Ein wunderbarer Frühlingsabend auf unserer Terrasse, Blick auf den Himmel und den verwunschenen Garten. Was fliegt denn da in so seltsamen Kurven und Wendungen durch die Luft? Die Fledermäuse sind da, endlich zurück aus dem Winterschlaf. Ich blättere in meinen älteren Texten. Es ist schon lange her, Kolumne 2, da schrieb ich über Fledermäuse. Was für faszinierende Tiere. Kaum fängt es an zu dämmern, da sind sie wieder unterwegs. In unserem Garten flattern sie ausdauernd herum, vor allem rund um den alten Kirschbaum, den viele Insekten als Lebensraum auserkoren haben. Welche Arten Fledermäuse es genau sind, das kann ich nicht sicher erkennen, es gibt viele lustige Namen, Kleines und Großes Mausohr, Hufeisennase, Braunes Langohr, Zwergfledermaus … Aber wer hatte eigentlich die Idee, nachts auf die Jagd zu gehen? Dafür habe ich jetzt endlich die passende Erklärung gefunden. Hier ist sie. Ob sie wohl stimmt? Das mag jeder für sich entscheiden …
Ein Fledermausmärchen
Vor vielen Jahren lebte die Fledermaus zusammen mit vielen Vögeln. Sie flogen fröhlich in der Sonne umher, jagten sich über den Feldern und fingen gemeinsam ihre Beute. Doch eines Tages kam ein Vogel auf die Idee, einen Wettbewerb zu veranstalten. Es sollten zwei „Sieger“ erklärt werden: der Vogel, der das schönste Gefieder hat, und der Vogel, der am schönsten singen kann. Die Nachtigall, der Spatz und alle anderen Vögel waren sofort einverstanden, und auch die Fledermaus schloss sich zögernd der Mehrheit an.
Nun begann der Wettkampf. Zuerst sollte festgestellt werden, wer das schönste Gefieder hat. Alle Vögel putzten sich, plusterten sich auf und schlugen mit den Flügeln, um sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Doch als die Fledermaus ihre Flügel entfaltete, um ihr Fell zu zeigen – sie hatte es für den Wettbewerb besonders sorgfältig gebürstet –, wurde sie von allen Vögeln nur ausgelacht. Verwirrt blickte sie in die Runde. Da erklärte ihr der Zaunkönig als Stellvertreter für alle anderen, dass sie an diesem Wettkampf gar nicht teilnehmen dürfe, da sie kein Gefieder, sondern nur ein Fell habe. Das enttäuschte die arme Fledermaus zwar sehr, aber sie tröstete sich mit der Hoffnung auf den nächsten Wettbewerb.
Als es nun um den schönsten Gesang ging, galten nur die Nachtigall und die Amsel als mögliche Sieger, aber die anderen wollten es sich nicht nehmen lassen, auch teilzunehmen. Die Fledermaus machte den Anfang. Sie sang, so schön sie nur konnte, und bemühte sich nach besten Kräften. Doch die anderen Vögel hörten gar nichts, denn sie konnten mit ihren Ohren den Gesang der Fledermaus nicht wahrnehmen. Also brachen sie beim Anblick der Fledermaus, die zwar ihren Mund bewegte, aber anscheinend keinen Ton hervorbrachte, wieder in schallendes Gelächter aus. „Warum lacht ihr denn so über mich?“ Die Vögel wollten ihr nicht glauben, dass sie sie nur nicht hören konnten, und verspotteten sie.
Daraufhin flog die Fledermaus traurig in den Wald und versteckte sich, um allein zu sein. Von nun an traute sie sich nur noch in der Nacht hinaus, um Insekten zu jagen, damit die anderen Vögel sie nicht weiter mit ihrem Spott verfolgen konnten. Doch mit dieser neuen Lebensart hatte es die Fledermaus gar nicht so schlecht getroffen. Mit ihren „unhörbaren“ Rufen konnte sie sich auch in der Dunkelheit orientieren, und in der Nacht jagte sie ohne Konkurrenz der anderen Vögel. So lebten die Fledermaus und alle ihre Nachkommen im Wald im Verborgenen und waren sehr zufrieden.
(frei nach einem Text aus dem Buch: Ein Garten für Fledermäuse)
Das war’s für heute, ich wünsche euch einen ganz tollen Sommer mit vielen spannenden Ausflügen, Entdeckungen und Begegnungen im Wald, auf der Wiese, im Bach, wo auch immer.
Mit sonnigen Grüßen
Euer Waldmeister Michael Zobel
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