Zutritt für Erwachsene? Nur mit Visum! Für eine Woche in den Herbstferien verwandelte sich das Gemeindezentrum St. Andreas in eine Stadt, in der alle Entscheidungen allein von Kindern getroffen wurden. Mit Wahlen, hauseigenem Presseteam, Ordnungsamt und eigener Währung. Auch an den Steuern kommen bereits die Jüngsten nicht vorbei. Wie läuft das Leben so in einer von Kindern regierten Stadt?
„Kinder an die Macht“ deklarierte bereits Herbert Grönemeyer. Diese Forderung erfüllt die Kinderstadt Aachen nur allzu gerne. Vom 14. bis zum 18. Oktober erwachte die Stadt zusammen mit 87 Kindern im Alter von 8 bis 12 Jahren und 30 Jugendbetreuern zwischen 16 und 27 Jahren zum Leben.
Die beiden frisch ins Amt gewählten Bürgermeister Carl und Paula hielten zusammen mit dem Stadtrat am 15. Oktober eine Pressekonferenz ab und erklärten den mit einem Visum in die Stadt gelassenen Pressevertretern, wie die Kinderstadt Aachen funktionierte.
Ein Tag in der Kinderstadt
Hier hat alles seinen geregelten Ablauf. Der Tag beginnt für alle Kinder mit einem Besuch beim Arbeitsamt, bei dem sie ihren Job für den Tag wählen können. Die Auswahl ist groß. Wie wäre es mit einer Anstellung auf der Kirmes, um dort dabei mitzuhelfen, die neue Geisterbahn zu entwickeln? Man könnte aber auch beim Ordnungsamt mitarbeiten, für die Presse recherchieren und gemeinsam die Nachrichtensendung „Nachrichten aus der Kinderstadt“ auf die Beine stellen. Oder warum nicht bei der Werbeagentur einsteigen und Plakate entwerfen? Die Liste könnte immer so weitergehen. Die Kinder können auch ihr eigenes Unternehmen aufbauen. So verrät Bürgermeister Carl auf der Pressekonferenz, dass er nicht nur in seinem Amt als Bürgermeister tätig ist, sondern auch mit seinem Bruder und einem Freund zusammen einen gut laufenden Kiosk gegründet hat.

Der Tag unterteilt sich für die Kinder in drei Arbeitsschichten à 45 Minuten und natürlich eine große Mittagspause. Wer möchte, kann nach jeder Schicht seinen Job wechseln. Im Anschluss an eine Arbeitseinheit können die Kinder sich bei der Bank ihr Gehalt abholen. Möglichkeiten, das Geld in der Stadt auszugeben, gibt es genug. Bezahlt wird alles in der eigenen Währung der Stadt: dem Karlstaler. Bei einem Bummel kann man selbst hergestellte Armbänder kaufen, sich im Café etwas zu knabbern holen oder sich am neu gegründeten Zuckerwattestand bedienen lassen. Oder wie wäre es mit einem Besuch im Kino oder der neuen Aufführung des Theaters? Vielleicht will man sein Glück aber auch einfach am Glücksrad herausfordern. Oder man spart das Geld, um sich Güter für sein eigenes Geschäftsvorhaben leisten zu können. Zehn Karlstaler können die Kinder während einer Schicht verdienen, zwei davon müssen sie als Steuer zahlen. Auch in der Kinderstadt ein umstrittenes Thema, denn mit seinem Wahlversprechen, sich für eine Senkung der Steuern einzusetzen, entschied Bürgermeister Carl die demokratische Wahl für sich. Für die Beschwerden der Bürgerinnen und Bürger wurde ein eigener Briefkasten eingerichtet, damit jeder sich Gehör verschaffen konnte.
Das Konzept
Die Kinderstadt Aachen fand zum ersten Mal statt, aber die Idee ist nicht neu. In Bonn, Köln, Nürnberg oder der Kinderstadt-Gründungsstadt München finden Planspiele wie „Mini-München“ bereits häufiger in der Ferienzeit statt. Ins Leben gerufen hat das Projekt in Aachen Christiane Schmelter, die die Kinderstadt zusammen mit der Pfarre Franziska von Aachen und der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen umgesetzt hat (wir haben berichtet). Die Teilnahme an der Kinderstadt war für alle Kinder konfessionsunabhängig möglich.
Vor dem Beginn des Planspiels wurden die Jugendleiter ein ganzes Wochenende lang auf die Kinderstadt vorbereitet. Gemeinsam mit dem Orgateam rund um Christiane Schmelter legten sie ein Grundgesetz sowie die grundlegenden Jobangebote in der Kinderstadt fest. Das Grundgesetz enthält Regeln wie das Verbot, einem anderen Kind weh zu tun. Weitere Gesetze, beispielsweise dass in der Stadt kein Kaugummi gekaut werden darf, wurden von den Kindern nach Beginn des Planspiels demokratisch beschlossen. Auch das Grundgesetz konnte während der Woche von den Kindern nach ihren Vorstellungen erweitert oder angepasst werden. Die Entscheidungen über die Weiterentwicklung der Stadt lag ganz in den Händen der Kinder.
Zudem wurde die Kinder bereits vor dem Start der Woche auf acht Bezirke aufgeteilt.
Bei der Anmeldung konnten die Kinder angeben, mit wem sie gerne in einem Bezirk zusammen sein möchten. Jeder der acht Bezirke wurde durch einen Abgeordneten im Stadtrat vertreten.
Innerhalb des Planspiels können die Kinder erste Erfahrungen mit abstrakten Phänomenen des demokratischen und gesellschaftlichen Zusammenlebens sammeln. Wie könnte man besser das Prinzip eines Stadtrates verstehen, als selbst einen aufzustellen und seine Aufgaben zu übernehmen? Auch wirtschaftliche Zusammenhänge wie Inflation oder Steuern können am besten dadurch erfasst werden, dass man selbst in kleinerem Rahmen erste Erfahrungen mit ihnen sammeln kann. In ihrer Stadt können die Kinder aktiv Prozesse mitgestalten und über Gesetze und Regeln bestimmen. Entscheidungen über Gesetze im Sinne der Bürgerinnen und Bürger zu treffen liegt in den Händen der Bürgermeister und des Stadtrates. Die Begeisterung ist den Kindern anzumerken, egal an wen man sich wendet. Mit viel Spaß, Ernst und Leidenschaft kommen sie ihren Pflichten in der Stadt nach.
Abschluss
Jeder Tag in der Kinderstadt endet mit einer Bürgerversammlung, bei der die Kinder sich noch einmal austauschen können und die beiden Bürgermeister zusammen mit dem Stadtrat die Möglichkeit haben, ihre neuesten Beschlüsse mitzuteilen oder ihre aktuellen Gesetzesentwürfe vorzustellen. Auch wofür die Steuern in der Kinderstadt verwendet werden, erfahren wir hier. Ein Teil der Steuergelder wird dem Fitnesscenter zur Verfügung gestellt, damit dieses im weiteren Verlauf der Woche eine Sportolympiade ausrichten kann. Im Anschluss werden die Nachrichten abgespielt, in denen über die Neugründung von Betrieben berichtet wird oder auch der Kioskbesitzer mit vorgehaltenem Mikro dazu gelöchert wird, warum er sein Sortiment um Hot Dogs erweitert hat. Um 16 Uhr verlassen die jungen Bürgerinnen und Bürger die Kinderstadt, um am nächsten Tag zurückzukehren und ihren emsigen, kreativen und fröhlichen Tagesbetrieb wieder aufzunehmen.
Im kommenden Jahr soll die Kinderstadt Aachen erneut stattfinden und möchte dann noch mehr Kindern die Teilnahme ermöglichen.
Weiter Informationen zur Kinderstadt Aachen gibt es unter: kinderstadt-aachen.de
Die Idee der Kinderstadt kommt aus München
Mini-München ist seit 45 Jahren nicht nur das größte Ferienprogramm der Stadt, sondern auch eines der bekanntesten kulturpädagogischen Projekte für Kinder in Deutschland. Über 300 Spielstädte im In- und Ausland haben sich an der Idee orientiert. In München nehmen inzwischen rund 2.000 Kinder an einer Kinderstadt teil.
Noch mehr Kinderstädte in der Region
Düren
Die Kinderstadt Düria gibt es mit Unterbrechung seit mehr als 30 Jahren. In diesem Jahr haben vier Jugendzentren gemeinsam mit dem Jugendamt der Stadt Düren die Kinderstadt für 60 Kinder veranstaltet. Dabei gab es zum ersten Mal weibliche Bürgermeisterinnen. Das Bogenschieß-Angebot der kirchlichen Jugendarbeit ist bei den Kindern sehr gut angekommen, ebenso die Werkstätten wie Schneiderei, Floristik, Bäckerei und Holzwerkstatt – etwas anfertigen/herstellen stand hoch im Kurs.
Auch 2025 wird es eine Kinderstadt in den Herbstferien geben.
Infos bei: Sarah Dittrich, s.dittrich@dueren.de
Würselen
„Flocki ist eingeklemmt, die Feuerwehr muss kommen!“ Teddy Flocki steckte in der Heizung fest, wurde von der Feuerwehr befreit und ins Krankenhaus gebracht. So geschehen bei der Kinderstadt in Würselen. Feuerwehr und Krankenhauspersonal waren natürlich Kinder bei der Arbeit.
Als erstmaliges Ferienprojekt der OGS in Weiden in Kooperation mit den Kindern im Projekt „Gouleykids“ und Kindern aus dem Familienpaten-Projekt des Kinderschutzbundes wurde eine Woche lang das Leben in einem System Stadt gelebt. Einer sinnvollen Arbeit nachgehen, mit Gold bezahlen – alles kam super an, nur dass sie beim Arbeitsamt und bei der Bank lange anstehen mussten, monierten die Kinder.
„Hier bekamen die Kinder einen guten Eindruck davon, dass Demokratie schwieriger ist, als ein neues Video zu starten“, so Ulla Wessels, Geschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes Würselen.
Nach dem diesjährigen Erfolg wird es 2025 höchstwahrscheinlich weitergehen.
Infos bei: Ulla Wessels, dksb.wuerselen@t-online.de
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