Freiwilligendienst: Auf ins kalte und ferne Russland!

in Auslandsjahr, Zukunftsstarter

Es ist jetzt ungefähr ein Jahr her, dass ich anfing aktiv nach etwas zu suchen, was ich nach dem Abitur machen könnte. Für mich stand es schon länger fest, dass ich ein Jahr ins Ausland gehen möchte. Ich wusste nur noch nicht wo oder was genau, ein soziales Jahr stand für mich fest. Über Bekannte habe ich mir verschiedene Entsendeorganisationen angeschaut und bin im Endeffekt bei dem Freiwilligen Friedensdienst der Evangelischen Kirche im Rheinland hängen geblieben, da mich die Projekte angesprochen haben und ich schon das erste Kennenlernen der Organisation super fand! Als Freiwilliger durchläuft man mehrere Zyklen von einem Orientierungstag über die eigentliche Bewerbung bis zu einem zweiwöchigen Ausreiseseminar kurz vor der Abreise. Jedes Mal sind mehrere Ansprechpartner und ehemalige Freiwillige dabei, somit hatte ich schon in der Vorbereitungszeit eine Menge Spaß. Inzwischen habe ich meine Organisation also sehr gut kennen gelernt und ich bin immer noch vollkommen zufrieden und konnte somit beruhigt und zuversichtlich in ein aufregendes Jahr starten.

lucie_russischAm 4. September ging es dann für mich nach Russland, was ja nicht gerade gewöhnlich ist. Ich muss ehrlich sagen, dass ich vor einem Jahr noch lieber nach England wollte, aber als uns dann die Projekte vorgestellt wurden, stellte ich mich ganz schnell auf Sankt Petersburg und das Projekt „Perspektivy“ ein. Ich habe mich sehr auf die Abreise gefreut aber kurz vor der Abreise kam dann ein kleiner Schock. Eigentlich sollte meine Freundin Hannah die gleiche Reise mit mir antreten. Wir sind zufällig beide bei der gleichen Organisation und im gleichen Projekt gelandet. Nur erwischte es Hannah einen Monat vorher und sie lag erst mal ein paar Wochen im Krankenhaus und danach weiter im Bett. Recht schnell war für mich klar; du fliegst alleine. Wirklich alleine war ich aber nicht und werde ich hier nie sein, nicht nur von der Evangelischen Kirche im Rheinland sind noch mehr Freiwillige in Russland sondern auch aus anderen Ecken Deutschlands, aus Österreich, der Ukraine oder aus Russland selber.

Natürlich stellt sich die Frage: Warum nach Russland? Neben dem Punkt, dass mir das Projekt sehr zugesagt hat, als es uns vorgestellt wurde, wurde mir erst an dem Auswahltag selber klar, was für eine Möglichkeit so ein Jahr darstellt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dich ein Jahr in einem fremden Land mit einer Sprache, die du nicht verstehst und ganz anderer Kultur mehr prägt und dir auch mehr Erfahrungen gibt. Ich wollte also einmal ganz ins kalte Wasser springen, denn danach, kann dich nur noch wenig aus der Fassung bringen. Und ich merke auch, dass das genau die richtige Entscheidung war. Nicht jeder kann von sich behaupten, so etwas einmal gemacht zu haben.

Nun bin ich jetzt schon was länger hier und habe mich wirklich gut eingelebt. Wenn ich gefragt werde, wie es mir geht ist meine Standardantwort: „Mir geht es super! Russland und die Arbeit ist toll!“. Denn alles was ich hier so erlebe kann man wirklich nicht in ein paar Sätzen erzählen.

„Ja, hier ist es wirklich kalt – auch schon im September.“ „Nein, die Heizungen gehen leider erst an, wenn es tagsüber drei Tage unter 8° C war.“ „Nein, ich kann immer noch kein Russisch und das wird auch noch etwas dauern.“ Meine ersten Eindrücke habe ich also schon gesammelt. Die Russen, die ich bisher kennen gelernt habe sind wirklich sehr nett aber es gibt immer ein paar Ausnahmen. Ich habe mitbekommen, wir manche Dinge gesagt wurden, die doch sehr russisch sind und wir Deutschen Freiwilligen nicht einfach so hinnehmen. Das sind oft Dinge, die mit den Geschlechterrollen oder dem Thema Homosexualität zu tun haben. Genauso gibt es aber sehr offene Russen, so einfach lässt sich das nicht verallgemeinern.

Die meisten Dinge oder Zustände, die wir nicht nachvollziehen können, finden wir allerdings auf unserer Arbeit. Es gibt viele Sachen, die einen verärgern, weil man solche Zustände aus Deutschland nicht kennt. Ich habe zum Beispiel einmal erlebt, wie einem der Bewohner im Essensraum die Windeln gewechselt worden sind, als andere daneben noch gegessen haben. Er stand dort dann ein paar Minuten nackt herum, weil die Krankenschwester erst mal eine neue Windel holen musste.
Was mich auch ziemlich stört ist, dass hier nicht auf die Zahnpflege geachtet wird. Vielen Schützlingen werden die Zähne gar nicht geputzt oder nicht regelmäßig … Aber solche Erfahrungen gehören dazu, wenn man sich für so ein Jahr entscheidet. Außerdem habe ich somit einige Dinge, die ich mir vorgenommen habe, zu verändern und es kann bestimmt nicht schaden mit frischem Elan ein paar neue Ideen vorzuschlagen, das wird uns auch immer wieder gesagt und am Meisten geschätzt.
Ich habe also schon eine Liste an Dingen, an denen ich arbeiten will, dazu gehört zum Beispiel das tägliche putzen der Zähne oder auch, dass die Bewohner Kleidung bekommen, die ihnen wirklich passen und keine Hosen die immer wieder herunter rutschen. Ich werde berichten, wie weit ich das umsetzen kann, was ich mir vorgenommen habe.

Ich arbeite über die russische Organisation „Perspektivy“ in einem Behindertenwohnheim für Erwachsene, welches offiziell Psycho-Neurologisches Internat Nr. 3 heißt. Dort arbeiten „Perspektivy“ hauptsächlich auf zwei Stationen. Insgesamt werden von ungefähr 1080 Bewohnern nur 180 Menschen von „Perspektivy“ betreut. Das sind allerdings auch die Schwächsten, da die Organisation sind auf Menschen mit schwerer mehrfacherer geistlicher und körperlicherer Behinderung spezialisiert hat. Ich bin zusammen mit einer Pädagogin zuständig für ein Zimmer mit sechs Bewohnern, die von uns Schützlinge genannt werden. Die Kommunikation mit meiner Pädagogin ist schwer aber möglich, gerade weil sie sich sehr viel Mühe gibt und unglaublich herzlich und freundlich ist. Ich habe meine Schützlinge jetzt schon ins Herz geschlossen, man lernt die Menschen sehr schnell kennen. Außerdem freue ich mich morgens jedes Mal, wenn ich in das Zimmer komme und sie sich freuen, weil sie mich sehen. Die Arbeit ist sehr hart und man braucht ein dickes Fell aber man kriegt unglaublich viel zurück. Es vergeht kein Tag, ohne, dass etwas Lustiges passiert ist, worüber du noch den ganzen Tag lachen kannst. Einmal kam einer meiner Schützlinge zum Beispiel aus dem Kunststudio wieder, dass hier angeboten wird und beschmierte sich, andere Leute und alle erreichbaren Gegenstände mit grüner Farbe. Das sah wirklich lustig aus! Sehr belustigend ist es auch, wenn beim Mittagessen ein Mädchen immer wieder probiert das Essen von den anderen zu klauen und alle lachen zusammen darüber.

Schon nach einem Monat könnte ich ewig über meine Erlebnisse schreiben. Hannah und Ich schreiben auch einen Blog, auf dem öfters etwas veröffentlicht wird. Wir freuen uns über neue Leser und natürlich auch über Nachrichten oder Fragen! Unseren Blog findet man unter: www.sonstwo.tumblr.com

Von Lucia Heinen



Bleibe immer auf dem Laufenden

Ich will nichts verpassen und möchte wöchentlich den kostenlosen KingKalli-Newsletter erhalten und über aktuelle Themen und Termine auf dem Laufenden gehalten werden.

Ich bin damit einverstanden, den Newsletter zu erhalten und weiß, dass ich mich jederzeit problemlos wieder abmelden kann.

Weitere Artikel

Hinterlasse einen Kommentar