Kinderfilmklassiker: Bernard und Bianca

in Standard

Vorgestellt von Marco Siedelmann
Die Agenten Bernard und Bianca arbeiten für die Rescue Aid Society – eine international operierende Hilfsorganisation, bestehend aus Mäusen. Die kleinen Nager haben es sich zur Aufgabe gemacht, Kinder in aller Welt aus Notlagen zu befreien. Und in einer ganz besonders dringlichen befindet sich die kleine Penny, die sich per Flaschenpost gemeldet hat. Als Waisenkind wird sie von der bedrohlichen Madame Medusa gefangen gehalten, weil die an das Erbe des Mädchens will. In einer abgeschiedenen Sumpflandschaft muss Penny ausharren, eingepfercht in ein klappriges Holzhaus, bewacht von aufgeplusterten Krokodilen, die von der Schreckschraube Medusa als Haustiere gehalten werden. Kein leichter Auftrag für den nervösen Bernard und die tapfere Bianca, die per Albatrosflug ihre Reise antreten.


„Bernard und Bianca – Die Mäusepolizei“ ist das Ende einer Ära, der Ära Wolfgang Reithermans. Als Disney-Urgestein lenkte er die Geschicke der Kinofilme in den Siebzigerjahren. Auf seine Rechnung gehen modernistische stilistische Erneuerungen, die sich am besten am jazzigen „Aricocats“ illustrieren ließen. Reitherman und Chef-Animator Don Bluth, der bald darauf Disney voller Verbitterung verlassen sollte, verleihen dieser Abentuergeschichte eine wildromantische Ader, die Sonnenuntergänge und die eigenwillige Vegetation der Sumpfgebiete mit einer eigentümlichen Magie auflädt. Kids könnten sich ein wenig am gemäßigten Tempo stören, das letztlich aber nur einer sorgfältigen Charakter- und Erzählentwicklung geschuldet ist. „Für jeden Lacher eine Träne“ war ein Credo von Walt Disney – an die sentimentalen, immer zwischen Kitsch und Humor ausbalancierten frühen Disney-Werke der Vierzigerjahre knüpft der Film ebenso an, wie er sich nicht davor fürchtet, auch viele dunkle Momente einzustreuen, die durchaus auch beängstigend wirken können.

Schlägt man eine Brücke zum zweiten Teil, spricht man auch über die Umwälzungen, die Disney in den Achtigerjahren durchgemacht hat. Zwischen den Kollegen Bernard und Bianca knistert es noch immer gewaltig als sie ein dringender Notruf erreicht: Der australische Wilderer McLeach (im Original von Reibeisen George C. Scott gesprochen, auf deutsch kongenial von Helmut Krauss intoniert) ist grausam hinter den seltenen Tieren seines Landes her – so gut er kann vereitelt der kleine Cody die schurkischen Pläne des skrupellosen Jägers. McLeach entführt Cody um an einen majestätischen Adler zu fangen. Die Mäuseagenten verlieren keine Zeit, schwingen sich auf den nächsten Albatros und treffen bei ihrer Ankunft gleich auf die wilde Springmaus Jake. Der hilft den beiden zwar bei der Suche, macht sich aber auch an die bezaubernde Bianca heran und wird Bernard damit zum Dorn im Auge. Die Fortsetzung „Bernhard & Bianca im Känguruhland“ profitiert deutlich mehr als sein Vorgänger von der neuen Blu-Ray-Abtastung: Da er als erster Disneyfilm vollständig am Computer (und als erster Zeichentrickfilm überhaupt) koloriert wurde, erstrahlen die Weiten den australischen Outbacks in einer neuen Künstlichkeit. Die Farben haben nun nichts mehr mit dem Naturalismus früherer Disneyfilme zu tun sondern nehmen die üppige Palette späterer Meisterwerke aus dem Hause Pixar vorweg.

Auch in einem weiteren Punkt handelt es sich bei diesem Ausflug nach Down Under um ein singuläres Werk: Bis heute ist es die einzige „gültige“ Fortsetzung eines Films der Meisterwerke-Reihe, der seinerseits auch in dieser Reihe aufgenommen wurde. Zwar wurde seitdem eine wahre Flut von verspätet auf den Markt geworfenen Fortsetzungen losgetreten, die aber allesamt Direct-to-DVD verramscht werden und weder technisch noch erzählerisch auch nur annähernd in der gleichen Liga wie ihr jeweiliger Vorgänger spielen. „Känguruhland“ dagegen ist ambitioniert erzählt und gibt sich große Mühe, den sympathischen Hauptfiguren nicht bloß einen neuen Auftrag zu geben. Vielmehr wird auch die verschämt romantische Stimmung zwischen den beiden vertieft, das vollständig andere Setting bereitet mannigfaltige Möglichkeiten, diese Geschichte ganz anders anzugehen. Der bedächtige Erzählrhythmus des ersten Teils weicht einem auf Turbulenz und Abenteuerfeeling ausgerichteten Tempo, der dem actionreichen Plot ganz hervorragend steht. Zu den Höhepunkten zählen die zahlreichen herausragend animierten Flug-Sequenzen, die aufregende Perspektiven bieten und sich auch hinter jüngeren Produktionen nicht verstecken müssen. Die wertvolle ökologische Message verpackt der Film überdies sehr clever und doch direkt in einer verständlichen Fabel.

Warum aber sind Bernard und Bianca die Ausnahmen im Disney-Kosmos? Man kann nur spekulieren weshalb die vielen anderen unvergesslichen Charaktere keine würdigen Fortsetzungen erhielten (Walt Disney selbst lehnte Fortsetzungen ohnehin ab und er tat gut daran. Nur so konnten etliche originäre Filme entstehen, die wir heute so schätzen.) Wahrscheinlich ist, dass die beiden „Retter“ (Originaltitel: „The Rescuers“) als serielle Figuren einfach mehr hergeben als die Märchen- und Sagenfiguren, die sonst die Disneyfilme säumen. Schon der erste Teil zeigte ja lediglich einen Auftrag, einen winzigen Ausschnitt aus der Arbeit der Mäusepolizei. Keine abenteuerlichen Drehbuchvolten sind nötig, um ein weiteres Abenteuer zu erzählen.

Das Bonusmaterial zu beiden Filmen, die im Doppelpack zum relativ günstigen Startpreis als Geschenk empfehlenswert sind, fällt leider immer noch sehr spartanisch aus und fügt den vorigen Veröffentlichungen nichts wesentliches hinzu. Filmhistorische und technische Infos sucht man vergeblich, Menü und Extras sind ganz auf die Kleinsten zugeschnitten.

Bernard und Bianca – Die Mäusepolizei
USA 1977 | Regie: Wolfgang Reitherman | Länge: 74 Min. | FSK: ohne Altersbeschränkung

Bernard und Bianca im Känguruhland
USA 1990 | Regie: Mike Gabriel, Hendel Butoy | Länge: 74 Min | FSK: ohne Altersbeschränkung

BD-Veröffentlichung: 27.09.

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