„La vida ni se ha hecho para comprenderla sino para vivirla.“ – Das Leben ist nicht dazu da, um verstanden zu werden, sondern um gelebt zu werden.
Ich sitze in einem der Minibusse in El Alto auf dem Weg zum Markt, als ich an einem vorbeifahrenden Auto diesen Spruch lese. Wenig später rufe ich dem Fahrer zu, dass ich gerne aussteigen möchte. Er hält mitten auf der Straße an, ich bekomme aus dem Fenster heraus mein Wechselgeld gereicht und stürze mich in das Gewusel des Marktes. Abends sitze ich mit Schal, Mütze, zwei Pullis und fünf Decken in meinem Bett, und nach einem Acht-Stunden-Arbeitstag tanze ich mit all der übrig gebliebenen Energie typisch bolivianische Tänze, während die bolivianische Musik „Soy de Bolivia“ (ich komme aus Bolivien) meine Tanzschritte formt. Um meinen Alltag in vollsten Zügen zu leben, hatte ich nach Weihnachten und Silvester in Chile erst einmal drei Wochen Urlaub, den ich mit meiner Freundin, die Freiwillige in Sucre ist, verbracht habe.
Einen Tag machten wir eine Tour entlang der Todesstraße. Ihren Namen trägt die Straße, die von La Paz bis in die Yungas von Coroico (eine Stadt im Regenwald) führt, wegen ihrer extremen Steigung und der sehr schmalen Pfade. Aufgrund vieler Autounfälle in der Vergangenheit wurde die Straße für Autos gesperrt. Stattdessen kann man mit einem Mountainbike rund drei Stunden die mit Steinen übersäten Pfade herunterfahren. Der Weg führt unter Wasserfällen entlang, durch eine Nebelwand aus Regen und Kälte bis hinunter in eine tropische Landschaft mit einem Meer aus Bäumen, Blumen und Schmetterlingen. (Ganz ohne ist der Weg nicht. Beim letzten Abschnitt taten meine Hände von dem ganzen Bergabfahren und dem steinigen Weg ganz schön weh, sodass ich kaum etwas von der Aussicht mitbekam, sondern mich konzentrieren musste, um das Lenkrad nicht loszulassen. Auf dem Rückweg, den wir dann zum Glück im Auto zurücklegten, sammelte unser Reiseführer einen erfahrenen Kollegen ein, den ein kleiner Stein aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, sodass er ganz unglücklich auf seinen Arm gefallen war, den er jetzt vor Schmerzen kaum bewegen konnte. Im Nachhinein wurde mir erst bewusst, wie gefährlich dieser Spaß sein kann und mit welch einer scheinbaren Leichtigkeit manche Guides das Risiko Tag für Tag auf sich nehmen.)
Und dann endlich ging unsere Reise so richtig los. Wir starteten in Copacabana, wo wir von einer großen Portion Regen empfangen wurden. Trotzdem stiegen wir abends auf einen Berg, von dem man eine fabelhafte Aussicht auf Copacabana und den Titicacasee hat. Mit den Lichtern, die in der Dunkelheit nahezu magisch aussahen, und dem weiten Blick auf den endlos scheinenden See fühlte es sich so an, als wäre man auf dem Weg in ein dunkelblaues Meer. Da die Sonne am nächsten Tag vor lauter Wolken gar nicht rauskam, entschieden wir uns dazu, eine Bootsfahrt zu den beiden Inseln „isla de la luna y isla del sol“ (Mondinsel und Sonneninsel) zu machen. Natürlich wollten wir oben auf das Deck des Bootes, um alles sehen zu können. Wenig später waren wir tropfnass und zitterten vor Kälte, während uns einfiel, dass wir Sonnencreme und Sonnenhut vergessen und nur eine Mütze und einen Schal dabeihatten. Auf beiden Inseln schien nämlich so doll die Sonne, dass wir am nächsten Tag Sonnenbrand im Gesicht hatten. Die Südhälfte der Sonneninsel hat mir unglaublich gefallen. Statuen und Gemüsebeete waren mit bunten Blumen verziert, und die Aussicht auf das türkise Wasser war atemberaubend. Auch haben wir aus dem Brunnen der ewigen Jugend getrunken, das Wasser war so klar und lecker, dass wir es direkt in unsere Flaschen abfüllten.
Wenig später verließen wir unsere geliebte zweite Heimat nach ein wenig Grenzchaos und wachten am nächsten Morgen in Cuzco, Peru, auf. Als Kind habe ich immer mit meinem Bruder zusammen von Cuzco und Machu Picchu geträumt, jetzt hier zu stehen, durch die Altstadt zu schlendern und die Atmosphäre und Architektur dieser wundervollen Stadt auf sich wirken zu lassen, fühlte sich wie eine Zeitreise in meine Träume an. Die nächsten Tage unternahmen wir eine Wanderung im nahegelegenen Tal Maras und zu den Salzminen, testeten Bäckereien und genossen das vegetarische Essen, sahen im Theater peruanische Tänze oder verbrachten Zeit mit Lesen in der Hängematte.
Um sechs Uhr morgens ging es anschließend nach einer sehr abenteuerlichen Busfahrt in einen kleinen Ort mitten im Amazonasgebiet, von wo aus wir drei Stunden nach Aguas Calientes gewandert sind. Auf dem Weg wurden wir von den Geräuschen des Regenwaldes, von Kolibris und grünen Papageien, Bananen- und Avocadobäumen, riesigen Blättern und farbenfrohen Blumen verzaubert. Die Stadt Aguas Calientes liegt am Fuß der berühmten Stadt Machu Picchu. Dadurch ist sie ein absoluter Touristenmagnet, ich hatte es mir dort ehrlich gesagt ein wenig gelassener und einheimischer vorgestellt. Dafür wurden wir am nächsten Tag nach einem steilen Aufstieg bei tropischen Temperaturen von einer atemberaubenden Aussicht überrascht. Machu Picchu an sich ist wirklich sehr faszinierend, aber die hohen Berge, das Rauschen des Flusses und das Grün des Amazonas machen das Erlebnis in meinen Augen nahezu malerisch.
Um dem Massentourismus zu entfliehen, fuhren wir wenige Tage später in ein kleines Örtchen namens Puerto Maldonado, das ebenfalls im Amazonasgebiet liegt und nur 50 Kilometer von der bolivianischen Grenze entfernt ist. Durch das warme Wetter, die Märkte, Kokosnüsse, Schwimmen im Fluss und einen farbenfrohen Sonnenuntergang habe ich mich sofort in diesen Ort verliebt. Wir entschieden uns nach kurzer Überlegung zu einer dreitägigen Regenwaldtour, auf der wir Kajak fuhren und Papageien, Capybaras und transparente Schmetterlinge sahen. Mein persönliches Highlight war, als wir auf der Suche nach Kaimanen nachts mit dem Boot auf den Fluss fuhren und sich scheinbar wie aus dem Nichts ein Meer aus Sternen über uns erstreckte. Mit der Milchstraße im Sichtfeld und der Sternschnuppe, die sich wie ein Bogen über den Himmel spannte, schien es mir schon fast unwirklich.
Zurück in El Alto wurde mein Alltag mit ganz vielen Festen, Geburtstagen und natürlich Karneval definitiv nicht langweilig. Am Freitag haben wir auf der Arbeit, verkleidet als Pepino (ein Kostüm, das an Clowns erinnert), den Karneval mit der sogenannten Challa eröffnet. Dies ist eine Tradition, bei der die Räumlichkeiten mit einem Mix aus Blumen, Zucker, Reis und Bohnen gesegnet werden in der Hoffnung, dass sie lange erhalten bleiben. Außerdem wurde ich auf der Arbeit „getauft“, wobei ich als Küken verkleidet wurde und mir dann nacheinander Farbe, Mehl, Konfetti, dreckiges Wasser und schlussendlich ein rohes Ei auf den Kopf geschmissen wurde. Der Brauch an Karneval ist, sich mit Wasser und Sprühschaum gegenseitig komplett nass zu machen, was die Kinder im Kürmi innerhalb von fünf Sekunden schafften. Von meiner Tanzschule aus tanzten wir die Straßen entlang und veranstalteten danach so etwas wie eine Wasserschlacht, und als ich mit meinen Gasteltern einen Tag nach La Paz runterfuhr, sah es wegen des Sprühschaums so aus, als hätte es geschneit. Am Sonntag darauf wurde der Pepino mit einer Karnevalsparade beerdigt, und so endeten die Karnevalsfeier und das Nassmachen.
Ich bin sehr glücklich, mittlerweile in Bolivien durch das Leben tanzen zu können, mit Familie und Freunden gemeinsam zu lachen und so mein Leben lieben zu lernen.
Bis ganz bald, Katharina Nix
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