Sicherheit für Radfahrer in Aachen

in Aktuelles um die Ecke

Andreas Kuntze zählt sich selbst zu den unerschrockenen Radfahrern: Er ist selbstbewusst, fit und lässt sich buchstäblich nicht an den Rand drängen. Dass es nicht allen Radfahrerinnen und Radfahrern so geht, wurde ihm erst bewusst, als er dem kleinen Sohn seiner Frau das Radfahren beibrachte und die Radverkehrssituation aus der Perspektive des Radanfängers betrachtete. „Unser Sohn ist inzwischen sieben und er würde gern viel mehr mit dem Rad fahren, auch zur Schule. Aber sein Schulweg ist aus unserer Sicht zu unsicher. Es gibt bei uns kaum Radwege, auf denen Kinder sicher fahren können. Alleine lassen wir unseren Sohn deshalb noch nicht fahren. Selbst in Begleitung wäre der Schulweg nur schwer mit dem Rad zu bewältigen, weil er noch auf dem Bürgersteig fahren muss. Das bedeutet: Es gibt zahlreiche Hindernisse, Einmündungen und parkende Autos, sodass man ständig absteigen muss, erst recht, wenn man als Erwachsener das Kind auf dem Gehweg begleitet. Und man stört die Fußgänger. Da geht man besser gleich zu Fuß. Als Familie fahren wir aus diesem Grund nur in der Freizeit Rad und suchen uns dafür gezielt sichere Strecken mit guten Radwegen aus.“

Kuntze selbst entdeckte das Radfahren für sich erst wieder, als er aus der Innenstadt nach Eilendorf zog und nicht mehr alles zu Fuß erledigen konnte. Er begann, sich intensiver mit der Radverkehrsinfrastruktur in Aachen auseinanderzusetzen. Ihm wurde klar, dass es auch viele Erwachsene gibt, die sich im Aachener Straßenverkehr unsicher fühlen und deshalb manchmal sogar komplett auf das Radfahren verzichten. „Für kurze und mittlere Strecken ist das Rad in Aachen eigentlich das optimale Verkehrsmittel. Aber allein schon, dass es so viele verschiedene Arten an Radwegen und Schutzstreifen gibt, verwirrt Radfahrer genauso wie Autofahrer und Fußgänger. Selbst für erfahrene Radfahrer ist nicht leicht zu erkennen, was von ihnen an einer Kreuzung mit zahlreichen Bodenmarkierungen und einem parallel geführten Rest Mehrzweckstreifen erwartet wird. Auf größeren Straßen zu fahren, trauen sich oft nur die offensiven Fahrer. Unsichere Radfahrer sieht man immer wieder auf den vermeintlich sichereren Bürgersteig ausweichen. Das führt natürlich zu Konflikten, und es verzerrt das Bild, das andere Verkehrsteilnehmer von Radfahrern haben. Wenn auch die defensiven Fahrer mit gutem Gefühl alle Straßen benutzen könnten, würden mehr Menschen Rad fahren und es würde sich auf der Straße eine ganz andere Mischung ergeben. Dazu müsste sich aber bei der Radweggestaltung grundsätzlich etwas ändern.“

Die chaotische Radwegsituation in Aachen ist das Resultat mehrerer Richtungswechsel im Verlauf der letzten Jahrzehnte. Radwege auf den Fußwegen oder zwischen Gehweg und Parkplätzen erwiesen sich als gefährlich, besonders an Einmündungen und Kreuzungen kam es immer wieder zu schlimmen Unfällen. Für viele dieser Wege wurde inzwischen die Nutzungspflicht wieder aufgehoben, ohne dass sie grundsätzlich zurückgebaut worden wären. Schutzmarkierungen auf der Fahrbahn lösten die parallel zur Straße geführten Wege an vielen Stellen ab, aber auch sie geraten zunehmend in die Kritik. Autofahrer halten nur selten den vorgeschriebenen Abstand von 1,5 Metern ein, wenn sie an Radfahrern vorbeiziehen, die Markierungen werden oft überfahren oder zugeparkt, Radler/-innen, die auf der Fahrbahn fahren anstatt auf nicht nutzungspflichtigen Radstreifen, werden angehupt oder angepöbelt. An großen Kreuzungen führen die Schutzstreifen den Radverkehr zuweilen sogar zwischen zwei Autospuren hindurch. So auch an der Vaalser Straße, an der im Februar eine Radfahrerin zu Tode kam, weil ein Lkw-Fahrer sie beim Abbiegen übersehen hatte. Ein ähnlicher Vorfall hatte sich 2017 schon am Hansemannplatz ereignet; hier war eine Radfahrerin von einem Bus überrollt worden. Ende Februar kam es auf der Vaalser Straße erneut zu einem Unfall, bei dem ein 80-jähriger Radfahrer von einer Autofahrerin übersehen wurde; diesmal an einer Straßeneinmündung, an der der Radweg neben dem Fußweg geführt wird.

Es sieht so aus, als könne weder bei herkömmlichen Radwegen noch bei Fahrbahnmarkierungen von Sicherheit die Rede sein: „In Studien werden oft die schlechten alten Radwege mit der Straße verglichen, und dann schneiden die Radwege schlechter ab. Das bedeutet aber nicht, dass die Fahrbahnmarkierungen der Weisheit letzter Schluss sind. Wir sehen heute am Beispiel anderer Städte, dass man Radwege auch so bauen kann, dass sie vom Fußweg getrennt sind, die Radfahrer aber an gefährlichen Stellen immer im Blickfeld der Autofahrer bleiben. An Kreuzungen sollten Radwege separiert werden und eine eigene Ampel bekommen. Ich wünsche mir auch für Aachen ein zusammenhängendes Konzept, ein Gesamtnetz. Alle Verkehrsteilnehmer müssen sofort intuitiv verstehen, wie sie sich verhalten müssen, Radwege müssen einheitlich gestaltet sein und eindeutig erkennbar sein. Wenn Leute das Rad neu für sich entdecken sollen, dann muss die Radinfrastruktur nicht nur objektiv sicher sein, sondern auch subjektiv. Viele Menschen fühlen sich nicht sicher dabei, zwischen Autos zu fahren, auch nicht auf Radfahrstreifen und Schutzstreifen. Da kann man noch so oft betonen, dass das – angeblich – objektiv sicher sei. So funktionieren Menschen einfach nicht. Wenn man kein gutes Gefühl dabei hat, wenn die eigenen Kinder oder Eltern dort Fahrrad fahren, ist es auch keine gute Infrastruktur.“

Als ihn dann die frisch gegründete Initiative für einen Aachener Radentscheid ansprach, war Andreas Kuntze deshalb sofort dabei. „Radentscheid Aachen“ orientiert sich an verwandten Initiativen wie „Platz da! Bremen“, „Radentscheid Bamberg“, „Initiative Volksentscheid Fahrrad“ (Berlin) oder „Aufbruch Fahrrad NRW“. Bundesweit scheint sich eine Bewegung zu formieren, die dem Rad einen gleichberechtigten Platz neben dem Auto, dem ÖPNV und dem Fußverkehr verschaffen und die Infrastruktur für Radfahrer/
-innen verbessern will. Wie die meisten ihrer Schwesterinitiativen strebt auch „Radentscheid Aachen“ ein Bürgerbegehren an, um die Stadt zum Handeln zu bewegen. Sieben Ziele haben die Initiativler/-innen formuliert, dazu zählt, dass die Kreuzungen sicherer gemacht werden, besonders an Hauptstraßen Radwege geschaffen werden, die baulich von der Autofahrbahn und den Fußgängerwegen getrennt sind, und das Radwegenetz insgesamt stetig ausgebaut wird. Die Forderungen der Initiative sind konkret ausbuchstabiert, so sollen z. B. drei Kreuzungen jährlich umgebaut werden. Der Fortschritt wäre dadurch messbar. Dabei geht es den Initiatorinnen und Initiatoren nicht darum, den Autoverkehr zu verteufeln oder zu benachteiligen. Im Gegenteil: „Wenn man eine gewisse Gleichberechtigung zwischen Verkehrsteilnehmern herstellt, werden auch Verkehrsformen gestärkt, die weniger Platz brauchen, das nützt auch Autofahrern. Je mehr Menschen aufs Rad umsteigen, desto mehr Raum gibt es für die, die mit dem Auto reinpendeln müssen“, sagt Andreas Kuntze. Dazu muss die Initiative Unterschriften sammeln; 8.000 muss sie zusammenbekommen, dann muss sich der Stadtrat mit ihrem Anliegen befassen und darüber entscheiden. Stimmt der Rat zu, ist die Umsetzung der geforderten Maßnahmen beschlossene Sache. Lehnt der Rat ab, ist der Weg frei für einen Bürgerentscheid, und die Bürger/-innen dürfen selbst über das Vorhaben abstimmen. An das Ergebnis ist die Stadt gebunden.

Bis Aachener Eltern ihre Kinder mit gutem Gefühl mit dem Rad zur Schule schicken können, ist es allerdings noch ein weiter Weg. Auf das Radfahren verzichten sollten Familien aus
Andreas Kuntzes Sicht deshalb aber auf keinen Fall: „Für mich ist das Radfahren mit den Kindern ein Gemeinschaftserlebnis. Auch wenn sie im Kindersitz oder vorne im Lastenrad sitzen, bekommen sie viel mehr von ihrer Umwelt mit als auf dem Autorücksitz. Wenn unser Sohn selbst auf seinem Rad fährt, benutzen wir für schwierigere Strecken eine Tandemkupplung. Radfahren lernt man nur durch Praxis. Wir haben anfangs Orte mit wenig Verkehr und wenig Hindernissen gesucht – und dann hilft nur üben, üben, üben! Sehr wichtig ist es allerdings, sich in einem guten Fachgeschäft beraten zu lassen. Das Rad muss die richtige Größe haben, passend eingestellt und verkehrssicher sein. Nach und nach trauen sich die Kinder dann immer mehr zu. Unser Kleinster ist drei, der fährt mit Begeisterung Laufrad, das ist eine gute Vorbereitung, sodass wir ihm bald auch Fahrradfahren beibringen werden. Aber Kinder müssen generell lernen, sich im Straßenverkehr sicher zu bewegen, nicht nur auf dem Rad. Das bedeutet auch, dass wir sie nicht überall einfach hinfahren und absetzen sollten. Und die eigene Vorbildfunktion darf man auch nicht unterschätzen. Ich erziehe mehr durchs Vorleben als durch Erklären, also muss ich als erwachsener Verkehrsteilnehmer selbst die Regeln beachten! Das ist besonders in unübersichtlichen Situationen nicht immer ganz einfach, aber ich muss es versuchen!“

Die sieben Ziele des Radentscheids in Kurzform

1. Durchgängiges, engmaschiges Radwegenetz erstellen
2. Kreuzungen sicher gestalten
3. Sichere Radwege an Hauptstraßen
4. Geh- und Radwege durchgängig und einheitlich gestalten
5. Fahrradstellplätze umfassend ausbauen
6. Mängel online erheben und zeitnah beseitigen
7. Verkehrswende konsequent und transparent fördern
(Langfassung auf radentscheid-aachen.de/ziele)

Links Radentscheide und Radwege

radentscheid-aachen.de
adfc.de/artikel/radentscheide-in-deutschland-1
momentummag.com/the-rise-of-the-north-american-protected-bike-lane

 

Hinterlasse einen Kommentar

One response to “Sicherheit für Radfahrer in Aachen

  1. Immer wieder liest und hört man, dass auf Radfahrer_Innen Rücksicht genommen werden soll und man sie schützen muss. Das finde ich auch richtig. Wir wohnen auch in Aachen und genau an folgenden Koordinaten trifft man leider sehr häufig auf Radfaher_Innen, die keinerlei Rücksicht auf Fußgänger_Innen, mit Kindern und auch Hunden nehmen.

    Strecke in Aachen (bewaldetes Gebiet, von anderen Menschen nicht einsehbar/von Bäumen und Büschen umsäumte Wege – nicht abgeteilt in Rad- und Fußgängerweg, verläuft entlang eines Baches/Flusses):
    50°47’36.8″N 6°07’16.2″E
    50°47’22.3″N 6°07’13.9″E

    Natürlich verhalten sich nicht alle gleich unfair, aber auf dieser Strecke ist es doch offensichtlich, dass die meisten Radfahrer hier ziemlich schnell fahren, nicht klingeln, auch wenn der Weg nur sehr schmal ist, nebeneinander fahren und sich unterhalten, dass man als Fußgänger schon sehr nah ans Gebüsch gehen muss. Springt man nicht schnell genug zur Seite, sieht man nur noch den Rücken und den Kopf, der geschüttelt wird. Die meisten rasen da so schnell, dass auch ziemlich viel Staub aufgewirbelt wird. Kinder muss man dann warnen, damit sie zur Seite gehen können, weil die meisten Radfahrer_Innen ihre Klingel nicht benutzen und man nicht bemerkt, wenn sie von hinten angefahren kommen.

    Besonders viel Schwung nehmen sie dann auf, wenn sie eine Neigung zum bewaldeten Stück runterfahren. Wenn sie in die entgegengesetzte Richtung hochfahren wollen, nehemen sie dann vorher schon entsprechend Fahrt und Geschwindigkeit auf, wahrscheinlich, damit sie nicht so sehr in die Pedalen treten müssen.

    Selber sind sie ja gut geschützt, da einige sogar BMX-Helme mit Visier tragen und dieses, für ordnungsbehördliche Blicke abgeschottete Gebiet, zu ihrer privaten Rennpiste machen. Witzig ist, dass genau an der Stelle des Parkplatzes, am angrenzenden Feld öfters mal Wagen zu sehen sind, aus denen heraus Autofahrer geblitzt werden. Sollte man bei den Radfahrern vielleicht auch mal machen, damit sich die Fußgänger_Innen, mit Kindern und Tieren, ebenfalls sicherer fühlen können.

    Manche werden so dreist und meckern einen dann auch noch an, wenn man fragt, ob sie keine Klingel haben. Viele von ihnen können scheinbar auch nicht von ihrem Rad absteigen, wenn sie einmal aufgestiegen sind, da sie nämlich auch an verengten Stellen (Brücken oder schmale Wege) einfach durchfahren und davon ausgehen, dass die Fußgänger warten. Es sind sicherlich zum Glück noch nicht so viele Unfälle dort passiert, weil man immer aufpassen muss, wenn jede Minute jemand mit einem Affenzahn da angeradelt kommt, weshalb wahrscheinlich eh kein Handlungsbedarf für irgendwen besteht. Frei nach dem Motto: „Friss meinen Staub“

    Vielleicht lernen solche Radfahrer irgendwann auch mal Rücksicht zu nehmen.