Vorgestellt von Marco Siedelmann
Irgendwann zu Beginn der Kolonialisierung Nordamerikas: Der noch junge aber bereits berühmt-berüchtigte Abenteurer und Soldat John Smith begibt sich an Bord eines Schiffes der Virginia Company in die „neue Welt“. Die Männer sind abenteuerhungrig und überstehen die schwere Überfahrt vor allem durch Johns Tapferkeit vollzählig. Der stinkreiche John Ratcliffe leitet die Expedition, wobei für ihn nur zwei Dinge eine Rolle spielen: Die Bodenschätze Amerikas und eine letzte Möglichkeit in seinem bereits verpfuschten Leben, noch zu Ruhm und Ansehen zu kommen. Gerade angekommen beginnen die Engländer, nach Schätzen zu suchen, die Natur zu zerstören und militärische Stützpunkte aufzubauen. Die ansässigen Indianer beobachten die Ankunft der Siedler mit angemessener Skepsis – die erste Begegnung zwischen den vermeintlichen „Wilden“ und den Eroberern verläuft missverständlich und endet im Gefecht. Während beide Seiten sich für den Krieg rüsten, verliebt sich die freiheitsliebende Häuptlingstochter Pocahontas in John Smith. Die Romanze zwischen den beiden erweist sich als letzte Chance um einen blutigen Kampf abzuwenden.
Von einem Disneyfilm historische Genauigkeit zu verlangen scheint etwas vermessen – dass „Pocahontas“ von etlichen Kritikern trotzdem genau auf diesen Punkt abgeklopft wurde, liegt vermutlich am gewählten Hintergrund: Mit der Erschließung des nordamerikanischen Kontinents hat man sich eine bluttriefende und archaische Epoche ausgesucht, deren Verniedlichung gerade von Seiten eines amerikanischen Großkonzerns verständlicherweise aufhorchen lässt. Von Ethno-Kitsch bis zur Geschichtsrevision wurden gegen den 33. abendfüllenden Disneyfilm einige harrsche Kritikpunkte ins Feld geführt. Nicht zu Unrecht, vielleicht. Es sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass auch „Pocahontas“ den Schrecken der Indianerkriege anklingen lässt, wenn als einziger Todesfall im Film ein stolzer, loyaler indianischer Krieger der Unsicherheit der Weißen zum Opfer fallen muss. Auch die exzessive Ausschlachtung der Natur wird im Film in bedrohliche Bilder getaucht, die Dekadenz des Adels kommt wunderbar zur Geltung im fetten und hinterlistigen Ratcliffe, der seinen Hund besser behandelt als seine Soldaten und für den die im Film klar positiv gezeichneten Indianer nichts als verabscheuungswürdige Wilde sind. „Pocahontas“ geht also sehr weit, mutet den Kleinsten im Publikum viel zu und wartet zudem mit einem überraschend offenen Ende auf: Pocahontas und John Smith enden nicht entgegen der Historie als glückliches Paar – sehnsuchtsvoll blickt die Heldin des Films dem Schiff hinterher, dass ihre große Liebe verletzt nach England zurückbringt. Nach fünf Megahits in Folge bedeutete „Pocahontas“ den ersten Zuschauerrückgang für Disney seit Mitte der Achtzigerjahre. Immer noch ein großer Erfolg, deutete diese Entwicklung andererseits auch auf den kommenden qualitativen Verfall der Disney-Meisterwerke hin – lediglich „Mulan“ konnte anschließend nochmal ähnlich begeistern.
Der zweite Teil, den Disney wie üblich als schnell produzierte Direct-to-Video-Produktion auf den Markt brachte, lässt zwar die feinsinnigen Animationen und die reichen Farbpaletten des Originals vermissen, gehört aber dennoch klar zu den wenigen sehenswerten Fortsetzungen. 1998 veröffentlicht, gehört er zu den ersten Filmen, die einen Vertreter der Meisterwerk-Reihe weiterführen. Es ist unübersehbar, dass „Pocahontas 2 – Reise in eine neue Welt“ noch mit mehr Verve und Motivation gemacht ist – inhaltlich bemüht man sich um Vertiefungen der historischen Dimension, Kinder erhalten einen informativeren Einblick in Naturmystizismus und Lebensweise der Indianer, die Reise in eine neue Welt – die der Titel verspricht – beschreibt dagegen Pocahontas‘ Aufbruch nach England. Hier folgt der Film wie sein Vorgänger den Legenden amerikanischer Folklore und lehnt sich so weit es geht an historisch verbürgte Ereignisse an. Die Liebesgeschichte zwischen Pocahontas und dem Engländer Rolfe stellt sie vor eine Entscheidung in der Liebe, die es in dieser reifen und erwachsenen Art – so ganz ohne verschämte Verklärung – selten zu sehen gab im Disney-Universum. Die junge Indianerin reist als Botschafterin nach England und entwickelt sich in dieser Version zur wichtigen Vermittlerin zwischen den amerikanischen Ureinwohnern und den Briten. „Pocahontas“ ist daher sowohl als Single-Edition als auch im Doppelpack eine Investition wert und sowohl als Ökofabel als auch als Heranführung an die gewählte historische Epoche von großem künstlerischen und auch pädagogischen Wert. Die Blu-Ray-Abtastung sieht nochmal wesentlich schöner aus als die DVD-Version und lässt die üppigen Farben in kristalliner Klarheit erstrahlen – auch technisch lohnt sich das Update fraglos.
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