Erstmals seit 2015 verzeichnet die Kriminalitätsstatistik in Aachen wieder eine deutlich höhere Anzahl an Straftaten. 5.000 Straftaten mehr wurden 2022 im Vergleich zum Vorjahr verübt, das entspricht einem Anstieg von 12,5%, dabei handelt es sich vor allem um Betrugsfälle, Eigentumsdelikte und Gewaltkriminalität. Die Polizei Aachen präsentiert in einer Pressekonferenz die Kriminalitätsentwicklung im Jahr 2022.
Da Polizeipräsident Dirk Weinspach erkrankt ist, übernimmt Andreas Bollenbach, Leitender Kriminaldirektor, die Vorstellung der Zahlen aus der StädteRegion Aachen. Nachdem die StädteRegion während der Corona-Pandemie 2020 und vor allem 2021 ein enormes Tief an gemeldeten Straftaten verzeichnet, sind im vergangenen Jahr die Fallzahlen wieder deutlichgestiegen, 48.373 Straftaten wurden 2022 in der Städteregion gemeldet, in etwa so viele wie zuletzt 2017. Nachdem die Straftaten in Aachen seit 2015 rückläufig waren, vermeldet die Polizeistatistik damit erstmals wieder einen ernstzunehmenden Anstieg. Andreas Bollenbach stellt jedoch zu Beginn sofort klar, dass die Zahlen von 2021 aufgrund der besonderen Corona-Zeit nicht repräsentativ seien, man solle die Zahlen deshalb eher mit dem vorpandemischen Niveau vergleichen. 2019 gab es dennoch fast 4.000 Straftaten weniger in der StädteRegion, weshalb der Anstieg trotzdem ernstzunehmend bleibt. Die Zahlen, die die Aachener Polizei nun vorstellt, sind keine Ausnahme – in gesamt NRW hat die Anzahl an Straftaten zugenommen.
Auffällige Deliktsbereiche – mehr Autos, weniger Fahrräder
Für Andreas Bollenbach ist klar, der Trend geht in die falsche Richtung, es muss sich etwas ändern. Die Polizei verzeichnet starke Anstiege vor allem bei Betrugsfällen verschiedener Art, bei Eigentumsdelikten und Gewaltverbrechen. Ein Anstieg von Aufenthalts- und Asyldelikten wird aufgrund vermehrter Grenzkontrollen auch vermerkt, dieser wirke sich jedoch nicht auf das Sicherheitsempfinden der Bürger aus.
Zahlenmäßig den größten Anteil stellen Diebstahldelikte mit fast 18.000 Delikten und somit über 35 % der Straftaten dar. Hier gab es 2022 in etwa 12 % mehr Fälle als im Vorjahr. Ein eklatanter Anstieg lässt sich im Bereich Diebstahl in Verbindung mit Kfz und Rollern beobachten. Der Diebstahl von Kraftwagen hat um 68,33 % zugenommen, 2022 wurden 473 Kfz in der StädteRegion gestohlen oder es fanden Diebstahlversuche statt. Der Diebstahl an oder aus Kraftfahrzeugen hat sich um 50 % gesteigert, fast 4.000-mal wurde in Autos eingebrochen, dabei handelte es sich meist um Serien, die lokal innerhalb eines kurzen Zeitraums auftreten. Für die Polizei Aachen ist ein wichtiges Handlungsfeld, diese Serien frühzeitig zu erkennen und Täter festzumachen. Froh gestimmt ist man über den Rückgang beim Diebstahl von Fahrrädern, dort verzeichnet die Polizei 21 % weniger Diebstähle als noch im letzten Jahr. Zurückzuführen sei dies, so Bollenbach, auf die erfolgreiche Arbeit der eigens eingerichteten Einsatzgruppe Bike. Die vierköpfige Einsatzgruppe hat den Fahrraddieben, die teils gewerbsmäßig Diebstahl betreiben, gezielt aufgelauert und viele Festnahmen verzeichnen können. Eine große Hilfe sind dabei GPS-Tracker an Fahrrädern, so konnte beispielsweise ein Fahrrad geortet werden, das sich mit 100 km/h auf der Autobahn Richtung Olpe bewegte. Dabei handelte es sich nicht um einen besonders waghalsigen Rennradfahrer, sondern man wurde in einem Bus fündig und konnte neben dem Rad mit GPS noch weitere Fahrräder sicherstellen, die auf dem Weg nach Rumänien waren.
Betrug an Tankstellen und im Internet
Einen Anstieg sieht man auch bei Betrugsfällen, hier vor allem Tankbetrug und Internetbetrug. Der Betrug an Tankstellen wird auf die hohen Benzin- und Dieselpreise zurückgeführt, die für viele Menschen nicht mehr tragbar sind. Vermehrter Internetbetrug ist bereits ein Trend der letzten Jahre, von 2021 auf 2022 haben die angezeigten Fälle jedoch nochmal ein neues Hoch erreicht und sind um 45 % gestiegen. Dabei handelt es sich vor allem um Callcenter-Betrüger aus dem Ausland, meist aus Osteuropa, die sich vor allem an ältere Personen wenden und diese mit verschiedenen Maschen um ihr Erspartes bringen wollen. (Siehe dazu auch: kingkalli.de/aus-enkeltrick-wird-mama-trick-wie-es-mir-gelungen-ist-darauf-hereinzufallen) Der Leitende Kriminaldirektor betont, dass bei dieser Art des Betrugs eine Aufklärung kaum möglich ist. Die Täter lassen sich im osteuropäischen Ausland aufgrund der genutzten Techniken kaum ausfindig machen und die Zusammenarbeit mit den Behörden sei auch nicht immer einfach. „Da hilft nur Prävention, bis es der Letzte verstanden hat.“
Gewaltverbrechen stark angestiegen
Besorgniserregend ist zudem der starke Anstieg von Gewaltverbrechen in der StädteRegion. 13,04 % Anstieg bei gefährlicher Körperverletzung, sogar fast 20 % bei vorsätzlicher einfacher Körperverletzung und 16,59 % bei Gewaltkriminalität. Über 3.300 Fälle von einfacher Körperverletzung und etwa 1.200 Fälle von gefährlicher Körperverletzung verzeichnet die Polizeistatistik. Bei Gewaltverbrechen sind die Täter häufig Jugendliche und junge Erwachsene unter 21 Jahren.
Ursachen und Tätergruppen
Klare Ursachen für den Anstieg zu benennen, fällt Bollenbach schwer, es gebe keine monokausalen Schlüsse, die den Anstieg der Fallzahlen erklären würden. Die hohe Inflation und damit einhergehend die gestiegenen Lebenshaltungskosten spielen beim Anstieg der Straftaten jedoch sicherlich eine Rolle. NRWs Innenminister Herbert Reul sagt dazu in der Besprechung der Kriminalstatistik für gesamt NRW: „Das, was in den Pandemiejahren nicht gemacht wurde, wurde 2022 nachgeholt. Dann aber exzessiver, wilder und noch mehr davon.“ Zudem habe ein Teil der Jugendlichen und jungen Menschen nicht gelernt, Konflikte gewaltfrei zu lösen, da Lernorte wie die Schule weitgehend weggefallen sind.
Im Zusammenhang mit den 25.913 aufgeklärten Straftaten wurden insgesamt 19.024 Tatverdächtige ermittelt, davon 4.491 weiblichen Geschlechts. Ohne die Tatverdächtigen bei Verstößen gegen ausländerrechtliche Bestimmungen wurden 34 % der Straftaten von nichtdeutschen Straftätern begangen. Fast die Hälfte der Tatverdächtigen sind der Polizei bereits bekannt und mehrfach straffällig, darunter zählen häufig auch Tatverdächtige unter 21 Jahren, also Jugendliche und Heranwachsende. Vor allem im Bereich der Straßen- und Gewaltkriminalität sind viele unter 21-Jährige beteiligt. Sowohl im Bereich der Straßenkriminalität als auch bei Gewaltstraftaten sind etwa 30 % der Tatverdächtigen unter 21 Jahren, das entspricht 454 Tatverdächtigen bei der Straßenkriminalität und 458 bei Gewaltkriminalität. Bei einigen der Jugendlichen handelt es sich sogar um sogenannte jugendliche Intensivstraftäter, Jugendliche oder junge Heranwachsende, die immer wieder durch verschiedene Straftaten auffallen und dementsprechend polizeilich bekannt sind.
Skrupellose Jugendliche überfallen ältere Menschen
Die Skrupellosigkeit mancher Täter wird bei einer Reihe von Überfällen durch zwei Brüder, 18 und 19 Jahre alt, deutlich. Die beiden haben in einer Serie von Raubüberfällen ältere, oft gehgeschädigte Personen, die auf Rollatoren angewiesen sind, überfallen. Sie boten ihnen Hilfe nach dem Einkaufen an, begleiteten sie nach Hause, um sie dann über ihre Rollatoren zu schubsen und ihnen ihre Geldbörsen und Wertgegenstände zu entwenden. Die beiden Brüder wurden zu sechs Jahren Haft verurteilt, da sie außer für diese Verbrechen auch noch für einen versuchten Totschlag Halloween 2021 schuldig gesprochen wurden.
Haus des Jugendrechts
Die Gruppe der jugendlichen Intensivstraftäter beschäftigt die Behörden besonders, deshalb kündigt die Polizei bei der Pressekonferenz an, bereits im Frühjahr in der Innenstadt ein „Haus des Jugendrechts“ zu eröffnen. Dort sollen Stadt Aachen, Polizei und Staatsanwaltschaft regelmäßig zusammenkommen, um Straftaten von möglichen Intensivtätern zu rastern und monatlich in Fallkonferenzen Maßnahmen zu beschließen. Durch das Rastern und die gemeinsame Zusammenarbeit über verschiedene Behörden hinweg sollen frühzeitig Jugendliche, die gefährdet sind, ermittelt und entsprechende Maßnahmen eingesetzt werden. Dabei sollen die Jugendlichen, Eltern, Lehrer oder andere Bezugspersonen eingebunden werden, um mögliche Lösungen und Ansätze zu entwickeln. Das Ziel dahinter ist, „gefährdete Jugendliche nicht zu gefährlichen Erwachsenen“ zu machen. Bei Jugendlichen setze man noch mit nicht ausschließlich repressiven, sondern eben auch präventiven Maßnahmen an. Natürlich werden je nach Ausmaß trotzdem repressive Maßnahmen wie Jugendarrest beschlossen. Wann genau und wo das Haus eröffnen soll, ist noch nicht abschließend geklärt, jedoch soll es schon im Frühjahr so weit sein.
Eine weitere Maßnahme für den Umgang mit den angestiegenen Fallzahlen ist unter anderem erhöhte Wachsamkeit, was das Erkennen und Stoppen von Serien an Straftaten angeht. So kommt es häufig vor, dass einzelne Täter oder Tätergruppen lokal für viele Straftaten innerhalb eines kurzen Zeitraums verantwortlich sind. So zum Beispiel in den Eifelgemeinden, wo der Wohnungseinbruch um 166 % zugenommen hat. Dies ist im Wesentlichen auf eine Serie von Einbrüchen, die von einer Tätergruppe verübt wurden, zurückzuführen. Solche Serien gilt es frühzeitig auszumachen und zu unterbinden.
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