Kind & Tier: Eine besondere Verbindung, auch literarisch

in Medien

Drei Bücher zum Thema „Kind und Tier“, zusammengestellt von Walter Röpling-Mühlenbruch vom Worthaus in Burtscheid, gelesen von Bianca Sukrow.

Jedes Kind hätte gerne ein Haustier. Jedes? Nein, Fionas große Schwester Marta nicht, die spielt lieber Fußball. Aber die achtjährige Fiona selbst wünscht sich sehnlichst ein Tier, am liebsten eine Katze. Die würde Minky oder Fernando heißen und jeden Tag auf Fiona warten, wenn sie aus der Schule käme. Aber von Katzen wollen Mama und Papa nichts wissen; nicht nur, weil sie keinen Garten haben und keine Lust, ständig die Haare wegzusaugen, sondern auch, weil ihre Ehe gerade leise zerbricht. Von Fiona unbemerkt haben sich ihre Eltern entfremdet, doch irgendwann lässt sich das Offensichtliche nicht mehr leugnen: Papa weint, und Mama zieht aus. Vielleicht nur vorübergehend, vielleicht aber auch für immer. Als die überforderte Fiona in ihr Versteck in einem alten Schuppen flüchtet, trifft sie plötzlich auf eine kleine Katzenfamilie, in der es ganz anders zuzugehen scheint als in ihrem eigenen Zuhause …  „Am liebsten eine Katze“ ist die vierte Zusammenarbeit der Autorin Karin Koch mit dem Illustrator André Rösler. Mit sicherem Gespür für die kindliche Sicht auf das fragile Konstrukt Familie verflicht das eingespielte Autoren-Illustratoren-Team die Geschichte einer scheiternden Ehe mit der Geschichte einer neuen Freundschaft zwischen Kind und Katze. Die wichtigste Botschaft lautet dabei nicht, dass Kinder unter den Konflikten ihrer Eltern leiden, sondern dass Trennungen gelingen können, wenn alle Beteiligten bereit sind, die eigene Perspektive zu ändern.

Während „Am liebsten eine Katze“ immer wieder mit heiteren Momenten und Sprachwitz aufwartet und durchaus auch alleine von Kindern gelesen werden kann, sollten Eltern Annette Herzogs Novelle „Einer, der bleibt“ zunächst selbst lesen, um zu entscheiden, wie viel Begleitung ihre Kinder bei der Lektüre des Buches brauchen. Denn hier geht es um Krieg und die Auswirkungen, die er auf das Leben von Kindern hat. Nach einer Bombenoffensive wacht die kleine Nora in ihrer völlig zerstörten Heimatstadt auf. Eltern, Geschwister, Freunde, Nachbarn, alle sind weg, verbannt in Noras nächtliche Träume von einem anderen Leben. Alles, was Nora bleibt, ist die vorsichtige Annäherung an einen alten Hund, der plötzlich in ihrer Nähe auftaucht. Die Beziehung wird für Kind und Tier in mehrfacher Hinsicht zum lebensrettenden Refugium: Nora und der Hund wärmen und schützen sich gegenseitig, und sie verstehen sich ohne Worte, denn das Grauen hat das Kind verstummen lassen. Annette Herzog erzählt die Geschichte des in Kriegstrümmern zurückgelassenen Mädchens, ohne Schuldige zu benennen oder in pathetisches Klagen über die Schlechtigkeit der Welt zu verfallen. Ausgangspunkt der Handlung ist das Resultat der Gewalt, nicht die Gewalt selbst. Es gibt keine bluttriefenden Schilderungen von Kriegsverbrechen, keine Auseinandersetzung mit politischen Hintergründen, keinen Druck auf die Tränendrüse. Nur Annette Herzogs poetische, klare Sprache mit ihren mächtigen Metaphern. Der Leser behält die Freiheit, die Sprachbilder seiner eigenen Vorerfahrung und Belastbarkeit gemäß zu deuten. Hierdurch wird „Einer, der bleibt“ zu einer lohnenden Lektüre für alle Generationen.

Auch in „Adieu, Herr Muffin“ geht es um ein schweres Thema: den Tod. Autor Ulf Nilsson und Illustratorin Anna-Clara Tidholm beweisen, dass man nicht an große Menschheitstragödien rühren muss, um zu existentiellen Fragen vorzudringen. In ihrem prämierten Bilderbuch geht es um ein scheinbar banales Ereignis: den Tod eines alten Meerschweins. Der Erzähler begleitet Herrn Muffin, der mit seinen sieben Jahren für ein Meerschwein bereits hochbetagt ist, durch die letzte Phase seines Lebens. Bereits ernsthaft erkrankt hält Herr Muffin Rückschau, denkt an seine verstorbene Frau und seine Kinder, die bereits eigene Familien haben, an das, was er geleistet hat, und an das Glück, das ihm im Leben widerfahren ist. Zu diesem Glück gehören auch die 7665 Streicheleinheiten, unzählige Leckereien und liebe Briefe, die Herr Muffin von dem Menschenkind erhalten hat, bei dem er lebt. Auch wenn die Erzählung ganz bei der Perspektive Herrn Muffins bleibt, lassen die Botschaften des Kindes an das alte Meerschwein keinen Zweifel daran, wie bedeutsam die Beziehung zwischen Kind und Tier für beide Seiten ist.

Da erscheint es nur richtig, wenn über den Tod von Herrn Muffin in allen Zeitungen und Nachrichtensendungen berichtet wird. Am Ende muss auch der erwachsene Leser schlucken. Eltern sei das Buch anempfohlen, wenn sie mit ihren Kindern über den Tod sprechen möchten oder müssen. Denn die Geschichte vom global betrachtet belanglosen Sterben eines Nagetiers dient als guter Anlass, um über das große Ganze ins Gespräch zu kommen; den Sinn des Sterbens und die Frage danach, was ein erfülltes Leben ausmacht.

amliebsteneinekatzeKarin Koch und André Rösler: „Am liebs-ten eine Katze“
Peter Hammer Verlag 2010 | Hardcover 9,90 Euro | empfohlen für Kinder ab 6 Jahren

Annette Herzog: „Einer, der bleibt“
Mit Illustrationen von Gretje Witt. Peter Hammer Verlag 2006 | Hardcover 11 Euro | empfohlen für Kinder ab 9 Jahren

Adieu_Herr_Muffin_zugeschnitten_d6321edb70Ulf Nilsson und Anna-Clara Tidholm: „Adieu, Herr Muffin“
Beltz & Gelberg, 6. Auflage 2013 | Taschenbuch 5,95 Euro | empfohlen für Kinder ab 5 Jahren

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