Rock-, Pop- und Rap-Songs der Moderne treffen auf historische Kostüme und Texte des Elisabethanischen Zeitalters. Das DAS DA THEATER bringt Shakespeares bekanntestes Liebespaar als Jukebox-Musical für alle ab 14 Jahren auf die Open-Air-Bühne der Burg Wilhelmstein. Trotz toller Momente war die Inszenierung für mich leider keine Liebe auf den ersten Blick.
Bereits zum dritten Mal inszeniert das DAS DA THEATER die Tragödie über Liebe und zwei verfeindete Familien. 1994 und 2010 spielten sich Herzschmerz und Rivalität noch auf der Burg Frankenberg ab. Auch auf der Burg Wilhelmstein in Würselen könnten die Voraussetzungen für die Inszenierung von Maren Dupont nicht besser sein, da das Ambiente geradezu dazu einlädt, sich in eine andere Epoche hineinzuträumen. Das Bühnenbild (Frank Rommerskirchen) ist dem Rundenglocken-Theater nachempfunden, in dem Shakespeare ursprünglich seine Stücke aufführte. Auf mehreren Ebenen eines Metallgerüsts rund um die zentrale Bühne kann das Geschehen Fahrt aufnehmen. Den Kostümen (Nadine Dupont, Rebekka Rück) sieht man an, wie viel Liebe zum Detail und Recherchearbeit in sie geflossen sind. Aufwendig, elegant und doch zweckmäßig ziehen sie einen in die Welt des 14. Jahrhunderts.
Auch die gesanglichen Leistungen des Ensembles überzeugen. Mit der Rap-Einlage von Eminems „Lose Yourself“ als Auftakt durch Tobias Steffen als Ansager wurde ein toller Einstieg in das Stück geschaffen, der mich direkt an die grandiosen Gesangseinlagen des Musicals „Hamilton“ erinnerte. Auch die Gesangsstimmen von Nicole Elisabeth Lehmann als Lady Capulet und Sarah Artley als Julia können überzeugen. Generell merkt man Sarah Artley die Leidenschaft für die Rolle der Julia an. Gerade ihre Darbietung von „I’d Do Anything for Love“, während sie das Gerüst herabklettert, hat mich emotional vollkommen in den Moment eintauchen lassen.
Den historischen Texten – die zwar übersetzt, aber nur geringfügig angepasst wurden – kann man dank der fast natürlich wirkenden Betonung mühelos folgen. Die Wortwahl zieht einen nur noch tiefer in die dargestellte Epoche hinein. Warum hat das Stück also trotz all dieser Stärken für mich letztlich nicht funktioniert?
Leider keine Liebe auf den ersten Blick
Ein altes Prinzip des Musicals besagt, dass Gesang dort beginnt, wo Worte nicht mehr ausreichen. Emotionen, die vorher nicht zum Ausdruck gebracht werden konnten, platzen in Gesangseinlagen heraus, und versteckte Facetten eines Charakters kehren sich nach außen. Als solche Momente waren die Lieder leider nur selten erlebbar. Wenn Romeo (Timo Aust) „Crazy Little Thing Called Love“ zum Besten gibt, hält die Handlung eine ganze Weile inne, um dem Zuschauer etwas zu erzählen, was Romeo bereits gesagt und schon zweimal zuvor besungen hat: Er ist Hals über Kopf verliebt. Das Gefühl, dass die ausgewählten Lieder bereits Gesagtes wiederholen und in die Länge ziehen, stellte sich bei mir mehrfach ein. So haben mich die Musikstücke leider immer wieder aus der Handlung gerissen und mich wartend mit dem Wunsch zurückgelassen, dem Geschehen in Form von Sprechtexten weiter folgen zu können.
O Romeo, Romeo!
Durch die Kombination moderner Lieder und alter Texte entsteht eine Mischung aus modernem Blickwinkel und Wertschätzung des Ursprungsstoffs. Wichtig ist bei einer solchen Gratwanderung vor allem, die Figuren so anzulegen, dass sich auch ein modernes Publikum mit ihnen identifizieren kann. Dass dies möglich ist, zeigt das Stück am Beispiel der Julia. Immer wieder teilt sie leichte und humorvolle Momente mit ihrer Amme (Nelly Bucholdt), die nicht nur für regelmäßige Lacher im Publikum sorgen, sondern diesem auch die Möglichkeit bieten, Julia unabhängig von ihrer Beziehung mit Romeo kennen- und schätzen zu lernen. Der Song „Just a Girl“, den Julia ziemlich zu Anfang singt, etabliert ihre rebellische Ader, die Shakespeares Original zwar anlegt, aber nie so deutlich ausspricht. Julia wird zu einer nachvollziehbaren Person.
Umso mehr fällt auf, dass dies bei Romeo nicht gelingt. Während andere Charaktere herumscherzen und durch Gestik und Betonung der alten Texte traditionelle Muster aufbrechen, wirkt Romeo häufig so, als gehörte er eigentlich zu einer anderen, klassischeren Inszenierung. Er bricht nie aus seiner Ernsthaftigkeit aus oder hält inne, um zu reflektieren, wie es zum Beispiel Julia tut. Das Potenzial, ihn im Zusammenspiel mit seinen Freunden Mercutio (Dennis Papst) und Benvolio (Jenny Friesecke) besser kennenzulernen, verstreicht zu weiten Teilen ungenutzt, da Romeo meistens gedanklich zu abwesend ist, um in einen direkten Austausch zu treten. Vor allem die Freundschaft mit Mercutio fühlt sich oberflächlich und gezwungen an. Das ist besonders deswegen enttäuschend, weil die Beziehung zwischen den beiden zu den wichtigsten des Stückes gehört. Die beiden schaffen es in der Inszenierung leider nie, über ihre Unterschiede hinweg eine freundschaftliche Dynamik aufzubauen. Stattdessen wirken sie eher wie Bekannte, die gezwungenermaßen etwas miteinander unternehmen.
Dabei wäre Mercutio eine gute Möglichkeit gewesen, Romeo nachvollziehbarer zu gestalten. Der Freund Romeos spricht wiederholt das aus, was auch dem Publikum zwangsläufig durch den Kopf geht: die Sprunghaftigkeit Romeos, dass seine Zuneigung sich viel zu schnell entwickelt und dass wohl mehr Lust als Liebe bei seiner Anziehung zu Julia im Spiel sein muss. Würde Romeo manchmal auf diese Anmerkungen eingehen – und sei es nur mit einem Blick, der verrät, dass er sich der Absurdität der Situation bewusst ist –, hätte ihm dies die wenigen Momente der Reflexion verschaffen können, die es gebraucht hätte, um ihn als glaubwürdiger wahrzunehmen.
Liebe oder Lust? Und warum nicht beides?
Diese Begierde zwischen Romeo und Julia wird auch im Stück immer wieder aufgegriffen, manchmal als Witz, manchmal weil Romeos darum kreisende Gedanken bereits in Shakespeares Texten angelegt sind. Dass dieser Aspekt aufgegriffen wird, hat mir eigentlich sehr gut gefallen, allerdings findet sich Romeo mehrfach in der Position wieder, diesen Teil der Anziehung zu Julia zu leugnen – und dann auch wieder nicht, wenn er unmissverständliche Anspielungen macht. Als könne sich die Inszenierung selbst nicht ganz entscheiden, ob sie seine Begierde als Teil seiner Liebe nun anerkennt oder nicht. Der Charakter Romeos wirkt dadurch immer wieder übertrieben selbstinszenatorisch und so, als jagte er mehr dem Konzept der Liebe nach als seinen tatsächlichen Gefühlen. Mit diesem Eindruck wird auch die emotionale Tiefe der Beziehung der beiden namensgebenden Protagonisten abgeschwächt.
Insgesamt bietet das DAS DA THEATER mit seiner Inszenierung von „Romeo und Julia“ ein Bühnenspektakel, das für Auge und Ohr viel bietet, jedoch Schwierigkeiten hat, die Geschichte für ein modernes Publikum in allen Facetten emotional zugänglich umzusetzen. Während die Inszenierung mit Julia zeigt, wie sich Shakespeares Figuren durch neue Nuancen bereichern und für die Gegenwart öffnen lassen, bleibt Romeo über weite Strecken zu unzugänglich, um die zentrale Liebesgeschichte und die wichtigen Beziehungen in seinem Umfeld auf der Bühne zur vollen Entfaltung zu bringen. Junge Besucher ab 14 Jahren sollten außerdem bedenken, dass für das Verständnis der Lyrics gute Englischkenntnisse erforderlich sind, um den Inhalten der Songs folgen zu können.
Weitere Pläne im DAS DA THEATER
Auch wenn „Romeo und Julia“ mich nicht vollständig überzeugen konnte, bin ich doch eigentlich immer ein großer Fan der Inszenierungen des DAS DA THEATERS. Besonders mitgerissen hat mich zuletzt „Tschick“, für das ich an dieser Stelle noch einmal eine große Empfehlung aussprechen möchte, da im frisch vorgestellten Programm für 2026/27 angekündigt wurde, dass das Stück im August wiederaufgenommen wird. Auch für die Jüngsten ist im kommenden Spielplan wieder etwas dabei. Im Oktober wird „Momo“ von Michael Ende auf die Bühne gebracht und 2027 gibt es weitere Abenteuer von Pettersson und Findus.
Zudem wurde bekannt gegeben, dass das Theater seinen Vertrag verlängern konnte, der es erlaubt, auch weiter Open-Air-Stücke auf der Burg Wilhelmstein zu spielen. Im kommenden Jahr wird dort eine Musicalinszenierung von Jane Austens Klassiker „Stolz und Vorurteil“ in der neuen Fassung „Stolz und Vorurteil* (*oder so)“ von 2018 von Isobel McArthur zu sehen sein.
DAS DA THEATER Open Air
Burg Wilhelmstein
An Wilhelmstein, 52146 Würselen
Alle Aufführungen unter: dasda.de/das-da-theater/programm/spielzeit-25-26/romeo-und-julia
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