„La felicidad no es lo que nos pasa, sino cómo interpretamos lo que nos pasa.“ (Glück ist nicht das, was uns passiert, sondern wie wir das, was uns passiert, interpretieren.)
Auf meiner letzten Reise ist mir dieses Zitat in einem Buchladen begegnet. Wie jedes Leben hat auch meins viele Hürden und Tiefs und dann wieder glückliche Momente und Hochs. Ich merke, dass es mir in meinem aktuellen Zuhause oft leichter fällt, das Glück im Alltag zu finden. Kürzlich ist ein Kind, das eigentlich schon zu seinen Eltern gegangen war, wieder umgekehrt, hereingerannt, meinte „Ich habe ganz vergessen, dir ciao zu sagen“, hat mich umarmt und ist dann wieder zu seinen Eltern gerannt. Wie konnte ich da nicht mit einem Grinsen im Gesicht und der Gewissheit, die beste Arbeit auf der Welt zu haben, nach Hause gehen? Dann wiederum gibt es auch lange, anstrengendere Tage ohne Pause und mit vielen Verpflichtungen, und mir fällt es schwer, das Glück zu suchen.
Reflexion
Letztens bin ich dann nach acht Monaten zum ersten Mal wieder nach Sucre gefahren, in die Stadt, die für mich mein Lebensanfang in Bolivien war. Als ich an der Recoletta auf Anouk wartete, konnte ich förmlich mein Ich von vor acht Monaten vorbeilaufen sehen. Vielleicht musste ich nach Sucre zurückkommen, um zu merken, wie sehr ich mich verändert habe, was für mich mittlerweile Bolivien bedeutet und wie glücklich ich in Bolivien bin. Anouk, meine Mitfreiwillige, die in Sucre lebt, hat mir noch einmal eine ganz andere Seite der Stadt gezeigt. Wir haben die Wanderung zu den „siete cascadas“ (sieben Wasserfälle) gemacht, die für mich eine traumhafte Auszeit zum Stadttrubel war, waren auf dem „mercado campesino“ und schlussendlich haben wir abends wie früher in der Quimba gegessen. Mit unseren ehemaligen Sprachlehrern waren wir Wally spielen, wir waren Jazz und Afro tanzen, haben die Sonne am Plaza genossen und irgendwie so einen Mix aus damals und heute gelebt.
K’ala-Marka-Konzert
Wir befinden uns mitten in La Paz in einem Freilichttheater, im Dunkeln funkeln die Sterne, während die türkise Gondel ihre Bahnen über uns zieht. Das Licht geht an. Die Bühne wird von bunten Blumen und Blättern erleuchtet, das Tänzerensemble tritt mit riesigem Kopfschmuck, Gesichtsbemalungen und Stöcken auf die Bühne. Ein Musiker hängt sich die Zampoña (eine Art Panflöte) um den Hals, während er sich von dem kleinen Musiktisch eine der vielen Flöten heraussucht. Dann erklingen die ersten Töne. Sie beginnen mit Rufen „AMA AMAZONAS“, die Rufe verwandeln sich in eine rhythmische Melodie und plötzlich kommt eine Flöte dazu und malt eine immer schneller werdende Szenerie vor deinen Augen. Dieses Lied ist eine Hommage an den bolivianischen Amazonas, es betont die Wichtigkeit und Vielfältigkeit des Amazonas sowie die Notwendigkeit, den Amazonas vor der Umweltverschmutzung und dem Klimawandel, soweit es geht, zu schützen. K’ala Marka ist eine international bekannte Musikgruppe aus La Paz, welche bolivianische Rhythmen mit Themen wie beispielsweise dem Schutz des Amazonas und den Rechten indigener Bevölkerungsgruppen vereint.
Zusammen mit meinem Cousin stand ich den ganzen Freitagnachmittag in der Schlange zum Konzert. Mit der Nacht kam auch schnell die Kälte, als wir abends zusammen mit meinem anderen Cousin und meiner Tante in das Freilichttheater gelassen wurden. Insgesamt haben wir an diesem Abend mehr als 30 Lieder gehört, und irgendwann konnten wir nicht anders, als aufzuspringen und mitzutanzen. Durch mein „ballet folclórico“ kenne ich die Hälfte der Lieder und die passenden Tänze ganz gut. Natürlich konnte ich mein Glück nicht fassen, als das Tänzerensemble anfing zu tanzen. Diese Leidenschaft, Kraft kombiniert mit Leichtigkeit, meterhohe Sprünge mit schwerem Kopfschmuck, das ist eine ganz wunderbare Kunst. Den gesamten Abend lang konnte ich meine Füße vom Tanzen nicht abhalten und meine Gedanken gingen immer wieder zur Musik zurück, als wir auf dem Rückweg vergeblich nach einem Bus suchten und mir die Augen jede Sekunde zufallen wollten.
Tabuthema weiblicher Zyklus
Im Kürmi habe ich mit den Mädchen ein Projekt zum Thema weiblicher Zyklus und insbesondere zur Menstruation gestartet. Leider ist diese oft ein Tabuthema, sowohl in der Gesellschaft als auch unter den Mädchen selbst. Um Aufklärung, Sicherheit und Normalität zu schaffen und ganz allgemein das Eis zu brechen, haben wir zwischen dem theoretischen Teil, den ich mit einem Zyklusrad, Geschichten und Büchern zum Selbervervollständigen kreativ zu gestalten versucht habe, viel über eigene Erfahrungen geredet. Anfangs waren alle noch sehr zurückhaltend und wussten nicht, was sie sagen oder machen sollten, am Ende konnte ich mich dann vor lauter Fragen kaum retten.
Zu Besuch im Amazonas und die Erfüllung eines Kindheitstraums
Ein anderes Wochenende bin ich mit zwei Freundinnen in den bolivianischen Teil des Amazonas, nach Rurrenabaque in das „departamento“ Beni, gefahren. Allein die Fahrt war abenteuerlich. Wir mussten viermal anhalten, der Fahrer hat mehrmals auf den Reifen geklopft, dann kam irgendwie total viel Rauch von allen Seiten und schlussendlich sind wir doch immer weitergefahren. Mit fünf Stunden Verspätung haben wir es dann endlich geschafft und konnten in die unglaubliche Dschungelwelt eintauchen: 800 Jahre alte Bäume, welche im Stamm Wasser speichern, Lianen, die sich den Weg nach oben bahnen oder scheinbar vom Himmel herunterhängen, verschiedene Affenarten, der Gesang tausender Vögel, Bananenstauden und Papayabäume, Kakaobohnen, der Fluss Kaimane, es ist ein Paradies, wenn da nicht die ganzen Mücken wären …

Stundenlang sind wir mit unserem Guide durch den Dschungel gestreift, bis er plötzlich stehen blieb. Irgendwann drehte er sich zu uns um und meinte, da sei gerade ein Jaguar vorbeigehuscht. Wenig später sahen wir unsere ersten frei lebenden Affen ganz oben von Baum zu Baum schwingen, und mir schien es wie ein Wunder, wie unser Guide den Weg aus dem ganzen Gebüsch, Geäst und grünen Waldchaos wiederfinden konnte. Auf der folgenden Nachtwanderung fühlten sich alle Bäume plötzlich noch größer an und und ich habe jedes Geräusch viel intensiver wahrgenommen. Mitten im Nichts fühlte sich die Nacht wie eine richtige Nacht an: schwarz, intensiv, unendlich. In der Stadt dagegen scheint es nie dunkel zu sein, eine Stadt hat immer Leben, sie schläft nie. Die Natur hingegen wacht in der Nacht auf.
Die nächsten Tage haben wir Ketten aus Samen von Bäumen gemacht, aus Früchten, die wie kleine Kokosnüsse aussehen, Ringe angefertigt und schlussendlich aus Kakaobohnen Schokolade hergestellt. Das war die wohl beste Schokolade meines Lebens und ein riesiger Kindheitstraum, einmal selbst und von Hand Schokolade zu machen.
Der Text von Katharina ist zuerst in unserer Printausgabe Nr. 130 erschienen.
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