Tanzalltag in Bolivien & der größte Spiegel der Welt

Foto: privat

Ich sitze am Fenster, schaue auf die unzähligen unverputzten Häuser, meine Nachbarschaft, auf dem Schoß liegt meine Hündin Blanca, in einer Hand balanciere ich meinen Laptop, während ich versuche, die Teetasse mit der anderen Hand am Herunterfallen zu hindern. In den letzten Monaten ist so einiges auf der Arbeit und in meinem privaten Leben passiert. Mein bolivianischer Papa sagt immer: „Du musst alles mitnehmen, wenn du schon einmal die Möglichkeit dazu hast.“ Jetzt, wo mir langsam bewusst wird, dass ich nur noch knapp vier Monate in El Alto, Bolivien, leben werde, schätze ich die Zeit, meine Freunde und Familie und dieses Land, welches mich absolut verzaubert hat, noch einmal viel mehr. Außerdem versuche ich, mir die Lebensweisheit zu Herzen zu nehmen, und mache all die Dinge, von denen ich geträumt habe.

Mein erster Traum ist Uyuni, der größte Spiegel der Welt. Mittwochabend haben Anouk und ich uns in den Nachtbus gesetzt und am nächsten Morgen waren wir auch schon in Uyuni. Von dort aus haben wir eine dreitägige Tour gemacht, die mit dem Salar de Uyuni, der weltweit größten Salzwüste, begonnen hat. Wir befinden uns gerade tatsächlich immer noch in der Regenzeit (Stand April), weshalb der gesamte Salar mit einer Wasserschicht bedeckt ist und somit den größten Spiegel der Welt zeigt. So beeindruckend, wie das klingt, war es auch für mich. Dieses Naturspektakel ist einfach unglaublich schön. Wenn der Horizont inmitten von Blau und Schleierwolken verschwindet und man nicht mehr weiß, wo oben und unten ist, dann fühlt es sich so an, als würde man fliegen. Der Sonnenuntergang war einfach nur magisch, wäre ich Künstlerin, würde er meine Inspiration für ein einzigartiges Gemälde sein. Am nächsten Tag haben wir von unserem Guide, der leider nicht sonderlich viel geredet hat, erfahren, dass wir nur das Nötigste für zwei Tage einpacken sollen. Nachdem wir ganz schnell umgepackt hatten, haben wir uns auf eine Art Roadtrip gemacht. Und von da an wurde die Tour viel freier: ohne gestellte Fotos, die ich ungerne machen wollte, mit ein wenig Zeit und Raum, sich ein eigenes Bild von der Landschaft und den Naturwundern zu machen und sie auf ihre Art und Weise auf sich wirken zu lassen. Wir haben unzählige Lagunen mit pinken Flamingos gesehen, haben einen Vulkan aus der Ferne beobachtet, standen umgeben von Bergen aus Sand vor einem Baum aus Steinen und haben den Sonnenuntergang von einer roten Lagune aus beobachten können. Die Nacht war gleichzeitig eiskalt und sehr warm, das Bett, das Anouk und ich uns geteilt haben, unbequem und so haben wir sehr wenig geschlafen.

Am nächsten Morgen ging es um fünf Uhr im Dunkeln zu heißen Quellen, von wo aus wir einen eisig schönen Sonnenaufgang beobachten konnten. Schlaftrunken, halb erfroren und ganz verträumt von dem schönen Sonnenaufgang in den Bergen, sind wir wieder ins Auto gestiegen. Ein anderer beeindruckender Stopp waren rote Felsformationen, die den Namen „die verlorene Stadt Italiens“ tragen und angeblich die Silhouette von Städten aus Italien darstellen. Um ehrlich zu sein, habe ich das überhaupt nicht gesehen, allerdings konnte man richtig gut klettern und die Aussicht von ganz oben genießen.

Im Kürmi, meiner Arbeitsstelle, herrscht, nachdem die Kinder Mitte Februar zurückgekehrt sind, wieder das übliche bunte Chaos. Ein Berg von ungemachten Hausaufgaben, der über ihre Noten dieses Trimester entscheiden wird und den wir versuchen Stück für Stück mit den Kindern abzuarbeiten, lesen lernen, das kleine Einmaleins beibringen, essen, duschen und die kleinen wichtigen Dinge halten uns immer auf Trab.

An einem Morgen hatten wir wieder eine „caminata por la paz“, eine Art Parade für den Frieden, organisiert von FUNDASE, der Stiftung, der das Kürmi angehört. Mit den Kindern haben wir verschiedene Tänze einstudiert. Am Morgen haben wir uns aufgeteilt. Zuerst wurden die Haare der Mädchen gekämmt und geflochten, dann wurden alle Kinder geschminkt und schlussendlich umgezogen und die Stöcke verteilt, mit denen wir tanzen. Die Jacken, die wir als Kostüm anhatten, fand ich besonders schön. Es sind bunte Jacken, die von Hand bestickt werden. Die Parade war sehr toll, besonders als die Kinder ihre Lieblingslieder hörten und ganz natürlich anfingen, sich zu der Musik zu bewegen.

Nach einem achteinhalb Stunden langen Arbeitstag ist meine Lieblingsbeschäftigung, tanzen zu gehen. Ich bin in einem „ballet folclórico“, welches die bekanntesten bolivianischen Tänze und all die, die die meisten hier schon von Geburt an tanzen, lehrt. Tobas, Tinku, Suri Sikuri und Kullawada gehören zu meinen Lieblingstänzen. Und weil Tanzen mein absoluter Ausgleich für anstrengendere oder längere Arbeitstage und Lebenskrisen ist, tanze ich mittlerweile fast jeden Tag. Wenn ich mal nicht selber tanze, schaue ich super gerne Tanzvorstellungen an, die Kostüm und Tanz vereinen. Dabei ist es in manchen Kostümen gar nicht so leicht zu tanzen. Tobas beispielsweise wird mit einem riesigen Kopfschmuck getanzt und zusätzlich sind die Tanzschritte springend, das Kostüm von den Männern bei der Morenada ist aus riesigen Reifröcken und mit Masken und Caporales tanzen die Frauen in kurzen Röcken und sehr hohen Schuhen. Ich hoffe, meinen Traum, einmal in einem der Kostüme auftreten zu dürfen, noch in den vier Monaten verwirklichen zu können.

Schon vor Ewigkeiten haben meine Cousins, Cousinen und ich beschlossen, dass wir zusammen das Musical „Jesucristo Superstar“ sehen möchten. Und so kam es, dass wir mit der ganzen Familie Karten für einen Donnerstagabend im Theater in La Paz gekauft haben. Am Mittwochabend haben die Busfahrer aus La Paz aufgrund verschiedener Krisen (Benzinmangel, Bezahlung) dann entschieden, auf unbestimmte Dauer zu streiken und die Straßen zu blockieren. Das ist nichts Ungewöhnliches, besonders in Anbetracht der aktuellen politischen Situation Boliviens. Allerdings war das für uns wirklich ein sehr ungünstiger Zeitpunkt. Direkt nach der Arbeit habe ich mich also auf den Weg in Richtung teleféricos gemacht, die zum Glück auch bei Streiks funktionieren. Zusammen mit meinen bolivianischen Eltern sind wir 40 Minuten durch La Paz zum Theater gelaufen. Das Musical war ein Broadwaystück und einfach großartig. Es wurde zeitgenössisch getanzt und gesungen und gerade durch die Tänze war ich wie verzaubert. Ein paar kleine Missgeschicke wie ein zerbrochenes Kreuz, das Anstimmen eines falschen Liedes und das Beinahe-Verlieren eines Rocks haben meiner Meinung nach das Theatererlebnis menschlich und sehr besonders gemacht. Wir hatten danach auf jeden Fall einiges zu erzählen und haben gefühlt das ganze Stück auseinandergenommen. Dazu hatten wir auch Zeit, da ja immer noch Blockaden waren und wir somit erst einmal wieder hochgelaufen sind. Zum Glück haben uns Leute auf halber Strecke mitgenommen, sodass wir zehn Minuten vor Schließung in die teleférico gesprungen sind.

Vielen lieben Dank, dass ihr teilgenommen habt an meinem spontanen, bunten und Träume erfüllenden Tanzalltag, bis bald
Katharina Nix

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