Seit über hundert Jahren thront die kleine Dorothy aus Kansas neben Alice und Co. im Olymp der unvergesslichen Heldinnen und Helden zauberhafter Kindergeschichten. Ihrem Schöpfer Lyman Frank Baum wurde diese Ehre nicht wirklich zuteil, seine wunderbare Geschichte „The Wonderful Wizard of Oz“ verdankt ihren Ruhm eher dem Kinderstar Judy Garland und dem Ohrwurm „Over the Rainbow“ von Harold Arlen, den die kleine Judy im Jahr 1939 so herzzerreißend ins kollektive Gedächtnis geträllert hat.
Neben „The Story of the Kelly Gang“, dem ersten Langspielfilm der Welt, sowie „Metropolis“ von Fritz Lang und „Los Olvidados“ (Luis Buñuel) ist die Verfilmung von Victor Fleming als einer von nur vier Spielfilmen Teil des Weltdokumentenerbes der UNESCO.
Auf dem geschwungenen Weg zahlreicher (teilweise sehr erfolgreicher) audiovisueller Adaptionen haben Dorothy und ihre Freunde Einzug auf die Aachener Bühne gehalten. Komponist Anno Schreier wickelte die Geschichte um Freundschaft, Zuversicht und Mut in eine kunterbunte Verpackung erlesenster bis schrägster Töne, die in ihrer Vielfalt und Zitierfreudigkeit eine Herausforderung für Jung und Alt sein dürften. Würde man auf die Jagd gehen, um herauszufinden, wo sich Anno Schreier überall sehr geschickt bedient hat (ich meine sogar Passagen aus „2001: Odyssee im Weltraum“ erkannt zu haben), käme man wahrscheinlich gar nicht in den Genuss des Genießens. Aber schließlich ist „Der Zauberer von Oz“ eine Familienoper, also lasst die Musik einfach wirken! Die wenigsten Kinder werden die wunderbaren Bluegrass-Klänge oder die feinen Anleihen aus Ska oder Reggae erkennen, geschweige denn Schubert, Mozart oder Strauss … Müssen sie auch nicht! Es reicht, wenn den Eltern aus purer Freude am Wiederkennen ab und zu ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert wird.
Zauberhafte Inszenierung
Zauberhaft ist die Inszenierung allemal. Ute M. Engelhardt, die bereits bei „Cosi fan tutte“ und „Dialogues des Carmélites“ Großartiges auf die Aachener Bühne brachte, erschafft mit Bühnen- und Kostümbildnerin Jeannine Cleemen ein skurriles Oz-Universum. Wälder aus Fahrradfelgen, ein ausgedientes Klavier in einem hängenden Kornfeld und eine grandiose lebende Porzellanfigur, um nur einige der Bilder zu nennen, säumen Dorothys Weg zum großen Zauberer.
Geschichten, die Spaß und Ernst vereinen, sind immer eine Herausforderung. Librettist Alexander Jansen hat Lyman Frank Baums Kinderbuch leicht durchgerüttelt und neue Töne in veraltete Moralvorstellungen eingewebt. So bekommt Oz, auf einer monströsen mechanischen Hand mit erhobenem Zeigefinger reitend, den Touch eines Despoten, und aus der bösen Hexe erwacht durch das Gute in Dorothy eine weise Frau. Vielleicht wird zuweilen etwas zu sehr mit dem erhobenen neumoralischen Zeigefinger gewedelt, doch Regisseurin Engelhardt vermag die Ernsthaftigkeit und das Leichte des Stücks zu einem ausgesprochen würzigen Ganzen zu vermengen.

Die wunderlich schrillen Kostüme und das pfiffige Szenario bieten die perfekte Plattform für das spielfreudige Ensemble. Drei geflügelte Affen führen durch die Geschichte, hier und da ein Bonmot auf den Lippen, aberwitzig und irgendwie durchgeknallt: Rosha Fitzhowle, Agata Kornaga und Julie Vercauteren spielen und singen sie mit viel Inbrunst, Witz und Charme, und als ob das nicht schon Herausforderung genug wäre, glänzen die drei Sängerinnen auch als Munchkin-Damen und zarte Porzellantassen.
Bariton Joel Urch überzeugt ebenfalls in drei Rollen, als Kanne leistet er den Damen bei dem feinen Geschirr Gesellschaft, als Munchkin-Mann und Torwächter von Oz kreuzen seine Wege die von Dorothy.
Wunderbar fies: Irina Popovas stimmgewaltige Hexe bringt die Bühne zum Beben, ihr giftiges Lachen lässt regelrecht die Wände erzittern. Sehr beeindruckend, wie Popova am Ende der Oper fließend in die Rolle der weisen, bedächtigen Frau wechselt.
Bass Woong-jo Choi fühlt sich sichtlich wohl in der Haut des großen Oz, dem gefürchteten Zauberer verleiht er die angemessene Strenge, dem später gescheiterten Magier einen Hauch von Lächerlichkeit.
Verstand, Herz und Mut – Patricio Arroyo als die Vogelscheuche, der Blechmann alias Hyunhan Hwang und der Löwe Fabio Lesuisse rocken die Bühne. Jede Geste, jede Bewegung des Dreiergespanns ist bis zum i-Tüpfelchen auf die jeweiligen Rollen abgestimmt. Während der Löwe mit cooler Rasta-Mähne nichts von seiner Geschmeidigkeit einbüßt, sind Vogelscheuche und Blechmann durch die Kostüme etwas eingeengter in ihrer Bewegungsfreiheit. Doch genau diese Einschränkung bringt die beiden Charaktere zu ihrer vollen Entfaltung. So sind Patricio Arroyo als tollpatschig hölzerne Vogelscheuche und Hyunhan Hwang als steife Blechbüchse eine wahre Augenweide.
Die junge Sängerin Lisa Ströckens erfuhr eine Woche vor der Premiere, dass sie für Anne-Aurore Cochet, die für die Uraufführung vorgesehen war, sich aber bei den Proben verletzt hat, als Dorothy einspringen muss. Als Zweitbesetzung war sie bereits mit der Rolle vertraut, leistete in sieben Tagen dennoch fast Unmenschliches, um den Premierenabend zu einem Erfolg werden zu lassen. Kompliment!
Natürlich darf die hervorragende Arbeit des Orchesters nicht unerwähnt bleiben. Mal einfühlsam, mal mit großem Karacho ertönt unter der Leitung von Generalmusikdirektor Christopher Ward wahre Magie aus dem Orchestergraben, der bei der Premiere anwesende Komponist Anno Schreier durfte zufrieden sein.
Musikalisch, gesanglich, schauspielerisch, inszenatorisch – eine rundum feine Sache!
Der Zauberer von Oz
Eine Oper für die ganze Familie (empfohlen ab ca. 8 Jahren) von Anno Schreier nach einem Libretto von Alexander Jansen
Theater Aachen, Bühne
Musikalische Leitung: Christopher Ward; Inszenierung: Ute M. Engelhardt; Bühne und Kostüme: Jeannine Cleemen
Termine sind derzeit bis März 2020 vorgesehen.
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