Musical für Familien: Annie

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Vorgestellt von Marco Siedelmann
Die kleine Annie ist die gute Seele im Waisenhaus an der Hudson Street: Sie beschützt ihre wesentlich schwächere Freundin Molly vor Hänseleien, sie bietet kühn jedem Ärger die Stirn und weiß immer Trost oder Rat auszuschenken. Geleitet wird das Heim von der trunksüchtigen und eigennützigen Miss Hannigan, die ein strenges Regiment führt und jeden Spaß zu reglementieren versteht. Miss Hannigan sieht es nicht gern, dass ausgerechnet die gutherzige Annie zum Milliardär Oliver Warbuck. Eine Woche soll sie auf dem riesigen Anwesen leben – insgeheim eine Image-Aufbesserung des kaltschnäuzigen und ausschließlich gewinnorientierten Geschäftsmanns. Der nimmt auch folgerichtig keinerlei Notiz von dem aufgeweckten Mädchen – was sich selbst dann nicht ändert als Annie ihm das Leben rettet. Erst seine persönliche Assistentin bewegt ihn dann dazu, einer dauerhaften Adoption beizustimmen. Doch Annie wartet nicht auf eine möglichst bequeme Adoption sondern ist der festen Überzeugung, dass ihre biologischen Eltern sie eines Tages wiederfinden. Warbuck stellt eine Belohnung von 50.000 Dollar aus, für denjenigen, der Annies Eltern ausfindig machen kann. Doch auch Miss Hannigan will ihr Stück vom Kuchen und plant die Entführung des ihr ehemals anvertrauten Waisenmädchens.

„Annie“ ist nicht nur ein Spätwerk des großen Hollywoodregisseurs John Huston (der mit seinem seinem Erstlingswerk „Die Spur des Falken“ mit dem Film Noir ein ganzes Genre archetypisch kreierte) sondern auch dessen einziges Musical. Zwar waren groß angelegte Broadway-Adaptionen in den ersten jahrzehnten der langen karriere von Huston Usus in Hollywood, das sehr maskulin-anpackende Kino des berüchtigten Alkoholikers konnten aber nicht weiter entfernt sein von den verspielten Welten eines Musicals. Das ausgerechnet Huston also gerade einen besonders familienfreundlichen Stoff gewählt hat ist einigermaßen überraschend. Und auch wenn eine markante persönliche Handschrift kaum auszumachen ist, so tropfen aus jeder Pore dieses Films die Tugenden des klassischen Studiokinos. Eine Kamera, die wohlüberlegt jede architektonische Bedingung für sich zu nutzen weiß, die expressiven und gekonnt eingesetzten Schattenspiele, die aufwendige aber nie protzige Tanzchoreografie – man könnte diese Liste fast beliebig verlängern und würde immer zum selben Schluss kommen: „Annie“ ist Filmhandwerk, wie es heute nicht mehr gemacht wird. Man denke nur an die Übersichtlichkeit, die „Hard Knock Life“ zum unvergesslichen Klassiker werden lässt und vergleiche die dazugehörige Szene mit der zerschnittenen Musikvideo-Ästhetik moderner Musicals wie „Chicago“.

Sonderlich gut gealtert ist „Annie“ wiederum auch nicht: Der unangenehm anheimelnde Sozialkitsch trübt ein wenig den Gesamteindruck. Zwar ist die Geschichte angemessen märchenhaft erzählt, schon zur Entstehungszeit musste sie aber bieder und zahm wirken. Der Riesenerfolg am Broadway ebnete den Weg für diese Verfilmung, die man eben im besten Sinne als altmodisch oder im unangenehmen Sinne als altbacken bezeichnen kann. Aileen Quinn ist idealbesetzt als stimmliches und schauspielerisches Talent, dass hier offensichtlich in die Fußstapfen von Kinderstar-Legende Shirley Temple gesteckt wird. Quinn blieb weiterhin beim Musical und machte eine beachtliche Bühnen-Karriere. Auch die Nebenrollen sind prominent besetzt, so glänzt neben Tim Curry und Albert Finney vor allem Carol Burnett als versoffene, bedrohliche Miss Hannigan. Eine wunderschöne Schurkenrolle, wie sie der Kinderfilm nur selten in ähnlicher Qualität hervorgebracht hat – Burnett nimmt diese Chance dankbar an und zeigt ihre vielleicht beste Darbietung überhaupt. Entscheidend ist der Zeitraum der Handlung: Das Bühnenstück, dass seinerseits wiederum auf den legendären Little Orphan Annie Comic-Strips der Zwanzigerjahre beruht, situiert die Handlung in der Weihnachtszeit und wirkt somit unverfänglicher als die stark ideologisch gefärbte Transferierung in die Zeit um den amerikanischen Unabhängigkeitstag. John Huston war nicht gerade für eine liberale politische Grundhaltung bekannt – dieser Schritt erscheint in seiner Subtilität aber geradezu perfide. Die Zweihundertjahresfeier war der amerikanischen Öffentlichkeit noch in guter patriotischer Erinnerung.

Die BluRay präsentiert den Film selbstverständlich in seiner ursprünglichen, sehr ausgeprägten und stilechten Farbdramaturgie und bietet – je nach der daheim verfügbaren Technik – sicherlich auch einen wesentlich voluminöseren Sound.

USA 1982 / Regie: John Huston / 127 Min. / FSK: ab 6
Erscheinungstermin: 02.10.2012

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