all den Momenten merke ich, dass genau das die Glückseligkeit ist, die Winnie Pooh beschreibt, der Herzschmerz vor dem Abschied, weil man Menschen und ein Leben hat, was so schön ist, dass man es vermissen wird.

Brasilien, weit weg von zuhause

Ende Juni haben Anouk und ich eine einwöchige, abenteuerliche Reise zu den Wasserfällen von Iguazú in Brasilien gewagt. Abenteuerlich war nicht nur die Strecke von über 2.000 Kilometern, die wir ausschließlich mit Bussen überbrücken wollten, sondern auch die unglaublich vielen Zufälle, die uns auf diesem Weg begegnet sind. Unzählige Busverspätungen, schlaflose Nächte, eine Kältewelle in dem sonst superheißen Brasilien, Taxifahrer, die statt vorwärts- rückwärtsfahren, und die Sprachbarriere, denn in Brasilien wird ausschließlich Portugiesisch gesprochen. Wir haben uns dann die ganz kleinen, schönen Momente gesucht, um auf der Reise irgendwie ein Gefühl von Urlaub zu bekommen und unsere Heimat, Bolivien, nicht ganz so sehr zu vermissen.
Also haben wir bei unserem Hostel, was keinen Strom hatte, einen gemütlichen Filmabend unter ganz vielen Decken und mit Pizza gemacht und waren im Kino, auch wenn wir nur die Hälfte des Gesprochenen verstanden haben. Je weiter wir reisen, desto mehr fällt mir auf, wie sehr ich mich an die etwas chaotischen und unebenen Straßen in Bolivien gewöhnt habe. Ich vermisse die Unkompliziertheit und Spontanität, die ich in Bolivien beim Reisen oft verspüre. Für mich ist es ein Gefühl von grenzenloser Freiheit, in Bolivien neue Orte zu erkunden, da ich mich wie selbstverständlich mit allen Menschen unterhalten kann, sie oft nach Tipps oder dem Weg frage und so unbekannte Orte entdecken darf. In Brasilien hingegen scheinen die Städte kein Leben zu haben, auf den Straßen sind Autos statt Menschen, es gibt überall Werbeplakate, funktionierende Ampeln, riesige Supermärkte, aber all das wirkt auf mich verloren, übermalt mit Modernität.

Nach einer unglaublich anstrengenden und unerwarteten Reise standen wir dann an einem Freitagnachmittag Hand in Hand und mit geschlossenen Augen an dem Aussichtspunkt der „cascadas de Iguazú“. Drei, zwei, eins – wir öffnen unsere Augen und können unser Glück kaum fassen. Minuten vergehen, während wir die sogenannte Teufelsschlucht herabschauen, unsere Gedanken mit den Wassermengen herunterstürzen und uns die pure Freude, angekommen zu sein, umgibt. Klatschnass stehen wir wenig später in der Teufelsschlucht, vor mir erstreckt sich ein doppelter Regenbogen und ich kann nur an das Kürmi denken („Kürmi“ heißt auf Aymará „Regenbogen“), das Lächeln der Kinder und die Sprachnachricht, die ich von ihnen mitten auf der Reise erhalten habe: Wie immer reden alle durcheinander, fragen, wo ich bin, und sagen, dass sie mich vermissen.

Am gleichen Abend verabschieden Anouk und ich uns am Busterminal in Brasilien. Ihre Reise geht nach Argentinien, ich muss für die Arbeit wieder zurück nach Bolivien. Mit dem Nachtbus erreiche ich mitten in der Nacht die Grenze zu Paraguay. Ich passiere die Grenzen und es ist wie das Tor in eine andere Welt zu öffnen. Kleine „tiendas“ stehen am Straßenrand und ich verstehe endlich wieder die gesamte Konversation. Direkt umgibt mich ein Gefühl von Freiheit, von Nach-Hause-Kommen. Die Stadt Assunción gefällt mir unglaublich gut. Es gibt viele Parks, Kunstausstellungen, den Fluss Paraguay, leckeren Kaffee, und auf einem internationalen Foodmarket entdecke ich einen Stand mit bolivianischem Api und Buñuelos. Als ich später im Kino sitze und den Film „Drachen zähmen leicht gemacht“ noch einmal auf Spanisch schaue, fällt mir auf, wie sehr ich mit Bolivien verbunden bin. In der „teleférico“ hat mir letztens jemand gesagt, dass ich durch und durch eine „alteña“ sei, eine Person, die in El Alto aufgewachsen ist. Vermutlich ist es nicht nur mein Akzent, sondern das Lebensgefühl allgemein, welches ich in El Alto gewonnen habe.

Tanzauftritt

Ich stehe am Bühnenrand, schaue auf meine Freundinnen, die sich im Licht der Scheinwerfer zur Musik bewegen. Es ist ein Tanz, der von den Inkas stammt und zeitgenössischen Tanz mit Folklore verbindet. Dann rennen wir auf die Bühne. Ich kann nicht anders, als einfach zu tanzen, mich von der Musik tragen zu lassen.
Es ist Sonntag, und schon den ganzen Tag fühle ich mich, als würde ich meinen Traum leben. Gemeinsam mit meinem Kurs haben wir heute eine Tanzaufführung, für die wir vergangene Woche zehn Stunden geprobt haben. Jetzt ist es so weit. In der viel zu kleinen Umkleide hören wir uns das Lied ein letztes Mal an. Eine Freundin befestigt meine Haarextensions an meinem Kostüm und meine andere Freundin malt mir einen Eyeliner. Und so schnell, wie der Moment des Auftritts kommt, ist er leider vorbei. Zurück bleiben mein Lächeln und das Verlangen, nicht aufzuhören, für immer weiter zu tanzen.

Abschied

Wenn ich eins in den letzten zwölf Monaten gelernt habe, dann ist es: Egal wo ich auf der Welt bin, in welche Stadt ich komme oder in welches Viertel ich ziehe – solange ich Familie und Freunde bei mir habe, wird das Leben bunt, aufregend und schön. Ich bin unglaublich dankbar, schon nach drei Tagen El Alto als mein Zuhause gesehen zu haben, dadurch dass ich in meiner Gastfamilie meine bolivianische Familie gefunden habe. Ich werde nie vergessen, wie mein Onkel mich nach drei Tagen als offizielles Mitglied der Familie zählte, mein Gastpapa zu meinem Gastbruder und mir „mis wawas“ (Aymará, bedeutet „meine Kinder“) gesagt hat, wie meine Gastmama die Butter immer unter ihr Brot streicht, um es nicht durchzuschneiden, wie mein Gastpapa den Teebeutel nach drei Sekunden schon wieder herausnimmt und Blanca auf den Stuhl neben meiner Gastmama springt, den Kopf auf ihren Arm legt und mit dem süßesten Hundeblick um Essen bettelt und wie meine Tante mich jedes Mal mit „mi amore“ (meine Liebe) begrüßt. Meine Cousinen und Cousins sind wie meine besten Freunde in den letzten Monaten geworden. Wir waren so oft sonntags zum Mittagessen im Gemeindehaus eingeladen, haben uns die neuesten Hunde- und Katzenbilder gezeigt und unsere Filmliste erweitert.
Wenn ich jetzt auf mein Freiwilligenjahr zurückblicke, dann bin ich einfach nur dankbar und unendlich glücklich über jede Sekunde, die ich erleben durfte. Die Kinder im Kürmi sind mir unglaublich ans Herz gewachsen und ich würde ihnen so gerne sagen, dass ich in Bolivien bleibe, wenn sie wieder einmal zu mir kommen und mich mitten in der Umarmung fragen, wann ich gehen muss. Wenn ich ihnen bestätige, dass ich leider nicht so einfach hierbleiben kann, klammern sie sich nur noch fester an mich, als würde ich dann nicht mehr gehen können. Mit Familie und Freunden ist es ähnlich, und wenn ich mich in dem traurigen Gedanken verliere, mein ganzes Leben aufgeben zu müssen, denke ich wieder an Winnie Pooh. „Wie glücklich bin ich, dass ich etwas habe, was mir den Abschied so schwer macht.“

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