Musikbunker – Wie ernst ist die Lage?

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Im letzten Jahr schien sich nach einem großen Aufschrei in der Kulturszene alles zum Guten zu wenden, als die Stadt Interesse bekundete gemeinsam mit dem Verein Musikbunker e. V. den Bunker an der Goffartstraße vom Bund zu erwerben, – jetzt wurden aufmerksame Beobachter erneut aufgeschreckt. Fördergelder von 1,9 Millionen, die für den Bunker gedacht waren, wurden nicht beantragt und plötzlich steht eine neue Wohnbebauung durch Investoren im direkten Umfeld des Bunkers im Raum. Grund für uns, nachzuhören. Wie ist die aktuelle Lage?

Investoren bekunden Interesse an Grundstück hinter Bunker

Monatelang war es still um den Musikbunker, und zwar in mehrerlei Hinsicht. Erstens halten Türsteher die Gäste dazu an, nachts keinen für Anwohner unerträglichen Lärm vor der Bunkertür zu machen; und zweitens schien nach dem einhelligen Bekenntnis von Bürgermeister und Rat für den Erhalt die existenzielle Bedrohung des szenekulturell wichtigen Veranstaltungsangebots gebannt zu sein. Starker Öffentlichkeitsdruck hatte Rat und Verwaltung bewegt, den Musikbunker als Projekt in das Innenstadtkonzept 2022 aufzunehmen. Es sollten bei der Bezirksregierung Städtebaufördermittel beantragt werden, um den Bunker zu kaufen und den Haupteingang der Location an die rückwärtige Seite zu verlegen. Durch diese Maßnahme sollte die Nachtruhe der klagenden Anwohner ebenso sichergestellt werden wie das umfangreiche Konzert- und Partyprogramm. Lars Templin, Geschäftsführer des Musikbunker e. V., fiel deshalb aus allen Wolken, als er vor wenigen Wochen erfuhr, dass plötzlich das Ingenieurbüro Kempen Krause und die Firma Caspar und Co. Interesse daran bekunden, hinter dem Bunker Wohngebäude zu errichten. Würden diese Pläne umgesetzt, wäre die Hoffnung dahin, durch eine Verlegung des Eingangs für Frieden zwischen Bunkernutzern und Anwohnern zu sorgen – der Bunker wäre dann nämlich allseitig von Wohnbebauung umschlossen.

Fördergelder für Bunker (noch) nicht beantragt

In der Ratssitzung Anfang Mai dann der zweite Schlag in den Magen: Weil die Bezirksregierung ihre Regularien verschärft habe, könne die Frist zur Beantragung der Fördermittel für den Musikbunker in Höhe von 1,9 Millionen Euro nicht eingehalten werden; es sei unmöglich, bis zum Stichtag am 15.5. bewilligungsfähige Unterlagen zusammenzustellen, heißt es sinngemäß in der entsprechenden Vorlage für die Sitzung am 8. Mai. Auch für zwei andere Projekte werden die Fördermittel nicht mehr fristgerecht beantragt werden können, so dass die Stadt Investitionen von insgesamt 3 Millionen Euro verschieben muss. Anders als verschiedentlich gemunkelt wurde (mehrfach fielen Stichworte wie „mangelnde Planungskompetenz“), hat sich die Stadt die Fördergelder allerdings nicht einfach so komplett durch die Lappen gehen lassen. Sie kann die Zuwendungen in einem der nächsten Jahre noch einmal beantragen – sofern sie es dann schafft, alle nötigen Unterlagen zusammenzustellen. Mit etwas Glück werden die Projekte also genauso realisiert wie geplant, nur später. Wenn ein Projekt wie der Musikbunkerumbau kurzfristig in ein bereits länger geplantes mehrstufiges Innenstadtkonzept aufgenommen werde und der Fördermittelgeber zugleich seine Nachtragspraxis ändere, seien solche Verzögerungen nicht zu vermeiden, heißt es von der Pressestelle der Stadt Aachen. Die Bezirksregierung hat ihre Richtlinien nämlich gestrafft und akzeptiert anders als in den Jahren zuvor inzwischen nur noch komplett durchgeplante Vorhaben. Und von „komplett durchgeplant“ kann im Fall des Bunkers nicht (mehr) die Rede sein.

Bäumchen-wechsel-dich-Spiel der Stadt?

Dass die beiden Tiefschläge für die Freunde des Bunkers nämlich doch nicht ganz unabhängig voneinander erfolgen, findet sich in einem Nebensatz in derselben Sitzungsvorlage: Der erforderliche Planungszustand für das Musikbunkerprojekt könne unter anderem deshalb nicht erreicht werden, weil andere „städtebauliche Entwicklungen durch Investoren […] ggf. zu einer Umplanung“ führten. Was zuerst als fest geplant dargestellt worden war, wird also wieder in Frage gestellt. Ähnliche Schlussfolgerungen mag die Grünen, die sich von Vorne herein für den Erhalt des Bunkers ausgesprochen haben, dazu bewogen haben, die Causa Bunker per Ratsantrag auf die Tagesordnung der nächsten Planungsausschusssitzung am 11.6. zu setzen und eine Erklärung für das Antragschaos von Seiten der Verwaltung einzufordern. In der Tischvorlage der städtischen Bauverwaltung unter Führung von Eckard Larosch wird die Antragsverschiebung dann sogar als vorausschauende Geste im Sinne des Musikbunkervereins gewertet. Aufgrund der neuen Sachlage (potentielle  Wohnbebauung durch Investoren) soll nun eine weitere Zugangsalternative geprüft werden (Nähe Goffartstraße, also auch anwohnerunfreundlich), denn ein bauordnungsrechtlich zulässiger Zugang sei nun mal Voraussetzung für den Erwerb und Betrieb des Bunkers. „Um den Verein vor unkalkulierbaren Kostenrisiken zu bewahren [der Verein muss einen Eigenanteil für die Eingangsverlegung und den Kauf einbringen, BS], wurde die Beantragung von Städtebaufördermitteln für dieses Jahr zurückgestellt.“

Selbst mit großem Wohlwollen wirkt das Vorgehen der Stadt wie ein Bäumchen-wechsel-dich-Spiel. Rat und Verwaltung beschließen öffentlich den Erwerb und Umbau des Bunkers, aber sobald ein Investor vage Pläne äußert, steht alles wieder in Frage. Dabei gibt es für das Gebiet weder einen Bebauungsplan (mit einem solchen könnte die Stadt die Nutzung explizit regeln und damit auch rechtlich eindeutig Stellung für das Bunkerprojekt beziehen), noch scheinen alle Zufahrts- und Eigentumsrechte an den zu bebauenden Grundstücken abschließend geklärt zu sein. Misstrauische Beobachter müssen die Rückstellung des Antrags als Hintertür werten, die es der Stadt ermöglicht, sich mit dem Hinweis auf konkurrierende Interessen doch noch aus dem Bunkerprojekt zurückzuziehen. Es ist kein Geheimnis, dass dem einstimmigen Bekenntnis für den Erhalt des Musikbunkers zum Trotz nicht alle Ratsfraktionen und Verwaltungsmitarbeiter gleichermaßen begeistert von den Umtrieben der Subkulturszene sind und sich manche eher den Interessen privater Investoren verpflichtet fühlen als den Bedürfnissen der freien Szene.

Rat fühlt sich an das im letzten Jahr gegebene Versprechen erinnert

MusikbunkerImmerhin, das aufmerksame Nachhaken von Presse, Öffentlichkeit und bunkerfreundlichen Ratsleuten hat auch diesmal Wirkung gezeigt. In der Ausschussitzung am 11.6. fühlte sich der Rat an das im letzten Jahr gegebene Versprechen erinnert und beauftragte die Verwaltung damit, zuerst das Bebauungsplanverfahren zur Sicherung des Bunkers durchzuführen und erst dann weitere Projekte im Bunkerumfeld ins Visier zu nehmen. Ein klares Votum, über das sich auch Grünenfraktionsgeschäftsführer Helmut Ludwig freut: „Man muss sich im Leben auch mal entscheiden.“ Bis ins letzte abgesichert ist der Bunkererhalt damit zwar noch nicht, aber es steht zu hoffen, dass Stadt und Rat in Zukunft auf taktische Züge verzichten und sich an ihre öffentlichen Willensbekundungen gebunden fühlen. Die Stimmung in der Sitzung spricht dafür. „Ich war überrascht, wie positiv und emotional manche Aussagen über den Bunker waren“, erzählt Lars Templin, dem ein Stein in der Größe eines Findlings vom Herzen gefallen sein dürfte, „Manche Ratsleute sind sogar von ihren Kindern gebeten worden, sich für den Bunker einzusetzen. Ich habe wirklich den Eindruck, dass die Stadt uns große Unterstützung entgegen bringt.“ Lars und seine Mitstreiter haben Verständnis für die Nöte von Anwohnern und wünschen sich für die rückwärtige Bunkerseite eine Nachbarschaft, die nicht unter den Veranstaltungen leidet. „Am schönsten wäre es, wenn die kulturelle Nutzung in diesem Bereich ausgeweitet werden könnte“, sagt Lars. Wer weiß, vielleicht ist der Musikbunker irgendwann nicht mehr von Klagenden, sondern von Kreativen umgeben.



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