Premiere im Theater Aachen: Die unendliche Geschichte

Andreas Spaniol, Marlina Adeodata Mitterhofer in „Die unendliche Geschichte“ | Foto: Carl Brunn

Das Stück beginnt – und kurz denkt man, es käme jemand verspätet durch einen der Eingänge ins Parkett gelaufen. Doch dann wird klar, dass es sich dabei bereits um einen Teil der Aufführung handelt. Im grünen Kapuzenpullover rennt ein ängstlich wirkender Junge (gespielt von Petya Alabozova) an den Reihen vorbei auf die Bühne und verschwindet wieder. Kurz darauf eilen durch mehrere Türen Personen herein, die anscheinend auf der Suche nach dem Jungen sind. Sie schauen durch die Gänge, raunen fiese Lieder und verschwinden wieder. Die Anfangsszene erweckt das Stück sofort zum Leben, die Kinder lachen und sind gespannt, als die Verfolger durch die Reihen blicken.

Bei dem Jungen handelt es sich um Bastian Balthasar Bux. Bastian denkt sich gerne Geschichten aus und erzählt sie sich selber. In der Schule wird er von seinen Mitschülern gehänselt. Seine Mutter ist verstorben, was ihn, seinen Vater und ihre Beziehung so belastet, dass die beiden nicht mehr miteinander sprechen. Auf der Flucht vor seinen Mitschülern findet er in einem alten Theater Zuflucht. Dort trifft er auf Herrn Koreander (Torsten Borm) und entdeckt das große Buch, „Die unendliche Geschichte“. Trotz der Bitte, auf keinen Fall einen Blick in das Buch zu werfen, fängt er an zu lesen. Doch es ist kein normales Buch, denn die Welt, von der er liest, erwacht zum Leben. Diese Welt heißt Phantásien und sie ist in Gefahr, die Kindliche Kaiserin ist krank und ihre Welt droht vom unfasslichen Nichts verschlungen zu werden, denn die Menschen scheinen Phantásien vergessen zu haben. So wird der junge Held Atréju, gespielt von Marlina Adeodata Mitterhofer, von der kindlichen Kaiserin auf die Reise geschickt, um herauszufinden, wie sie Phantásien retten können. Er macht sich durch die Sümpfe der Traurigkeit auf den Weg zur uralten Morla. Auf seiner Heldenreise wird er vom finsteren Wolf Gmork verfolgt, der ihn von der Erfüllung seiner Aufgabe abhalten soll. Er lernt den Drachen Fuchur kennen, kämpft gegen Ungeheuer und wächst über sich hinaus. Sie finden jedoch heraus, dass niemand aus Phantásien ihre Welt retten kann, sondern dass dieser Aufgabe nur jemand aus der Menschenwelt gewachsen ist. Ob es sich dabei um den kleinen, unheldenhaften Bastian handelt, der sich vor seinen Mitschülern versteckt und sich in seine eigene Fantasie zurückzieht?

Die unendliche Geschichte“ nach dem Romanklassiker von Michael Ende in der Fassung von John von Düffel ist das Familienstück der Spielzeit 2022/23 im Theater Aachen. Das Stück erzählt eine Geschichte über die Macht der Fantasie und ihre Auswirkungen auf unsere Welt.

Die Inszenierung von Roman Kohnle erweckt das Stück für das Publikum in der oben beschriebenen Szene sofort zum Leben. Das Bühnenbild ist recht schlicht gehalten, nutzt aber interessante Mittel, um die verschiedenen Schauplätze in Szene zu setzen. Atréju und sein Pferd kämpfen sich durch die Sümpfe der Traurigkeit. Diese werden von einem riesigen schwarzen Tuch verbildlicht, auf dem sie hin und her rutschen und welches sich immer mehr aufbläht und sie schließlich versinken lässt.
Die Aufmerksamkeit wird jedoch vor allem auf die Charaktere und ihren Auftritt gelenkt. Die Kostüme von Lena Baumann finden lustige und ansprechende Lösungen, die verschiedenen Wesen aus Phantásien auf der Bühne
zu verkörpern.

Foto: Carl Brunn

Die alte Morla, eine riesige Schildkröte, wird von gleich drei Personen gespielt, die jeweils einen Körperteil der Schildkröte bilden und die Schildkröte mit drei Stimmen sprechen lassen. Der riesige Drache Fuchur, bei dem wir uns vor dem Stück fragten, wie sie Atréju wohl auf ihm reiten lassen werden, wird von Andreas Spaniol gespielt, der einen Drachenkopf über seinen eigenen Kopf hält. Fuchur hat seinen Schwanz zuvor aus Angst abgeworfen und kann so von nur einer Person dargestellt werden. Atréju läuft hinter Fuchur her, wenn sie gemeinsam fliegen.
Der Esel Jicha, gespielt von Lucy Blasche, versetzt die Kinder und auch Erwachsenen durch
Auftreten und Eselsprache in lautes Gelächter.

Kinder bleiben zwei Stunden gespannt bei der Sache

Insgesamt schafft das Ensemble es, die Geschichte von Michael Ende mit viel Humor und Spannung zu erzählen und so Kinder ab acht Jahren (so die Altersempfehlung) und Erwachsene in seinen Bann zu ziehen. Trotzdem gefällt es auch dem vierjährigen Felix, der unbedingt mit seiner Mutter und seinem achtjährigen Bruder ins Theater kommen wollte. Es ist ihm nicht zu spannend. Die beiden Geschwister sind sich einig, sie finden den Drachen Fuchur am tollsten.

Trotz einer Spielzeit von zwei Stunden und 15 Minuten inklusive Pause verfolgen auch die kleinen Gäste das Stück bis zum Ende gespannt. Die Begeisterung findet nach der Premiere in tosendem Applaus und Standing Ovations ihren Ausdruck.

Insgesamt schafft es das Stück – wenn auch in abgeänderter Form zum Buch von Michael Ende – die Kernaspekte darzustellen und auf die Bühne zu bringen. An einigen Stellen unterscheidet es sich, Szenen sind angepasst und abgeändert oder fehlen. Das lädt Familien zum Nachlesen ein. Sowohl Erwachsene, die das Buch noch aus der eigenen Kindheit kennen, als auch Kinder, die es vielleicht noch nicht kennen, können gemeinsam zum Buch greifen, genießen und vergleichen.

theateraachen.de/die-unendliche-geschichte

 

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