Ein altes Hofgbäude mit eigener Backstube, fruchtbare Äcker mit Kartoffeln, Getreide und saisonal wechselnden Gemüsesorten, Streuobstwiesen, Hühner, die gemeinsam mit „ihrem“ Hahn im weitläufigen Freigehege im Boden scharren und nach Würmern suchen, ein Bauer der seinen Boden ebenso gut kennt wie seine Tiere. Eine sozialromantische Vorstellung, die mit der Realität in heutigen landwirtschaftlichen Betrieben nichts mehr zu tun hat? Das Märchen vom „Leben auf dem Bauernhof“, das wir unseren Kinder erzählen, bis sie alt genug sind, die Wahrheit über Monokulturen, Massentierhaltung und Pestizideinsatz zu verkraften? Ja und nein. Einen Hof, auf dem es genauso zugeht wie oben beschrieben, gibt es nämlich tatsächlich in Aachen, aber ganz so einfach und beschaulich ist das Leben dort dann doch nicht. Im dritten Jahr bewirtschaftet Landwirt Daniel Bosse das Gut Wegscheid im Vaalserquartier wie sein Vorgänger nach biologisch-dynamischen Grundsätzen. Er verbessert durch mechanische Bearbeitungsmethoden, sinnvolle Fruchtfolgen und Mischkulturen die Fruchtbarkeit des Bodens, baut viele alte, samenfeste Sorten an, die sich ohne Chemie gegen Schädlinge und Krankheiten behaupten können, und setzt bei der Düngung auf Kuhmist vom nahegelegenen Milchviehbetrieb Michaelshof, mit dem eine Kooperation besteht. Unterstützt wird Daniel Bosse dabei von seiner Familie, Verpächterin Bettina Busch und Gärtner Malte Hövel, der unter anderem für die Anzucht von Jungpflanzen zuständig ist. Bald wird eine Gärtnerin das Team verstärken. In den ersten Jahren ist vieles gut gelaufen, manches ist aber auch noch verbesserungs-, reparatur- oder umbaubedürftig. Was wo am besten wächst, wie im Einzelnen die Bearbeitung von Äckern in Hanglagen zu bewerkstelligen ist, wie viele Foliengewächshäuser noch angeschafft werden müssen; all das und vieles mehr ergibt sich erst bei der konkreten Arbeit auf dem Hof und lässt sich nicht immer genau im Voraus berechnen. Einen Hof zu bestellen, bringt etliche Unwägbarkeiten und wirtschaftliche Risiken mit sich.
Gut, dass Daniel Bosse zahlreiche Unterstützer zur Seite stehen, die zumindest das finanzielle Risiko mit übernehmen. Das Gut Wegscheid wird als „Solawi“ geführt, als solidarische Landwirtschaft. Ca. zweihundert Menschen aus Aachen und der Region verpflichten sich für jeweils ein Jahr dazu, dem Landwirt monatlich einen festen Betrag zu überweisen und ihm damit Planungssicherheit zu verschaffen. Im Gegenzug dürfen sie sich jede Woche frisches Bio-Gemüse, Obst, Salat, Brot, Kartoffeln und Eier abholen. Der Inhalt des Warenkorbs variiert, je nachdem, was gerade erntereif ist und wie gut die Hühner legen. Im Herbst bereichern Maronen von uralten Kastanienbäumen das Angebot, im typischerweise kohllastigen Winterangebot sorgen frische Salate aus dem Folientunnel für Abwechslung, im Frühsommer sind schon die ersten Himbeeren aus dem Beerenhain reif, und Kräuter zum Selbstschneiden gibt es fast das ganze Jahr über. Hin und wieder sind auch unbekanntere Gemüse wie der herbe Zuckerhut im Sortiment, und bei Engpässen wird das Angebot durch Zukäufe erweitert. „Ein ganzer Ernteanteil kostet 100 € im Monat“, erklärt Martin Schaller beim Hofspaziergang Anfang März. „Man kann aber auch einen halben Anteil für 50 € zeichnen. Anfangs hatten wir die Vorstellung, dass ein Mitglied mit einem Anteil seinen kompletten Gemüsebedarf decken können soll. Aber wir haben festgestellt, dass die Leute sehr unterschiedliche Ansprüche haben. Den einen reicht schon ein halber Anteil pro Woche, weil sie nicht viel selbst kochen oder gerne auch noch flexibel Dinge zukaufen möchten, die wir gerade nicht anbieten können. Andere verbrauchen mehr als einen Anteil.“ Martin gehört zum Kernteam der Solawi-Gruppe und kümmert sich ehrenamtlich um die Mitgliederbetreuung, beantwortet E-Mail-Anfragen und bearbeitet Anträge. „Bei uns versammelt sich ein Querschnitt durch die Gesellschaft“, erzählt er, „von der Studentin über den Öko-Fan, die junge Familie bis zur Oma. Viele haben Spaß an Gemeinschaftsaktivitäten. Es gibt Helfertage, an denen die „Solawisten“ – auch die kleinen – bei der Hofarbeit mitmachen können, und Hoffeste. Andere möchten nur die Lebensmittel abholen, das ist auch völlig in Ordnung.“
Was auf dem Hof passiert, ist für alle transparent. Starre Vereinsstrukturen gibt es nicht, jeder kann sich einbringen, keiner muss. Aber es ist deutlich spürbar, dass das Unternehmen Solawi von einer guten Portion Pioniergeist, Idealismus und allseitigem Vertrauen getragen wird. „Wir möchten, dass unsere Lebensmittel nachhaltig produziert werden“, erklärt Marion Altherr, die gemeinsam mit ihrem Mann kürzlich einen Anteil gezeichnet hat. „Ich bin selbst ohne Garten aufgewachsen, und hier erfahre ich ganz unmittelbar, wie Gemüseanbau im besten Falle aussehen kann. Dafür bezahle ich gerne meinen Beitrag. Natürlich würden wir ähnliche Produkte im Supermarkt billiger bekommen, aber darum geht es uns nicht. Wir unterstützen die Idee, die hinter der Solawi steht. Wir würden eher auf andere Konsumgegenstände verzichten, als auf gute Lebensmittel.“ Tatsächlich nehmen die Altherrs dafür einiges in Kauf; konsequenterweise fahren sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Eschweiler nach Aachen, um ihren Anteil abzuholen und dem Landwirt über die Schulter zu schauen. Auch wenn alle unternehmerischen und fachlichen Entscheidungen letztlich bei Daniel Bosse liegen, wird das Konzept immer wieder an die Bedürfnisse der Mitglieder angepasst. „Vielleicht sind wir irgendwann so weit wie die Solawi auf dem Buschberghof in Hamburg“, hofft Peter Gleißner, selbst Landwirt und Biologe, der als Kerngruppenmitglied die Hofführungen übernimmt. „Der Buschberghof wird so erfolgreich bewirtschaftet, dass keine Rationierung der Erträge mehr notwendig ist. Die Mitglieder dort nehmen so viel, wie sie brauchen, und zahlen so viel, wie sie können. Aber diese Solawi besteht auch schon seit über 25 Jahren und hat in Zusammnarbeit mit dem Landwirt ihr Konzept schrittweise weiterentwickelt.“ Einige Anpassungen gibt es auch auf Gut Wegscheid schon. So wurde für Mitglieder, die spezielle Produkte nicht mögen oder vertragen, ein Tausch- und Teilkörbchen im Hofladen aufgestellt, und es gab kürzlich eine Online-Umfrage zu den Produktwünschen der Solawisten. Und auch eine Erweiterung des Mitarbeiterstabs ist bereits geplant: Bald sollen Mergellandschafe für die Pflege der schwierig zu mähenden Hang- und Obstbaumwiesen sorgen. Übrigens: Ein paar Anteile sind noch frei.

Interessenten können unter 0241 99035585 oder landwirtschaft@solawiaachen.de Kontakt zu Daniel Bosse aufnehmen. Fragen zur Mitgliedschaft beantwortet Mitgliederbetreuer Martin Schaller, zu erreichen unter mitgliedschaft@solawiaachen.de
Website des Gutes Wegscheid mit Informationen zur Solawi und aktuellen Terminen (Hofspaziergänge, Feste etc.):
www.solawiaachen.de
Seite des Netzwerks Solidarische Landwirtschaft mit allgemeinen Informationen und einer Liste bestehender und in Gründung befindlicher Solawis:
www.solidarische-landwirtschaft.org
Infos zum Buschberghof in Hamburg:
www.buschberghof.de
Ich bin von der Sache begeistert