Kinder der Gegenwart – Erwachsene der Zukunft: Untersuchung kindlicher Alltagsräume

Zugebaute Sportplätze, unwirtliche Innenstädte, erhöhter Medienkonsum – wo und mit was spielen Kinder in Deutschland heute? Was brauchen sie wirklich, um sich zu beschäftigen? Diese Frage hat sich Joel Teichmann (28) gestellt, der sich von September 2020 bis zum Sommer 2024 in seiner Doktorarbeit mit dem Thema „Spielplätze, Straßen und TikTok: Eine Untersuchung kindlicher Alltagsräume“ auseinandersetzte. Nachdem wir ihm 2022 geholfen hatten, Probanden für seine Befragung zu finden, haben wir nun in seine über 300 Seiten lange Doktorarbeit hineingelesen und ihn im Anschluss zu einem kleinen Interview getroffen.

Orte der Kindheit verschwanden

Seit Jahren mit Containern verstellter Sportplatz in Kornelimünster | Foto: Neele Kloubert

Auf die Idee, sich mit dem Thema „kindliche Alltagsräume“ zu befassen, kam Joel Teichmann, als ihm auffiel, dass immer mehr Räume seiner eigenen Kindheit verschwanden. So stehen jetzt auf dem Acker, wo er früher gerne gespielt hat, Kühe oder auf dem Gummiplatz zum Fußballspielen stehen seit Jahren Container, die laut seiner Aussage eigentlich auch an anderer Stelle aufgebaut werden könnten.
Für seine Forschung befragte er 33 Kinder zwischen fünf und 14 Jahren, darunter auch ein Kind mit Mobilitätseinschränkung, sowie 23 Eltern aus der StädteRegion Aachen. Die Probanden für die Befragung hatte er hauptsächlich durch einen Aufruf bei KingKalli und in der Aachener Zeitung gefunden. Er stellte ihnen nicht nur Fragen zu den Orten, die sie gerne in ihrer Freizeit aufsuchten, sondern ließ sie diese auch zeichnen. Zudem beobachtete er das Verhalten von Kindern in Interaktion mit Gleichaltrigen, Eltern oder auch mit Tieren beim aktiven Spiel.
Dabei hat er sich besonders die heutigen Trends angeschaut: darunter Verhäuslichung (Kinder halten sich vermehrt zu Hause auf), Institutionalisierung (Kinder werden in Kita/Schule/Freizeiteinrichtung betreut), Verinselung (die Räume von Kindern liegen großflächiger auseinander, z. B. wohnen Freunde weiter entfernt), Digitalisierung, (Über-)Behütung von Kindern (sie werden immer mehr überwacht und dürfen bspw. nicht allein zur Schule gehen) sowie Kindheit in funktionalisierten Räumen (extra für sie geplante und angelegte Räume).

Lieblingsorte

Auf die Frage, was der meistgenannte Lieblingsort der Kinder sei, antwortete Joel Teichmann, dass man dies aus seiner Arbeit nicht verallgemeinern könne, da es sich bei seiner Forschung um eine qualitative und keine quantitative handele. Bei der qualitativen Forschung geht es darum, Einzelfälle genauer zu untersuchen, während es bei der quantitativen Forschung darum geht, möglichst viele Ergebnisse zu sammeln und anschließend statistisch auszuwerten.
Interessant sei dennoch, dass nur ungefähr die Hälfte aller befragten Kinder den Spielplatz erwähnten, was in Relation bedeute, dass für 50 Prozent der Kinder der Spielplatz völlig irrelevant sei. Beispielsweise habe ein sechsjähriger Junge gesagt, er sei zu alt für den Spielplatz, dieser sei nur etwas für jüngere Kinder.
Auch die Antworten der Kinder und Eltern unterschieden sich häufig, was darauf zurückzuführen sei, dass sich manche Eltern eventuell für ehrliche Antworten schämen, zum Beispiel wenn es um Medienkonsum geht. Joel Teichmann fiel auf, dass die Kinder ihm direkt Vertrauen schenkten und manche ihm sogar ihre Geheimnisse erzählten. Das habe ihn selbst etwas überrascht.

Vergleich der Kindheit heute und früher

Zwischen der heutigen Generation und früheren Generationen stellte Teichmann Unterschiede fest: Abgesehen von einer zunehmend technisierten Welt und der Möglichkeit, in sozialen Medien abzutauchen, spielt die Veränderung weiterer Rahmenbedingungen eine große Rolle. Es wird Kindern nicht nur weniger zugetraut, sondern ihnen werden auch immer mehr Aneignungsmöglichkeiten weggenommen, so Teichmann. Um sich Räume anzueignen, bedürfe es Zugänglichkeit, Spieldiversität, Flexibilität und Platz. Die Natur spiele dabei eine sehr wichtige Rolle: Sie verändere sich und man dürfe sie auch mal „kaputt“ machen oder selbst gestalten, indem man beispielsweise einen Stock durchbreche oder ihn in ein Spielobjekt umfunktioniere.
Auch die körperliche Bewegung habe stark nachgelassen. So spielen Kinder heutzutage deutlich weniger draußen und halten sich stattdessen öfter in digitalen Räumen auf. Selbst den Schulweg lassen viele Eltern ihre Kinder nicht mehr allein gehen und fahren sie überall hin. Man spricht sogar von der sogenannten Backseat-Generation. Würde die körperliche Aktivität der Kinder in Deutschland mit einer Schulnote bewertet werden, erhielten die Kinder laut dem Bewegungszeugnis, das die Bewegung von Kindern eines Staates anhand unterschiedliche Indikatoren misst, im Durchschnitt eine Vier minus.
Eine Lösung für das Problem kann Joel Teichmann nicht wirklich nennen. Außer natürlich, dass Räume so sicher gestaltet sein müssen, dass Kinder sich auch im städtischen Raum frei und selbstständig bewegen können. Das gelte für Straßen, aber auch für Fahrradwege. Während des Interviews kritisiert er, dass selbst der Ausbau von Spielplätzen teilweise so lange dauere, dass die Kinder bei der Fertigstellung schon fast erwachsen seien: „Es ist immer eine Prioritäts- und Kostenfrage.“

Anliegen für die Zukunft

Für die Zukunft der StädteRegion Aachen wünscht sich der Kornelimünsteraner mehr Mut von der Politik, Kindern eine Stimme zu geben und ihre Bedürfnisse auch mal über die Bedürfnisse anderer zu stellen. Er denke da beispielsweise an die Öffnung von Sportplätzen außerhalb der Trainingszeiten oder Schulhöfen neben der Schulzeit. An zu vielen Stellen lese man „Betreten verboten“ oder schöne Anlagen seien gesperrt, weil es Anwohnern zu laut war.
Schließlich hänge die Zukunft der Städte auch von ihrer jeweiligen Kinderfreundlichkeit ab. Manchmal reichen Kleinigkeiten, um etwas zu verbessern. Temporär nutzbare Spielanlagen aus Containern, wie es sie in Aachen oder Stolberg gibt, könnten immer wieder an neuen Orten aufgestellt und dabei umgebaut werden. Bunt bemalte Pflastersteine laden zum Hüpfen ein. Zwei Stangen können Fußballtore sein oder eine Slalombahn – Kinder seien kreativ in der Aneignung von Räumen.

Sein Appell: „Kinder sind nicht nur die Zukunft, sie sind auch die Gegenwart. Gestalten wir Räume und Städte also nicht nur für Erwachsene der Zukunft, sondern auch für Kinder der Gegenwart.“

 

Die Doktorarbeit von Joel Teichmann wurde als Buch mit dem Titel „Spielplätze, Straßen und TikTok: Eine Untersuchung kindlicher Alltagsräume“ veröffentlicht (hier zu kaufen). Da es sehr verständlich geschrieben ist, dient es nicht nur der Forschung und Wissenschaft, sondern alle Interessierten können es lesen. Zudem ist seine Arbeit auch im Internet öffentlich zugänglich (Kurzfassung und PDF zum Downlowd).

Dieser Text entstand Rahmen des Schülerpraktikums von Neele Kloubert und Magdalena Wunsch. Sie haben dafür einen Großteil der Arbeit gelesen und zusammengefasst. Im Anschluss hat Neele das Interview vorbereitet und geführt sowie den Text geschrieben.

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